Spenden: Wir stellen die falsche Frage

Standpunkt von Gerhard BittnerHilfsorganisationen haben ein Imageproblem: aufdringliche Fundraiser, zu hohe Marketingkosten, Falschdarstellungen – Skandale bedrohen die Bereitschaft der Menschen, zu spenden. Bei aller berechtigten Kritik geht dabei die wichtige politische Funktion der Hilfswerke vergessen.

Helfen ist ein menschliches Bedürfnis. Hilfsorganisationen bündeln und steuern die Hilfe. Gütesiegel sollen sicherstellen, dass das Geld auch tatsächlich bei den Bedürftigen ankommt. © Burkard Vogt / PIXELIO
Helfen ist ein menschliches Bedürfnis. Hilfsorganisationen bündeln und steuern die Hilfe. Gütesiegel sollen sicherstellen, dass das Geld auch tatsächlich bei den Bedürftigen ankommt. © Burkard Vogt / PIXELIO

Standpunkt von Gerhard BittnerHilfsorganisationen haben ein Imageproblem: aufdringliche Fundraiser, zu hohe Marketingkosten, Falschdarstellungen – Skandale bedrohen die Bereitschaft der Menschen, zu spenden. Bei aller berechtigten Kritik geht dabei die wichtige politische Funktion der Hilfswerke vergessen.

Der Autor


Gerhard Bittner, Jahrgang 1949, war bis zur Pensionierung Geschäftsführer der Österreichischen Forschungsstiftung für internationale Entwicklung (ÖFSE) und Leiter des Österreichischen Institutes für Spendenwesen (ÖIS).

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Gutes tun ist dem Menschen in sein Wesen eingebrannt. Alle Kulturen und Religionen bezeugen dies. Im christlich geprägten Europa hält sich selbst in zunehmend säkular orientierten Gesellschaften das Bild des Barmherzigen Samariters als Idealtypus. In Skalen vieler Wertestudien rangiert "den anderen helfen" ganz oben.

Diese "Sehnsucht helfen" ist heute in unserer komplexen Welt oft schwierig. Die Unmittelbarkeit einer Samariterhilfe trifft heute kaum Lebenswirklichkeiten. Und Vorsicht – die Geschichte vom Samariter wird oft nicht zu Ende erzählt und missverstanden. Er selbst benötigte Hilfe, ohne die "Institution Wirt" wäre der Helfer selbst hilflos.

So wird heute Gutes vorwiegend über Dritte getan. Man benötigt Mediatoren, Vermittler, die ihre Dienste anbieten. "Hilfsorganisationen" bedienen mit ihren Angeboten erkannte Defizite in den Wertvorstellungen der Menschen. Das inhaltliche Spektrum ist vielfältig und fast unübersehbar: Von der (internationalen) Armutsbekämpfung über Umweltfragen bis hin zum Tierschutz. Hilfsorganisationen übernehmen gleichsam die Rolle des Wirtes. Sie sorgen sich um eine professionelle Bearbeitung des Anliegens und sie benötigen dafür Geld. Damit sind wir beim Spenden.

Die Bedeutung der Spendenorganisationen liegt in ihrer vielfachen Wirkweise. Sie identifizieren gesellschaftliche Defizite und leisten dazu Informationsarbeit. In dieser Rolle sind sie nicht selten Vorboten gesellschaftlicher Veränderung. Aus Bürgerinitiative wird gesetzlich verankerte Verpflichtung des Staates. Ein Beispiel aus den letzten Jahrzehnten ist das Pflegegeld. Die Organisationen verstehen sich – auch in ihrer inneren Verfasstheit – als demokratische, von staatlicher Verwaltung unabhängige Einrichtungen. Sie sind dadurch auch ein Korrektiv in der Gesellschaft. Und sie leisten professionelle Hilfe dort, wo dies dem Spender unmöglich oder insgesamt unsinnig ist. Niemand will von nicht ausgebildetem Personal gepflegt werden.

Gütesiegel – Orientierungshilfe für kritische Spender

Diese Beschreibung mag idealistisch sein. Aber der Anspruch ermöglicht eine kritische Auseinandersetzung mit der unterstützten Organisation. Ist etwa das Anliegen tatsächlich auf Spenden angewiesen oder gibt es nicht schon ausreichende (öffentliche) Hilfe? Werden die inneren Strukturen, vor allem die Finanzgebarung transparent dargestellt? Verfügt die Organisation über ausreichende Kompetenz, das beschriebene Programm durchführen? Fragen, die in vielen Ländern Europas Grundlage für Zertifizierungen sind: Spendengütesiegel sind Orientierungshilfe für kritische Spender.

Diese Entwicklung, vorangetrieben von "Watchdog–Einrichtungen" wie der ZEWO in Zürich oder dem DZI in Berlin ist im zunehmend umkämpften Spendenmarkt höchst notwendig. Heute werden Spendenvorgänge und Kampagnen außerhalb der Hilfsorganisationen konzipiert und durchgeführt. Man bedient sich beim "Fundraising" professioneller – und gewinnorientierter – Werbeagenturen. Eine Trennung von gemeinnütziger Tätigkeit und Mittelbeschaffung ist die Folge. Das mag sinnvoll sein, wäre da nicht die berechtigte Nachfrage, wie viel Geld tatsächlich beim Anliegen ankommt.

Wir brauchen mehr Ethik bei der Spendenwerbung

Zumeist haben "Spendenskandale" ihre Ursache in einem überdimensionierten Aufwand für Marketing und Spendenwerbung. Ein nicht geringes Problem stellen weiter Werbemethoden dar. Wer kennt sie nicht, die mitunter aufsässigen jungen Keiler in Fußgängerzonen und vor Bahnhöfen. Sie machen zumeist ihren Job nicht aus Verbundenheit zum Organisationsanliegen, sondern des Verdienstes wegen. Ebenso zu hinterfragen sind spendenmaximierende, aber sachlich unrichtige oder sehr vereinfachte Darstellungen des Anliegens. Vor allem ältere Menschen – und sie spenden am meisten – werden unter anderem durch Bettelbriefe oft unzulässig bedrängt. Insgesamt ist mehr Ethik bei der Spendenwerbung gefragt.

Es geht um viel Geld. In Österreich beträgt das jährliche Spendenaufkommen rund 450 Millionen Euro. Es steigt trotz vieler Hinweise auf Wirtschaftskrisen kontinuierlich. Dies ist in vielen europäischen Ländern ebenso. Große Hilfsorganisationen gelten in der Öffentlichkeit auch als große Spendenempfänger. Ihre Finanzierung ist von Spenden aber nicht abhängig. Nur etwa 10 Prozent des Aufwandes sind spendenfinanziert. Allerdings sind Spenden, anders als öffentliche Zuschüsse nicht abrechnungspflichtig. Spendengeld kann frei eingesetzt werden und gilt dadurch auch als höchst willkommenes "Entwicklungsgeld".

Der sorgsame Umgang mit Spenden, entlang der erwähnten Gütesiegelsysteme in vielen Ländern Europas, hat sich verbessert. Die meisten Organisationen wissen um die Bedeutung transparenter und nachvollziehbarer Information. Jahresberichte sind selbstverständlich, lesbar und über Internet zugänglich geworden. Hinzu kommt die Steuerabsetzbarkeit – in Österreich erst seit wenigen Jahren – als Korrektiv. Aus Spendenskandalen können rasch Steuerskandale werden. Das will niemand riskieren. So baut man in vielen Ländern auf eine Selbstverpflichtung der Organisationen, staatliche Kontrolle ist kein Thema. Nachzudenken ist aber über eine gesetzliche Vorgabe zur Informationspflicht, wie dies etwa bei Aktiengesellschaften der Fall ist. Hier könnte der Staat im Sinn des Spenderschutzes unterstützend eingreifen.

Wir stellen die falsche Frage

Wie viel von meiner Spende kommt an? Diese Frage hat bei aller Wichtigkeit nicht die zentrale Bedeutung. Zu fragen ist vielmehr: Was bewirkt meine Spende? Ist es Aufgabe des Samariters, nur zu helfen oder wäre nicht auch das Gespräch mit den Räubern zu führen?

Ins Heute übersetzt: Hilfsorganisationen und ihre Spenderinnen und Spender haben eine politische Funktion. Nicht nur die aktuelle Situation, sondern veränderte gesellschaftliche Strukturen sind wichtig. Spenden für Brunnenbauten in Afrika, vielleicht noch bei prominent besetzten Charities zu sammeln, genügt nicht. Maßnahmen für (weltweit) gerechte Handelsbeziehungen, die Beseitigung größter Armut, den Aufbau von Bildungsstrukturen, für all das reichen Spenden nicht aus. Aber sie sind mit ihrer breiten Verankerung in der Bevölkerung das "Salz der Gesellschaft" um mehr Gerechtigkeit und Frieden zu bewirken.