Putin beim Wort nehmen

Standpunkt von Hermann BohleWie Präsident Wladimir Putin in Russlands unendlichen Weiten regiert – oder meint, regieren zu müssen – erregt im übrigen Europa öfters Anstoß. Doch trägt ihn eine Volksmehrheit von mindestens 50 Prozent. Wir sind nicht zu Oberlehrern des russischen Volkes berufen. Ein Standpunkt von Hermann Bohle.

Der russische Präsident Wladimir Putin. Foto: dpa
Der russische Präsident Wladimir Putin. Foto: dpa

Standpunkt von Hermann BohleWie Präsident Wladimir Putin in Russlands unendlichen Weiten regiert – oder meint, regieren zu müssen – erregt im übrigen Europa öfters Anstoß. Doch trägt ihn eine Volksmehrheit von mindestens 50 Prozent. Wir sind nicht zu Oberlehrern des russischen Volkes berufen. Ein Standpunkt von Hermann Bohle.

Der Autor

Hermann Bohle (Genf), Jahrgang 1928, Kommentator und Buchautor, langjähriger Journalist in Brüssel zu EU- und NATO-Themen. Ehemals DIE ZEIT, Die Presse (Wien), Neue Zürcher Zeitung NZZ und Weltwoche (Zürich), Rheinischer Merkur, Unternehmensberatung Deutscher Wirtschaftsdienst (DWD-Köln). BLOG: Bohle-Echo.de.
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Seit Montag (25. März) wird die Bereitschaft der russischen Führung gemeldet, nicht nur Zypern in der Welt-Finanzmarktkrise zu helfen, sondern ebenso der EU. Wiens angesehene Zeitung DIE PRESSE (26. März) stellt hierzu mit Recht fest, Russland sei eben nicht mehr der "Angstgegner" von einst. Woraus man endlich auch folgern darf (was Westlern aber noch immer kaum gelingt): Ein toter Russen-Promi (wie soeben der in London gehätschelte Steuerflüchtling Beresowski) muss nicht das Opfer ruchlos-stalinistischer Geheimdienstler sein.

Nicht einmal die neueste Willkür beim Umgang russischer Polizei- und Justizorgane mit deutschen Stiftungen in Moskau und St. Petersburg kann die Grundeinstellung zur gemeinsamen Zukunft der Russen und der übrigen Europäer dauerhaft beeinflussen. Natürlich gibt das den Befürwortern von Willkür im Kreml eine starke, innereuropäische Position, verlockt sie womöglich, "zu machen was gefällt – Europa wird es schlucken". Dafür haben wir andere Stärken im Umgang mit dem Riesenreich – und behalten das historische Erfordernis im Auge: Aus Ärgernissen dürfen niemals wieder Zerwürfnisse werden. 

Auch für unsere Russenfresser wäre angebracht, sich daran zu gewöhnen, dass Moskaus Präsident Wladimir Putin die Bindung zu Europa sucht. Sie ist historisch geboten. Der euroatlantische Verbund "von Washington über Brüssel/Europa bis Wladiwostok" wird auch aus Amerika schon seit fast 60 Jahren immer wieder gefordert.

Im Frühjahr 1954 bejahte George F. Kennan, der 1947 im US-Außenamt als dessen Planungschef die amerikanische Politik zur "Eindämmung" der aggressiven Sowjetunion konzipiert hatte, sein damaliges Fernziel: Den Friedensbund einer "demokratisierten" Sowjetunion mit den USA und dem einigen Europa. Ich hatte Kennan im (alten) Bonner Hotel "Königshof" zum Zweiergespräch getroffen.

Im Jahr 2000 nannte Präsident Putin die Europäischen Gemeinschaften das Modell für die künftigen Beziehungen, feierte 2007 im Pariser Weltblatt Le Monde (28. März 2007) die EU zum 50. Jahrestag ihrer Gründungsverträge in Worten, wie zuletzt ihre Väter vor 60 Jahren, etwa Konrad Adenauer. Putins Artikel ist noch heute nachlesenswert. Er hat ja auch Gründe für seine europäische Orientierung. 140 Millionen Russen (so viele Bürger wie die addierten Europa-Garanten Frankreich und Deutschland) sind verdammt einsam, wollten sie sich total den mehr oder weniger benachbarten 3,5 Milliarden Asiaten zuwenden.

Seit 2008 liegt Moskaus Entwurf eines europäischen Sicherheitsvertrags vor – unbeantwortet. Diese Verweigerungshaltung, inspiriert von der Nato, also den USA, beleidigt  dieses Volk, das Hitlers Krieg mit 27 Mllionen Opfern – überwiegend Zivilisten – noch viel viel teurer bezahlte als alle anderen Europäer.

Putin zieht mit seiner Zyperngeste an einem Strang mit der EU. Er weiß, dass europäischer Friede vertraglich und unwiderrufbar werden muss. Da heißt es endlich zuzugreifen.

Wie Putin in Russlands unendlichen Weiten regiert – oder meint, regieren zu müssen – erregt im übrigen Europa öfters Anstoss. Doch trägt ihn eine Volksmehrheit von mindestens 50 Prozent – weit grösser ist sie als US-Präsidenten sie je erringen. Eberhard Sandschneider (Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik) fordert zur Russlandpolitik zu vollem Recht: "Raus aus der Moralecke", aufs Machbare gründen, sogar wenn westliche Wertevorstellungen leiden.

Deutschlands besonders stimmgewaltigen "Grünen" Putingegnern sei gesagt: Sache der Russen ist es, wie sie ihre Demokratie erbauen in den kommenden Jahrzehnten (Deutschland brauchte von 1848 bis 1948). Wir sind nicht zu Oberlehrern des russischen Volkes berufen.