Zukunft der deutschen Wirtschaft: Mehr Mut, loszulassen

Deutschland ist geplagt von Arbeitskräftemangel. Dennoch halten Politiker am Erhalt von Arbeitsplätzen in Branchen fest, in denen Deutschland nicht wettbewerbsfähig ist – koste es, was es wolle.

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Saarländische Stahlproduzenten werden mit 2,6 Milliarden Euro subventioniert, doch nur rund 800 Millionen Euro (30 Prozent) davon kommen von der Landesregierung. [<a href="https://www.shutterstock.com/de/image-photo/old-disused-steel-mill-saarland-2202968713" target="_blank" rel="noopener">mahc/shutterstock</a>]

Deutschland ist geplagt von Arbeitskräftemangel. Dennoch halten Politiker am Erhalt von Arbeitsplätzen in Branchen fest, in denen Deutschland nicht wettbewerbsfähig ist – koste es, was es wolle.

Europas industrielles Zentrum schwächelt.

Deutschland, die größte Volkswirtschaft der Europäischen Union, befindet sich nach einer Rezession im letzten Jahr auch weiterhin nahe der Stagnation.

Die Bundesregierung rechnet 2024 nur noch mit einem Wirtschaftswachstum von 0,2 Prozent, nachdem sie es gegenüber früheren Erwartungen von 1,3 Prozent deutlich nach unten korrigieren musste.

Auffallend ist jedoch, dass der wirtschaftliche Einbruch nicht mit einer Massenarbeitslosigkeit einhergeht, wie sie in den späten 1990er und frühen 2000er Jahren herrschte, als Deutschland zuletzt als der „kranke Mann Europas“ bezeichnet wurde.

Ganz im Gegenteil: Das Land wird von einem gravierenden Arbeitskräftemangel geplagt, der sich mit dem Eintritt der Generation der Babyboomer in den Ruhestand noch verschärfen wird. Dies wird nicht nur in diesem Jahr, sondern auch in den kommenden Jahren das Wachstumspotenzial beeinträchtigen.

„Wir haben jetzt eben ganz andere Probleme [als in den 90ern], die bei uns das Wachstum bremsen, und zwar, wenn Sie so wollen, am anderen Ende dieses Spektrums“, so Stefan Kooths, Direktor für Konjunktur und Wachstum am Kieler Institut für Weltwirtschaft, gegenüber Euractiv.

„Uns fehlen zunehmend die Hände und Köpfe, mit denen wir hier überhaupt wirtschaftlich aktiv sein können“, fügte er hinzu.

Innerhalb Europas steht Deutschland mit diesem Problem nicht allein da, denn der ganze Kontinent wird älter. Da immer mehr „Babyboomer“ (die in den späten 1950er und 1960er Jahren geboren wurden) in den Ruhestand gehen, häufen sich die offenen Stellen, um ältere Arbeitnehmer zu ersetzen.

In einem wenig beachteten Dokument forderte die Europäische Kommission letztes Jahr alle EU-Staaten auf, ihre Politik an die alternde Gesellschaft anzupassen. Denn diese führe zu einer „riesigen Lücke auf dem Arbeitsmarkt“, wie Kommissionsvizepräsidentin Dubravka Šuica es ausdrückte.

Deutschland wird älter. Was tun?

Um zu verstehen, wie eine solche Anpassung in der Praxis aussehen kann, muss man sich mit politisch mehr oder weniger heiklen Themen befassen. Diese erklären das Dilemma, in dem sich Wirtschaftspolitiker befinden.

Eine offensichtliche Lösung ist die Zuwanderung in den Arbeitsmarkt. Allerdings ist der Arbeitskräftebedarf enorm.

Laut Monika Schnitzer, der Vorsitzenden der Wirtschaftsweisen, bräuchte Deutschland eine Nettozuwanderung von 400.000 Personen pro Jahr. Tatsächlich hat Deutschland dies in den meisten der letzten Jahre erreicht, allerdings nur aufgrund des Zustroms von Migranten, die vor Kriegen fliehen und Asyl suchen.

Jetzt betonen Politiker aller Parteien, dass sie die Migranten, die ins Land kommen, besser auswählen wollen. So hat der Bund vor kurzem ein Gesetz verabschiedet, welches die Abschiebung von Migranten ohne legalen Aufenthaltsstatus erleichtern soll. Bundeskanzler Olaf Scholz erklärte, dies sei in großem Stil notwendig.

Gleichzeitig bemüht sich die Bundesregierung um verstärkte Zuwanderung von Fachkräften, denn deren Mangel sei zurzeit die größte „Wachstumsbremse“, wie Scholz betonte.

Eine andere Strategie besteht darin, Frauen für den Arbeitsmarkt zu mobilisieren, insbesondere durch eine Ausweitung der Kinderbetreuung und Altenpflege.

Allerdings schafft dies wiederum neue freie Stellen im Pflegesektor, der angesichts der steigenden Zahl pflegebedürftiger Senioren ohnehin größer werden wird.

Eine weniger offensichtliche Lösung ist im Bereich der Industriepolitik zu finden.

Denn wenn man europäischen und vor allem deutschen Politikern genau zuhört, meinen sie immer noch, sie müssten „Arbeitsplätze schaffen“, koste es, was es wolle.

So gibt Deutschland nicht nur 15 Milliarden Euro für Chip-Hersteller wie Intel und TSMC aus, sondern fördert auch den Aufbau klimafreundlicher Produktionsstätten für energieintensive Branchen wie Stahl, Aluminium, Glas und andere mit etwa 10 Milliarden Euro.

Und das, obwohl Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen Staaten schlechtere Bedingungen für die Produktion dieser Güter vorfindet. Dies liegt daran, dass die Preise für erneuerbare Energien hierzulande höher sind als in Staaten mit mehr Sonnenstunden oder mehr Wasserkraft.

„Andalusien zum Beispiel ist zukünftig schlicht attraktiver als Ludwigshafen, zumindest für die energieintensive Industrie“, schrieb Philipp Jäger, Policy Fellow am Jacques Delors Centre Berlin, in einem letzte Woche veröffentlichten Meinungsbeitrag mit Blick auf die Heimat des deutschen Chemieriesen BASF.

Auf die Frage, warum Deutschland seinen eigenen grünen Stahl produzieren sollte, anstatt ihn aus anderen europäischen Staaten zu importieren, wies Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) am Mittwoch schnell darauf hin, dass „dort Beschäftigung stattfindet.“

Noch deutlicher wurde Anke Rehlinger (SPD), Ministerpräsidentin des Saarlands. Auf einer Veranstaltung der Autoindustrie ebenfalls letzte Woche bezeichnete sie den Import – statt einer heimischen Produktion – von Grundstoffen wie Stahl oder Chemikalien als „Horrorszenario“.

Zeit für mehr Ehrlichkeit

Rehlinger forderte mehr Ehrlichkeit in der Debatte. Sie „gebe lieber Milliarden zur Erhaltung von Arbeitsplätzen aus, als dass ich mit Milliarden Arbeitslosigkeit in diesem Land finanziere.“

Die saarländischen Stahlproduzenten werden mit 2,6 Milliarden Euro subventioniert, doch nur rund 800 Millionen Euro (30 Prozent) davon kommen von der Landesregierung.

„Das ist das Denken der 1990er Jahre vor dem Hintergrund der Massenarbeitslosigkeit“, wandte Kooths ein.

Nochmals: Arbeitslosigkeit ist heute nicht das Problem und wird es wahrscheinlich auch in naher Zukunft nicht sein.

„Es fehlt an allen Ecken und Kanten“, sagte Habeck mit Blick auf den eklatanten Arbeitskräftemangel.

Deutschland wird angesichts seiner schrumpfenden Erwerbsbevölkerung, seines wachsenden Arbeitskräftebedarfs im Pflegesektor und seiner vergleichsweise hohen Energiepreise schlicht nicht in der Lage sein, alles, was es braucht, selbst zu produzieren.

Aber das muss kein Grund für Untergangsstimmung und Pessimismus sein.

Der größte Teil der Wertschöpfung in der deutschen Industrie findet in den späteren Stufen der Wertschöpfungskette statt, etwa der Produktion von Maschinen und Autos. Energieintensive Güter machen dagegen nur 2,5 Prozent des deutschen Bruttoinlandsprodukts aus.

Wenn die Hersteller von Gütern mit höherer Wertschöpfung eine Chance haben sollen, auf den globalen Märkten zu konkurrieren, brauchen sie Stahl und andere energieintensive Grundstoffe von dort, wo sie in Europa am günstigsten produziert werden können, argumentiert Jäger.

Ähnlich äußerte sich auch Karl Haeusgen, Präsident des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA), in einem Gespräch mit Journalisten im vergangenen Jahr.

„Wir kaufen ganz viel Stahl als Unternehmen“, sagte Haeusgen, der auch Miteigentümer von HAWE Hydraulics SE ist. „Ob ich diesen Stahl in Nordeuropa, Mitteleuropa oder Südeuropa kaufe, ist völlig egal“, fügte er hinzu.

„Nachdem wir, demografisch bedingt, in der ‚komfortablen‘ Situation sind, dass der Abbau von Arbeitsplätzen an einzelnen Standorten nicht mehr diese dramatischen sozialen Auswirkungen hat, die wir vielleicht in den 70er, 80er und 90er Jahren hatten – weil die Arbeitskräfte vom Arbeitsmarkt zu einem bedeutenden Teil wieder aufgenommen werden – glaube ich, sollte man etwas mehr Mut zum Strukturwandel haben“, sagte er.

Man kann davon ausgehen, dass EZB-Präsidentin Christine Lagarde etwas Ähnliches im Sinn hatte, als sie Deutschland kürzlich dazu aufforderte, sein Wirtschaftsmodell „umzugestalten.“

Habeck hingegen betonte letzte Woche, er wolle sich von keiner Industrie in Deutschland verabschieden.

Vielleicht sollte er umdenken: Der Abschied von einigen energieintensiven Produzenten könnte helfen, sich auf die zu konzentrieren, auf die es wirklich ankommt.

[Bearbeitet von Nathalie Weatherald]