"Wir brauchen eine umfassende Hungerstrategie"

SPECIAL REPORT – Ernährungssicherheit (III)Lange spielte der Kampf gegen den Welthunger nur eine untergeordnete Rolle für das Bundesentwicklungsministerium. Jetzt soll Schluss damit sein: In einem Standpunkt erklärt Stefan Schmitz, Ernährungsexperte beim BMZ, wie Deutschland die globale Mangelernährung nachhaltig unterbinden will.

Das Bundesentwicklungsministerium stellt die Ernährungssicherung ins Zentrum ihrer Arbeit. Ländliche Entwicklung und Landwirtschaftsförderung seien maßgebliche Eckpfeiler, schreibt Stefan Schmitz vom BMZ. Foto: pixelio.de / Volz
Das Bundesentwicklungsministerium stellt die Ernährungssicherung ins Zentrum ihrer Arbeit. Ländliche Entwicklung und Landwirtschaftsförderung seien maßgebliche Eckpfeiler, schreibt Stefan Schmitz vom BMZ. Foto: pixelio.de / Volz

SPECIAL REPORT – Ernährungssicherheit (III)Lange spielte der Kampf gegen den Welthunger nur eine untergeordnete Rolle für das Bundesentwicklungsministerium. Jetzt soll Schluss damit sein: In einem Standpunkt erklärt Stefan Schmitz, Ernährungsexperte beim BMZ, wie Deutschland die globale Mangelernährung nachhaltig unterbinden will.

Zur Person

Stefan Schmitz ist Referatsleiter für Ländliche Entwicklung, Landwirtschaft und Ernährungssicherung im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) in Bonn. Zuvor arbeitete der studierte Geograph für das BMZ im Sekretariat der OECD in Paris. ________________ Die deutsche Entwicklungspolitik hat in den letzten vier Jahren die ländliche Entwicklung, Landwirtschaftsförderung und den Kampf gegen Hunger und Mangelernährung nach längerer Vernachlässigung wieder zu Schwerpunkten ihrer Arbeit gemacht. Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) stellt hierfür jährlich rund 700 Millionen Euro zur Verfügung. Im Juni 2013 hat Deutschland zudem den Global Nutrition for Growth Compact unterzeichnet und zugesagt, durch das BMZ bis 2020 rund 200 Millionen Euro im Rahmen von Vorhaben bereitzustellen, die gezielt einen direkten Beitrag leisten, um die Nahrungsmittelversorgung insbesondere von Kleinkindern und Müttern qualitativ zu verbessern. Umfassende Entwicklungsmaßnahmen zur Armutsbekämpfung im ländlichen Raum sowie eine gezielte Steigerung einer nachhaltigen landwirtschaftlichen Produktion und Anpassung an den Klimawandel bilden in bestimmten Regionen die zentralen Voraussetzungen für eine bessere Nahrungsverfügbarkeit, einen besseren Zugang zu Nahrung sowie für eine Stärkung der Resilienz gegenüber Nahrungsengpässen durch Naturereignisse oder ökonomische Schocks. Viele ländliche Räume leiden darunter, dass es kaum wirtschaftliche Tätigkeiten außerhalb der Landwirtschaft gibt. Landwirtschaft ist jedoch nur ein Teil der ländlichen Wirtschaft. Gerade durch eine Verknüpfung landwirtschaftlicher und nichtlandwirtschaftlicher Entwicklung können die eigentlichen Chancen, die der ländliche Raum für Beschäftigung, Armutsbekämpfung und Ernährungssicherung bietet, in vollem Umfang erschlossen werden. Die deutsche Entwicklungspolitik orientiert sich daher am Leitprinzip einer umfassenden Entwicklungsstrategie für den ländlichen Raum und ergreift die dortigen Chancen einer wirtschaftlichen Diversifizierung zur Steigerung der Wertschöpfung.

Ernährungssicherung „multi-sektoral“ denken

Ländliche Entwicklung und Landwirtschaftsförderung sind für Ernährungssicherung notwendige Eckpfeiler, sie alleine reichen aber in vielen Regionen nicht aus. Damit alle Menschen in einer Region auch jederzeit Zugang zu ausreichender, sicherer und gesunder Nahrung haben, und diese Nahrung auch verwenden und verwerten können, ist ein integrierter, multi-sektoraler Ansatz notwendig, der umfassend allen Aspekten der Ernährungssicherung Rechnung trägt und dabei insbesondere die von Hunger und Mangelernährung gefährdeten Gruppen erreicht. Um diesem Umstand gerecht zu werden und künftig noch zielgerichteter zur Ernährungssicherung beitragen zu können, hat das BMZ kürzlich eine entsprechende strategische Orientierung vorgestellt, die nun handlungsleitend für das BMZ, seine Durchführungsorganisationen die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit GIZ und die Kreditanstalt für Wiederaufbau KfW ist. Demnach wird ein integrierter Ansatz zur Ernährungssicherung in sechs Handlungsbereichen verfolgt: – Verbesserung nationaler Rahmenbedingungen für Ernährungssicherung – Landwirtschaft – Bildung – Gesundheit – Soziale Sicherung – Ernährungssicherung in fragilen Situationen und beim Wiederaufbau. Die deutsche Entwicklungspolitik wird die Umsetzung dieses strategischen Ansatzes vor allem über ihre bilateralen Kooperationsprogramme betreiben, aber auch durch Mitwirkung an multilateralen Initiativen, durch Hinwirken auf Politikkohärenz für Entwicklung in der Landwirtschafts-, Fischerei-, Handels-, Klima-, Energie und Umweltpolitik sowie durch Mitgestaltung globaler Normen und Regeln.

Frauen in den Fokus, Wirtschaft einbinden

Im Rahmen der bilaterale Entwicklungszusammenarbeit mit ernährungsunsicheren Ländern wird nun konsequent die Frage gestellt: Können die mit diesen Ländern vereinbarten Schwerpunkte der Zusammenarbeit Beiträge zur Verbesserung der Ernährungssituation im Land leisten und wie kann dies integriert werden? Fünf Kernelemente sollen hier verfolgt werden: Integration von Aspekten der Ernährungssicherung in Bereiche wie Stadtentwicklung, Wirtschaftsförderung, Gesundheitswesen und Familienpolitik, Bildung, Wasser, Energie, Markt- und Transportinfrastruktur. Fokus auf Frauen: Die Stärkung der Frauen ist entscheidend für eine gute Ernährung der Familie und insbesondere der Kinder. Daher wird das BMZ verstärkt und messbar die Einbeziehung von Frauen in Vorhaben mit Bezug zu ländlicher Entwicklung und Ernährungssicherung vorantreiben. Einbindung des Privatsektors, um gezielt Verfügbarkeit und Zugang zu gesunden Nahrungsmitteln zu verbessern. Deutschland fördert dies konkret durch die German Food Partnership (GFP). Durch Public Private Partnership Projekte, also das Zusammenführen von öffentlichen Mitteln mit privatem Kapital, werden Wissen und Kapital für Ernährungssicherung mobilisiert. Gefördert werden vor allem inklusiv ausgerichtete private Investitionen, die Menschen am Sockel der Einkommenspyramide als Konsumenten, Produzenten oder Lieferanten in agrarischen Wertschöpfungsketten einbeziehen. Die Zivilgesellschaft im Kooperationsland ist ein wichtiger Partner für eine auf Ernährungssicherung ausgerichtete Entwicklungspolitik. Die Zusammenarbeit mit der internationalen Zivilgesellschaft ist eine wichtige Säule, um auch international Positionen zur Umsetzung des Rechts auf Nahrung, der Freiwilligen Leitlinien für die verantwortungsvolle Verwaltung von Boden- und Landnutzungsrechten, Fischgründen und Wäldern, die Rechte der Bauern beim Zugang zu Saatgut und der Nutzung indigenen Wissens zu verstärken. Konsequentes Monitoring der Wirkungen auf die Ernährungssicherung im Schwerpunkt Ländliche Entwicklung in relevanten Programmen. Für den Landwirtschaftssektor legt das Konzept von 2013 fest, dass Ernährungssicherung als Ziel verfolgt werden und entsprechend mit Indikatoren belegt werden muss. Die deutsche Unterstützung des Global Nutrition for Growth Compact wird zusätzlich durch gezielte Indikatoren und deren Monitoring begleitet werden.

Globales Engagement gegen Hungerleiden

International wird die Entwicklungspolitik ihr Engagement zur Formulierung von Politiken, Normen und Regeln für Ernährungssicherheit gezielt fortführen. Relevante Prozesse hierzu werden im Rahmen G8, G20, Welternährungsausschuss (CFS) und der Scaling Up Nutrition (SUN) Initiative aktiv begleitet. Auch in der Entwicklungspolitik der EU, an der Deutschland aktiv mitwirkt, spielt Ernährungssicherung wieder eine wichtigere Rolle. Dies kommt etwa in der “Agenda für den Wandel” und im Politikrahmen der EU zur Unterstützung der Entwicklungsländer bei der Verbesserung der Ernährungssicherheit, im Konzept für Resilienz sowie der Mitteilung zur Verbesserung der Ernährung von Mutter und Kind im Kontext der Außenhilfe zum Ausdruck.

Links

Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ): Themenportal Ländliche Entwicklung und Ernährungssicherung Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ): Ländliche Entwicklung Weitere Beiträge unseres Special Reports zu „Ernährungssicherheit“ Die Grüne Revolution der Kleinbäuerinnen (18. November 2013) EU wappnet Äthiopien gegen Dürrekatastrophen (20. November 2013) Bodenerosion: „100 % Bio ist keine Lösung für Afrika“ (22. November 2013)