Stadt der Zukunft: Antworten auf das Post-A-O-Zeitalter
Standpunkt von Harald Bodenschatz (TU Berlin)Die Stadt der Zukunft darf nicht mehr "wie ein Junkie" von Atomenergie und vom Öl abhängig sein, kommentiert Harald Bodenschatz (TU Berlin). Der Soziologe erklärt, was der Umbau der "überkommenen Stadt" bedeutet und warum die Wissenschaft urbane Architektur und Mobilität zusammendenken muss. Bodenschatz warnt: Politik und Medien drohen wichtige Weichenstellungen der Stadtentwicklung zu verschlafen.
Standpunkt von Harald Bodenschatz (TU Berlin)Die Stadt der Zukunft darf nicht mehr „wie ein Junkie“ von Atomenergie und vom Öl abhängig sein, kommentiert Harald Bodenschatz (TU Berlin). Der Soziologe erklärt, was der Umbau der „überkommenen Stadt“ bedeutet und warum die Wissenschaft urbane Architektur und Mobilität zusammendenken muss. Bodenschatz warnt: Politik und Medien drohen wichtige Weichenstellungen der Stadtentwicklung zu verschlafen.
Zum Autor
Harald Bodenschatz ist Professor a. D. für Planungs- und Architektursoziologie an der Technischen Universität Berlin. Bodenschatz lehrte und forschte unter anderem in Italien, Brasilien, USA, Peru, Argentinien und England. In zahlreichen Veröffentlichungen widmet er sich der Stadterneuerung, dem postmodernen Stadtumbau, dem suburbanen Städtebau sowie der Stadtplanungs- und Stadtbaugeschichte.
Hinweis: Der Text erschien zunächst im EURACTIV.de-YellowPaper "Stadt der Zukunft" (Dezember 2011), das Analysen, Standpunkte und Interviews zur europäischen Stadtentwicklung versammelt.
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Renaissance der Stadt – Verfall der Stadt: Zwei widersprüchliche Szenarien prägen die Kommentare in Feuilletons und Wissenschaftsdebatten. Die Zukunft der deutschen Stadt erscheint offen. In der Tat ist beides zu beobachten: Aufbruch und Verfall – in der Regel sogar in derselben Stadt. Die Renaissance betrifft zuallererst die Stadtzentren und einige innerstädtische bürgerliche Quartiere. Verfall zeigt sich dagegen vor allem in den Großsiedlungen der 1960er bis 1980er Jahre und in den innerstädtischen ehemaligen Arbeiterquartieren. In den USA sehen wir, dass auch schon die schlichten Einfamilienhaussiedlungen am Stadtrand zu den Verlierern des urbanen Wandels gehören.
Was kann die öffentliche Hand?
Doch Renaissance und Verfall sind keine natürliche Entwicklung, kein Schicksal, keine Gottesentscheidung, die Zukunft der Stadt ist das Ergebnis unseres Handelns. Jetzt werden die Entscheidungen für morgen getroffen, und zwar jenseits des Städtebaus im engeren Sinne: Schaffen wir die proklamierte Energiewende? Können wir den Klimawandel bremsen? Wollen und können wir die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich wieder mindern? Sind wir in der Lage dazu, die öffentliche Hand wieder so zu stärken, dass sie all diesen Herausforderungen begegnen kann? Wer das Hin und Her der so genannten Euro-Rettung betrachtet, wird hier nicht so hoffnungsfroh sein. Alle Zukunftsfragen der Stadt verschwinden unter den Tischen eines globalen Spielkasinos: Rien ne va plus, les jeux sont faits!
Klärung der Zukunftsfragen
Doch was sind die Zukunftsfragen der Stadt? Vor allem geht es darum, die auf uns zukommende Energiewende zu meistern. Dazu können und müssen die Städte einen großen Beitrag leisten, denn sie sind das Problem (Energieverschwendung) wie die Lösung (Energieeffizienz). Die Energiewende in Deutschland ist weitaus mehr als ein Abschied von der Atomenergie, sie ist zugleich ein Abschied vom Zeitalter billigen Öls, das die Industrialisierung der Vergangenheit begleitet, ja beflügelt hat. Und sie muss einen Beitrag zur Bewältigung des Klimawandels leisten. Angelpunkt der Zukunftspolitik für unsere Städte ist vor diesem Hintergrund die lokale Umsetzung der Energiewende. Ziel ist eine Stadt, die nicht mehr von der Atomenergie (A) und vom Öl (O) wie ein Junkie abhängig ist.
Die Energiewende kann aber nur gelingen, wenn sie nicht als isolierte Aufgabe betrachtet wird. Sie erfordert außerordentliche ökonomische, soziale und kulturelle Sensibilität. Mit anderen Worten: Die in der Vergangenheit, vor der Finanzkrise und vor der Proklamation des Ausstiegs aus der Kernenergie breit diskutierten Aufgaben der kreativen Stadt, der sozialen Stadt und der kulturellen Stadt sind keineswegs obsolet geworden, sie erfordern aber eine Nachjustierung.
Auf dem Wege zur Post-A-O-Stadt
Die Suche nach der Stadt jenseits von A(tom) und O(el) betrifft zwei große Aufgabenfelder: einerseits den vorsichtigen Umbau der überkommenen Bauten und Viertel, insbesondere der im 20. Jahrhundert gebauten Stadt, andererseits die Entwicklung einer veränderten, neuen Mobilität. Diese beiden großen Aufgaben werden bereits breit diskutiert, allerdings in der Regel völlig getrennt voneinander. Es gibt ganz offensichtlich zwei unterschiedliche Fachkulturen, die sich entweder mit Architektur und Städtebau oder mit dem Stadtverkehr auseinandersetzen. Das zeigt sich schon an den Universitäten, aber auch bei den Fachverbänden und schließlich bei den Ressorts der öffentlichen Verwaltungen. Ohne eine Zusammenführung dieser isolierten Themenfelder wird es keine nachhaltige Stadtentwicklung geben. Beide Themenfelder erfordern eine Kooperation zwischen Politik, Verwaltung, Think Tanks und Zivilgesellschaft, sie erzwingen daher auch neue Formen der Verhandlung von strategischen Zielen und Projekten.
Der vorsichtige Umbau der überkommenen Stadt bedeutet zunächst die Setzung neuer Regeln für alle bestehenden und künftigen Bauten. Ein – zu Recht umstrittenes – Beispiel hierfür sind die Bestimmungen der Energieeinsparverordnung. Der Umbau betrifft darüber hinaus Bauten und Anlagen, die sich als wenig zukunftsfähig erwiesen haben. Hier geht es nicht nur um Energieeffizienz, sondern auch um Stadttauglichkeit. Beispiele hierfür sind manche Großbauten der Nachkriegszeit wie etwa der Steglitzer Kreisel in Berlin oder aufgegebene Warenhäuser. Dazu kommen ganze Stadtviertel wie die Großsiedlungen der 1960er bis 1980er Jahre und die hoffnungslos zersiedelte suburbane Peripherie der letzten Jahrzehnte – die größte Hypothek für eine nachhaltige Stadt von morgen.
Die zweite Schlüsselaufgabe ist die Förderung einer neuen Mobilität, die sich auf erhöhtem Fußgängerverkehr, Fahrradverkehr und öffentlichem Nahverkehr sowie auf vermindertem und stark verändertem privaten Verkehr (vermutlich E-Mobilität) gründet und die eine gestalterische Neuordnung des öffentlichen Raumes, der Straßen und Plätze unserer Stadt, erzwingen wird. Hier gilt es, die einseitig zugunsten des Individualverkehrs umgebauten Hauptstraßen und -plätze wieder zu reurbanisieren. Damit ist keineswegs die Einrichtung von Fußgängerzonen gemeint, sondern eine neue Balance der unterschiedlichen Verkehrsarten.
Der Wettbewerb um die kreative Stadt
Die deutschen Städte müssen – vor dem Hintergrund der notwendigen Energiewende – ihre ökonomischen Grundlagen erneuern. Dies erfordert neue wirtschaftliche Impulse, über die längst nachgedacht wird. Man denke nur an die energetische Sanierung des Baubestands, den Um- und Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs, die Förderung des Fahrradverkehrs, die Perspektiven privater E-Mobilität. Doch all diese Entwicklungen kommen nicht von selbst, sie erfordern ein privates und öffentliches Management auf allerhöchstem Niveau. Vor diesem Hintergrund wird das verbreitete Schlagwort der kreativen Klasse konkret: Gebraucht wird ein Heer von neuen Fachleuten, die diese Wende auf innovative Weise fördern, begleiten, nachjustieren. Der Wettbewerb um solche Fachleute wird die Zukunft der einzelnen Städte mit entscheiden. Wir brauchen nicht nur eine bessere Ausbildung an den Schulen und Universitäten, sondern auch ein Klima, das den Absolventen attraktive urbane Arbeits- und Lebensbedingungen in den Innenstädten, ein besonderes Klima der Offenheit, Toleranz und kulturellen Vielfalt bietet.
Das Ringen um die soziale Stadt
Entscheidend wird es sein, die Energiewende in den Städten so sozialverträglich wie nur irgend möglich zu steuern. Dafür sind die Voraussetzungen alles andere als gut. Alterung und Schrumpfung der Stadtgesellschaft erschweren einen solchen Kurs. Und Stadtentwicklungspolitik kann vieles erreichen, sie kann aber an Grundentscheidungen in anderen Ressorts nichts ändern. Solange unsere Gesellschaft weiterhin aktiv in Kauf nimmt, dass die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter aufklappt, wird sich die Zukunft der Stadt eher verdüstern. Denn es ist nicht nur die Armut an sich, sondern die Erfahrung einer immer weniger als gerecht empfundenen Umverteilung von unten nach oben, welche die soziale Stadt zersetzt. Das haben auch die Unruhen in Paris und London gezeigt. Entscheidend wird sein, wie die anstehenden Kosten der Energiewende verteilt werden. Verkehrs- und Wohnungspolitik sind auch Sozialpolitik.
Die Verteidigung der kulturellen Stadt
Die deutschen Städte müssen ihre mehr oder weniger verschütteten Qualitäten zum Glänzen bringen. Dies ist ein entscheidender Beitrag zur höheren Attraktivität einer Stadt nicht nur für die "kreative Klasse". Mit Hilfe der Städtebauförderung haben Bund und Länder wesentlich dazu beigetragen, dass historische Zentren saniert, Innenstadtgebiete erneuert und Altbauten modernisiert worden sind. Gut gestaltete öffentliche Räume, Mischung der Funktionen, eine höhere bauliche Dichte, Respekt vor den Besonderheiten des Ortes – diese Ziele fanden in einem langen und schmerzhaften Prozess breite Anerkennung. Heute sind sie aber wieder in Gefahr: Der Denkmalschutz wird in den Bundesländern geschwächt, eine neue Generation von Politikern in den Städten sieht die erhaltende Erneuerung der geschichtlichen Stadt oft nicht mehr als Kernaufgabe. Und bei der Suche nach neuen urbanen Wahrzeichen werden nur allzu oft öffentliche Gelder für kurzlebige Wow-Projekte verbrannt. Die Energiewende bringt neue Herausforderungen: Was gibt es für Alternativen zur Verpackung historischer Bausubstanz? Und wie können unsere öffentlichen Räume in einem Zeitalter neuer Mobilität attraktiv gestaltet werden?
Ausblick
Deutschland steht in der Stadtentwicklungspolitik vor einer Weichenstellung. Integratives Denken und Handeln sind geboten. Doch es scheint so, dass Politik und Medien dieses für die Zukunft der deutschen Städte entscheidende Thema verschlafen. Notwendig wäre – schon als sichtbare Botschaft der Verantwortlichen – eine kritische Rekonstruktion der in der Vergangenheit so erfolgreichen Städtebauförderungspolitik, nicht deren Demontage. Dazu bedarf es mehr denn je der Verarbeitung der Erfahrungen anderer europäischer Städte.
Links
TU Berlin: Institut für Soziologie – Planungs- und Architektursoziologie
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