Warum die neue deutsche Wasserstoffstrategie Maroš Šefčovič braucht

Die neue deutsche Wasserstoffstrategie bringt sich und die EU an die Spitze  der Wasserstoffindustrie, schreibt Jorgo Chatzimarkakis.

EU Commission VP Sefcovic gives press conference on joint gas purchases
EU-Kommisionsvize Maros Sefcovic sei der perfekte Mann um die EU bei der COP28 zu vertreten, argumentiert Jorgo Chatzimarkakis. [EPA-EFE/OLIVIER HOSLET]

Die neue deutsche Wasserstoffstrategie bringt sich und die EU an die Spitze  der Wasserstoffindustrie, schreibt Jorgo Chatzimarkakis.

Jorgo Chatzimarkakis ist ein ehemaliger FDP-Europapolitiker und Cheflobbyist der Wasserstoffindustrie als CEO von Hydrogen Europe.

Als die Große Koalition in Deutschland Ende 2019/Anfang 2020 ihre erste Wasserstoffstrategie beschloss, galt der Sektor noch als Nischentechnologie. Viele deutsche Unternehmen bekundeten bereits ihr Interesse gegenüber der Bundesregierung, aber insgesamt bestand aufgrund der billigen Energieversorgung aus Russland kein Handlungsdruck.

Erst die Pandemie und die daraus resultierende Unterbrechung der globalen Versorgungsketten und insbesondere der Einmarsch Russlands in die Ukraine veränderten die Landschaft dramatisch.

Die Strategie 2019, die die ersten Überlegungen für Ausschreibungsinvestitionen auslöste, musste radikal und grundlegend überarbeitet werden.

Die vom Bundeskabinett verabschiedete Neufassung kann sich sehen lassen, denn sie erweitert die Liste der für Investitionen infrage kommenden Wasserstofffarben und festigt die Position Deutschlands als einer der herausragenden Akteure im Bereich Wasserstoff, nicht nur in Europa, sondern weltweit.

Die Zahlen sprechen für sich:

  • Das Ziel für die inländische Elektrolysekapazität wird bis 2030 von 5 GW auf mindestens 10 GW verdoppelt.
  • Für die Fortschreibung der NWS wird ein Gesamtwasserstoffbedarf von 95 bis 130 TWh für das Jahr 2030 angenommen. Dies beinhaltet den prognostizierten Bedarf an Wasserstoffderivaten wie Ammoniak, Methanol oder synthetischen Kraftstoffen und ist konsistent mit verschiedenen Energieszenarien, die für 2030 einen neuen Wasserstoffbedarf in Deutschland zwischen 40 und 75 TWh sehen, der nach 2030 stark ansteigen wird.
  • Darüber hinaus wird der bestehende Bedarf an Wasserstoff in Deutschland von rund 55 TWh derzeit durch grauen Wasserstoff gedeckt. Dieser wird voraussichtlich bis 2030 durch Produktionsumstellungen oder im Rahmen der Energiewende sinken.

Die Bundesregierung wird die Entwicklung des Bedarfs kontinuierlich beobachten und gegebenenfalls mit geeigneten Maßnahmen vorausschauend reagieren.

Wasserstoff wird eindeutig als Lösung für die Ablösung fossiler Energieträger gesehen, wobei auch erneuerbare und andere saubere Technologien in Verbindung mit Wasserstoff eingesetzt werden.

Was die Bundesregierung allerdings noch unterschätzt, ist die schiere Größe des Wasserstoffsektors in der zukünftigen Industriestruktur. Deutschland befindet sich in einem Prozess der schleichenden, sich beschleunigenden Deindustrialisierung. Insbesondere die Abwanderung von Chemieunternehmen und der Verlust von Arbeitsplätzen in diesem Bereich sind besorgniserregend.

Man denke nur daran, dass rund 8.000 Arbeitsplätze aus Ludwigshafen abwandern, weil die BASF ihr China-Geschäft auf Kosten Deutschlands ausbauen will.

Ein suboptimaler Zustand, nachdem gerade die deutsche Politik den Konzern jahrelang bevorzugt behandelt und ihm eine Gasverbindung aus Russland garantiert hat, trotz des enormen, deutlich sichtbaren politischen Schadens, der dadurch entstanden ist.

Die Bundesregierung hat bisher fast tatenlos zugesehen, aber die Wasserstoffindustrie kann eine Blaupause dafür sein, wie Arbeitsplätze in Europa und Deutschland erhalten werden können.

Genau hier, an diesem Knackpunkt, wird deutlich, dass die grüne Wasserstoffproduktion in Kombination mit Stickstoff aus der Luft das Ammoniak ersetzen könnte, das Ludwigshafen an China verliert.

Das Potenzial des Wasserstoffs zur Erreichung unserer globalen Klima- und Nachhaltigkeitsziele ist natürlich von Vorteil, aber er kann auch eine große Rolle bei der dringend notwendigen Reindustrialisierung Deutschlands spielen.

Wasserstofftechnologien eignen sich nicht nur für eine grüne und saubere chemische Industrie, sondern auch für die Herstellung von CO2-freiem Stahl. Die Bundesregierung hat gemeinsam mit der EU-Kommission die Weichen gestellt und die beiden größten deutschen Stahlkonzerne, Thyssen Krupp und Salzgitter, entsprechend gefördert.

Deutschland kann auch auf die heimische Wasserstoffproduktion, insbesondere durch Elektrolyse, setzen: Der Export von in Deutschland hergestellter Technologie könnte zum Renner werden, wenn sich deutsches Kapital endlich engagiert.

Viel zu wenig beachtet werden die Chancen, insbesondere für deutsche Unternehmen auf dem Weltmarkt, in Deutschland tatsächlich Arbeitsplätze in der Wasserstoffnutzung und -produktion zu schaffen.

Aber es gibt auch viel Licht in der neuen Wasserstoffstrategie: Die enthaltenen Farben des Wasserstoffs sind viel vielfältiger, als man es sich hätte vorstellen können.

Neben grünem Wasserstoff werden auch blau, türkis und orange gefördert. Roter Wasserstoff, der mit Kernenergie erzeugt wird, ist noch nicht enthalten. Besonders zu begrüßen ist, dass nach dieser Strategie Wasserstoff nicht nur als chemischer Grundstoff in der Industrie, sondern auch in den Bereichen Mobilität und Heizung eingesetzt werden soll.

Dies ist eine entscheidende Weichenstellung und es ist zu begrüßen, dass Robert Habeck diesen für die deutsche Wirtschaft wichtigen Schritt mutig geht.

Ehrlich gesagt, hätte die Strategie die Speicherung stärker hervorheben können. Deutschland litt 2022 unter sehr hohen Kosten, die durch Abregelung und Redispatching von erneuerbaren Energien verursacht wurden: 4,25 Milliarden Euro gingen verloren, weil es keine Speicherlösungen für erneuerbare Energien gab.

Die notwendige Sektorkopplung wird zwar angesprochen, aber die Brisanz dieser stark gestiegenen Kosten wird nicht wirklich aufgezeigt. Wasserstoff wäre die ideale Speicherlösung für diesen wirtschaftlichen Schaden.

Abgesehen von der Solartechnik ist der Kern des Wissens und der Produktion von erneuerbaren Energien nach wie vor in Deutschland zu finden. Beispiele sind Traditionsunternehmen wie Thyssen Krupp mit Nucera, aber auch neue Start-ups wie Sunfire sind Superstars auf dem weltweiten Elektrolysemarkt.

Die Bundesregierung hat es versäumt, ihre eigenen Interessen bei den Delegierten Rechtsakten der Europäischen Kommission, die letztlich die Kriterien für die Nachhaltigkeit von Wasserstoff festlegen, rechtzeitig zu erkennen.

So kam die deutsche Intervention zur Verhinderung der stündlichen Korrelation viel zu spät. Nun muss ab 2030 jeder, der weltweit Wasserstoff nach Europa liefert, stündlich nachweisen, dass der für die Elektrolyse verwendete erneuerbare Strom aus einer nahe gelegenen Quelle stammt, deren Technologie nicht älter als drei Jahre ist.

Dieser Prozess wird letztlich die Wasserstoffpreise um das Fünffache in die Höhe treiben, weshalb die USA eine ähnliche Politik nicht einführen werden.

Sie geht auf Wunschträume der EU-Kommission zurück, die bis vor kurzem von der Vizepräsidentin der EU-Kommission Margrethe Vestager vertreten wurden. Die stündliche zeitliche Korrelation muss dringend und so schnell wie möglich überprüft werden, da sie ein Investitionshindernis ersten Grades darstellt.

Ähnlich verhält es sich mit der Klassifizierung von synthetischen Kraftstoffen, die für den Flug- und Schiffsverkehr dringend benötigt werden. Für die internationale Produktion dieser Kraftstoffe kommen nur Länder in Frage, in denen es eine bestehende CO2-Regulierung gibt, wie beispielsweise das Emissionshandelssystem, das wir in Europa haben.

Das ist absurd, denn die günstigsten Produktionsstandorte für grünen Wasserstoff verfügen oft noch nicht über eine solche CO2-Regulierung, sondern werden heute und morgen als Partner der deutschen Wirtschaft ausgeschlossen.

Ein Umstand, der zum Beispiel Südafrika betrifft und viele deutsche Unternehmen dort zur Verzweiflung treibt. Auch hier ist zwar die EU-Kommission schuld, aber die Bundesregierung hat tatenlos zugesehen.

Die Untätigkeit muss nun im Vorfeld der Klimakonferenz am nächsten Tag ein Ende haben. Mithilfe dieser Strategie in Verbindung mit der europäischen Strategie können wir uns tatsächlich als Verfechter der globalen Dekarbonisierungsziele erweisen.

Wer verhandelt bei der COP28 für die EU?

Dennoch bleibt die Frage, wer für die EU handeln soll. Mit der Ankündigung seiner Spitzenkandidatur in den Niederlanden scheint der Chefunterhändler am 22. August zu gehen.

Frans Timmermans hat sich in der Welt großen Respekt verschafft und war für die Europäische Union von so großer Bedeutung.

Meiner Meinung nach gibt es nur eine Person, die in seine Fußstapfen treten könnte, um die Verhandlungen auf nationaler Ebene fortzuführen: Maroš Šefčovič, ein sehr erfahrener Verhandlungsführer, Chefeinkäufer für Gas auf europäischer Ebene und ein engagierter Klimapolitiker.

Aufgrund seiner Erfahrung und seines Bewusstseins wird er zweifellos eine stärkere Position der EU zum Thema Wasserstoff einbringen, insbesondere jetzt, da der Sektor an Fahrt aufgenommen hat.

Es wäre sicherlich positiv, wenn die Bundesregierung dieses politische Schwergewicht bei der Personalentscheidung der Kommissionspräsidentin unterstützen würde.