Radfahrer auf Rindfleisch: Eine größere Gefahr fürs Klima als Autos?

Radfahren ist klimaschädlicher als das Auto, so das überraschende Urteil konservativer Medien. Doch die Berechnung basiert auf fragwürdigen Annahmen, schreibt EURACTIV-Verkehrsreporter Sean Goulding Carroll.

Euractiv.com
Brussels,,Belgium-,March,5,,2017:,City,Bikes,Station,In,Downtown
Sind Fahrräder, von vielen gefeiert als Wunderwaffe gegen Verkehrsprobleme, klimaschädlicher als gedacht? Das legen Berichte der schweizer Handelszeitung und der deutschen FAZ nahe. [<a href="https://www.shutterstock.com/de/image-photo/brussels-belgium-march-5-2017-city-605443595" target="_blank" rel="noopener">Littleaom/Shutterstock</a>]

Radfahren ist klimaschädlicher als das Auto, so das überraschende Urteil konservativer Medien. Doch die Berechnung basiert auf fragwürdigen Annahmen, schreibt EURACTIV-Verkehrsreporter Sean Goulding Carroll.

Dieser Kommentar erschien im englischen Original als Teil unseres wöchentlichen Newsletters zu Verkehrspolitik, dem Transport Brief. Sie können ihn hier abonnieren. 

In Städten in ganz Europa sind Graffiti-Schablonen mit einer einfachen, wenn auch etwas groben Botschaft beliebt.

Neben dem Bild eines Fahrrads liest man den Text: „DIESES FAHRRAD IST MIT FETT BETRIEBEN UND ERSPART DIR GELD“.

Neben dem Bild eines Autos: „DIESES AUTO VERSCHLINGT GELD UND MACHT DICH FETT“.

Diejenigen, die sich in Brüssel auskennen, finden eine solche Schablone auf dem Boulevard Anspach, einer Fußgängerzone in der Innenstadt (vorausgesetzt, die Stadtverwaltung hat sie noch nicht entfernt).

Die Botschaft ist Teil einer Fahrradkultur, die das Fahrrad als Lösung für eine Vielzahl gesellschaftlicher Probleme anpreist (entsprechend der Wahrnehmung der städtischen Radfahrer:innen ihrer Fortbewegung als Teil eines alternativen Lebensstils, jede Fahrt auf zwei Rädern eine kleine Rebellion gegen die Dominanz des Autos).

In dieser Kultur sind Fahrräder die Antwort auf unseren bewegungsarmen Lebensstil und stellen die Lösung dar, um die Lärmbelästigung durch den Verkehr zu verringern und die Straßen sicherer zu machen. Vor allem aber bieten sie eine Lösung für die Umweltprobleme, die der Individualverkehr mit sich bringt, von Luftverschmutzung bis zum Klimawandel.

Diese Wahrheiten werden als selbstverständlich angesehen.

Kritiker:innen von Radfahrer:innen bemängeln in der Regel deren schlechtes Verhalten, wie das Missachten von roten Ampeln oder das Fahren auf Gehwegen.

Jüngste Zeitungsartikel zielen jedoch darauf ab, die Klimabilanz des Radfahrens auf den Kopf zu stellen. Die unanfechtbare grüne Glaubwürdigkeit des Fahrrads steht auf dem Prüfstand.

Eine Kolumne in der Schweizer Handelszeitung stellte die kühne These auf, dass Radfahren und öffentliche Verkehrsmittel sogar klimaschädlicher sein können als Autofahren.

Diese Idee wurde in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung wiederholt, wo behauptet wird, die Zukunft der klimafreundlichen Mobilität sei, anders als man meinen könnte, das Auto.

Kern des Arguments ist, dass Radfahren Kalorien benötigt, die durch zusätzlichen Nahrungsmittelkonsum gedeckt werden müssen. Und die Klimabilanz dieser zusätzlichen Nahrung sei klimaschädlicher, als wenn man mit vier Personen ein Auto fährt.

Natürlich sind die Berechnungen, die zu dieser Schlussfolgerung geführt haben, mehr als fragwürdig, wie Verkehrsexpert:innen festgestellt haben.

In der Schweizer Original-Kolumne wird zunächst davon ausgegangen, dass Rindfleisch – eines der klimaschädlichsten Lebensmittel überhaupt – verwendet wird, um unseren hungrigen Radfahrer zu sättigen (vielleicht folgt er oder sie ja der Jordan-Peterson-Diät?)

Zudem basiert die Vergleichsrechnung darauf, dass Autos vier Passagiere befördern, obwohl sich im Durchschnitt nur knapp zwei Passagiere in einem Fahrzeug befinden.

Außerdem wird davon ausgegangen, dass die von unserem Radfahrer zurückgelegte Strecke 100 km beträgt, eine absurde Länge, die weit über den täglichen Arbeitsweg der meisten Menschen hinausgeht.

Eine der seltsamsten Annahmen lautet, dass die Argumentation nur dann gültig ist, wenn man davon ausgeht, dass Autofahrer:innen sich nicht körperlich betätigen.

Aber was, wenn ein Autofahrer zum Ausgleich für den Bewegungsmangel auf dem Arbeitsweg in ein Fitnessstudio fahren und dort auf einem Standfahrrad fahren würde? Oder wenn ein Autofahrer zum Fußballtraining fährt? Oder auch nur joggen geht? Würden die Vorteile des Sitzens hinter dem Steuer nicht wieder zunichtegemacht, wenn der Appetit wächst?

Es überrascht nicht, dass Philip Amaral, Direktor für Politik und Entwicklung beim europäischen Radfahrerverband ECF, den Medienberichten entgegentritt.

„Behauptungen, dass Radfahrer mehr Emissionen verursachen als Autos, sei es wegen der Kalorien, die Radfahrer verbrauchen, oder aus anderen Gründen, sind völlig unbegründet“, erklärte er gegenüber EURACTIV. „Eine Person, die mit dem Fahrrad statt mit dem Auto fährt, und sei es auch nur einmal in der Woche, stößt viel weniger aus als jemand, der das nicht tut, Punkt.“

Vielleicht ist unser theoretischer Rindfleisch-süchtiger Superradfahrer weniger grün als gedacht.

Aber für alle anderen kann man mit Sicherheit sagen, dass Radfahren nicht nur Fett verbrennt und Geld spart, sondern auch eine sichere Alternative darstellt, um die Verkehrsemissionen zu senken.