"Nie wieder": Polens Plädoyer für Kriegsreparationen
Nach dem Zweiten Weltkrieg heißt es jedes Jahr "Nie wieder", und doch sind die Reparationen für das polnische Volk nie Wirklichkeit geworden, schreibt Polens Premierminister Mateusz Morawiecki im Gastbeitrag.
Nach dem Zweiten Weltkrieg heißt es jedes Jahr „Nie wieder“, und doch sind die Reparationen für das polnische Volk nie Wirklichkeit geworden, schreibt Mateusz Morawiecki.
Mateusz Morawiecki ist Ministerpräsident von Polen.
Der Kommentar erscheint anlässlich der Publikation in Polen des Berichts über die Verluste, die Polen durch die deutsche Aggression und Besatzung während des Zweiten Weltkriegs 1939-1945 erlitten hat.
Es gibt Verbrechen, die nie ganz vergeben und nie vergessen werden können. Die Zeit entbindet den Täter nicht von seiner Verpflichtung zur Wiedergutmachung an den Opfern. Auch wenn die Verbrechen schwer zu beziffern sind.
Nicht alle westeuropäischen Länder sind sich des vollen Ausmaßes der Tragödie bewusst, die der Zweite Weltkrieg für Polen bedeutet hat. Aus westlicher Sicht kann der Konflikt als eine Reihe von Schlachten, Truppenbewegungen und politischen Entscheidungen betrachtet werden. Für uns war er in erster Linie eine Reihe von Verbrechen, Gräueltaten und Zerstörungen sowie für immer verlorene Entwicklungschancen.
Der Zweite Weltkrieg war von Anfang an ein kaltblütiges Verbrechen, das mit dem Ziel der physischen Ausrottung ganzer Bevölkerungsgruppen und der Zerstörung ganzer Länder geplant wurde.
Natürlich brachte der Krieg überall Tod und Zerstörung. Aber in Osteuropa war diese schreckliche Zeit hundertmal schlimmer als in Frankreich, Belgien, Holland oder Dänemark. Auch wenn es heute schwer vorstellbar ist: Vor drei Generationen verweigerte NS-Deutschland den Pol:innen das Recht zu leben. Es betrachtete uns als eine „Sklavenrasse“, an der ungestraft grausame Verbrechen und Experimente durchgeführt werden konnten.
Rassistische Vorurteile, ein Gefühl der Überlegenheit und die kolonialen Ambitionen des Dritten Reiches führten zur größten Tragödie in der Geschichte meines Landes. Sie zerstörten die Chancen und Hoffnungen eines ganzen Volkes.
Polen leidet noch heute unter den Folgen dieses Krieges. Und es wird noch lange damit zu kämpfen haben, wenn die letzten Augenzeugen dieser unmenschlichen Zeit nicht mehr da sind.
Nach dem deutschen Generalplan Ost sollten die Pol:innen größtenteils ausgerottet werden, und der kleine Teil, der noch am Leben gelassen werden sollte, sollte zu Sklaven reduziert werden – zu Zwangsarbeitern. Dieser verbrecherische Plan wurde vom ersten Tag des Zweiten Weltkriegs an umgesetzt.
Schon die ersten Bomben, die am 1. September 1939 um 4.40 Uhr auf Polen fielen, zielten nicht auf militärische Einrichtungen, sondern auf die Krankenhäuser und Wohnhäuser der schutzlosen Stadt Wieluń. Die Deutschen warfen 380 Bomben mit einem Gesamtgewicht von 46 Tonnen auf die ruhige, schlafende Stadt ab. Es war ein sadistischer, grausamer Völkermord.
Schon in den ersten Kriegstagen verbrannten die Wehrmacht und Hilfsverbände, die aus gewöhnlichen deutschen Bürgern bestanden, wehrlose Kinder und Frauen bei lebendigem Leib.
Auf einem berühmten Foto vom September 1939 hielt der amerikanische Fotograf Julien Bryan ein 12-jähriges polnisches Mädchen, Kazimiera Kostewicz, fest, das um ihre nicht viel ältere Schwester Anna trauert, die von einem deutschen Soldaten erschossen worden war.
Es gab Millionen solcher Kinder in Polen, die um ihre Eltern, Geschwister und Freunde trauerten. Zur gleichen Zeit trauerten Millionen von Eltern um ihre eigenen Kinder, weil der Krieg ausgebrochen war. Es war ein höllisches Gemetzel – und ein Gemetzel, das die Deutschen vor allem an gewöhnlichen, unschuldigen Zivilist:innen verübten.
Die Realität in Polen unter der deutschen Besatzung bestand aus ständigen Verbrechen, Massakern an der Zivilbevölkerung, Plünderungen im großen Stil von polnischem Eigentum, dem Diebstahl von mehr als 500.000 Gemälden, Skulpturen und anderen Kunstwerken. Irgendwo in einem deutschen Haus oder einer Villa hängt bis heute Rafael Santis „Bildnis eines jungen Mannes.“
Die Realität Polens in deutscher Gefangenschaft bestand darin, dass ganze Städte in Schutt und Asche gelegt wurden, dass kulturelle und religiöse Einrichtungen zerstört wurden, dass es zu Razzien auf den Straßen kam, dass Scheinexekutionen stattfanden, dass medizinische Experimente an Häftlingen und Gefangenen durchgeführt wurden, dass Kinder ihren Eltern entrissen wurden (mindestens 200.000 Kinder wurden auf diese Weise verschleppt) und dass sie zur „Germanisierung“ tief ins Reich geschickt wurden. Und schließlich – der Bau einer schrecklichen Todesmaschinerie auf polnischem Boden: des Konzentrationslagers.
Die verbrecherischen Gewalttaten waren bis ins Detail geplant, und sie hatten auch Namen: Intelligenzaktion, Sonderaktion oder Außerordentliche Befriedungsaktion.
Es handelte sich um organisierte Operationen, die die Deutschen gegen die Elite des polnischen Volkes – Professor:innen, Rechtsanwälte:innen, Ärzt:innen, Ingenieure, Lehrer:innen oder Architekten – richteten. Allein bei der Operation Tannenberg ermordeten die Deutschen in den ersten Kriegsmonaten etwa 55.000 polnische Bürger:innen, darunter Beamt:innen aller Ebenen, lokale Aktivist:innen, Lehrer:innen, Polizist:innen und Vertreter:innen vieler anderer für die Staatsordnung wichtiger Berufsgruppen.
In diesen sechs Jahren wurden mehr als 5,2 Millionen Bürger:innen meines Landes ermordet, und die Bevölkerung wurde um etwa 12 Millionen reduziert.
Am Ende des Krieges war die Wirtschaft Polens völlig ruiniert, die Industrie zerstört, die Städte dem Erdboden gleichgemacht.
Und was geschah mit denjenigen, die die ganze Zeit über in Polen Terror ausgeübt hatten?
Oft wurden sie in Nachkrieszeiten zu lokalen Eliten in Westdeutschland, lebten dort in Wohlstand und entzogen sich jeder Verantwortung für die von ihnen begangenen Verbrechen. So wie Heinz Reinefahrt, einer der Henker des Warschauer Aufstands, der nach dem Krieg Bürgermeister der Stadt Westerland auf der berühmten Insel Sylt und später Mitglied des Landtags in Schleswig-Holstein wurde.
Heinz Reinefarth ist nur eines von unzähligen Beispielen dafür, wie der Zweite Weltkrieg wirklich endete: mit großem Unrecht. Richtig, der blutigste Krieg der Weltgeschichte wurde nie vollständig aufgearbeitet.
Deshalb stellen wir heute die Frage der Reparationen, die Frage der Entschädigung für deutsche Verbrechen am polnischen Volk und an polnischen Bürger:innen. Verbrechen, die niemals vergessen werden dürfen.
Im Interesse der Gerechtigkeit und des guten Rufs der Opfer haben wir den Bericht über die von Polen durch die deutsche Aggression und Besatzung während des Zweiten Weltkriegs 1939-1945 erlittenen Verluste erstellt.
Dieser in drei Bänden erschienene Bericht ist das Ergebnis einer mehr als vierjährigen Forschungsarbeit eines eigens dafür zusammengestellten Teams von Expert:innen. Es ist ein Bericht über Polens gestohlene Zukunft.
Die Lehre, die wir aus dem Zweiten Weltkrieg ziehen sollten, ist, dass Verbrechen, die nicht in Erinnerung bleiben, nicht benannt, nicht verurteilt und nicht bestraft werden, nur ein Vorbote für weitere sein können. Schließlich finden die Kriegsverbrechen heute vor den Augen ganz Europas statt – sie werden von russischen Truppen am ukrainischen Volk verübt.
Die Barbaren von heute müssen wissen, dass sie der Verantwortung für ihre Verbrechen – Völkermord, Zerstörung und Plünderung – nicht entkommen werden. Sie müssen sich bewusst sein, dass die Gerechtigkeit sie zwangsläufig erwischen wird.
Deutschland vertritt seit vielen Jahren den Standpunkt, dass die Frage der Kriegsreparationen längst geklärt sei. Und doch hat Deutschland erst vor kurzem beschlossen, die Volksgruppen der Herero und Nama für den Völkermord in Namibia vor über einem Jahrhundert zu entschädigen.
Nach fast 50 Jahren erklärte sich Deutschland auch bereit, den Angehörigen der Opfer der Terroranschläge auf israelische Sportler bei dem Münchner Olympia-Attentat eine Entschädigung zu leisten.
Es spielt keine Rolle, ob 10, 50 oder 100 Jahre seit den Verbrechen vergangen sind. Entscheidend ist, ob sie wirklich aufgearbeitet worden sind.
Jede Debatte über Wiedergutmachung muss auch diese Gesten der deutschen Behörden berücksichtigen. Die Opfer der totalitären deutschen Kriegsmaschinerie verdienen nicht nur den gleichen Respekt und das gleiche Gedenken wie die Opfer des Kolonialismus oder des Terrorismus. Das unvorstellbare Ausmaß der Zerstörung, die zwischen 1939 und 1945 an Polen angerichtet wurde, macht die Wiedergutmachung der Verluste zu einem jahrelangen Prozess.
Nach dem Zweiten Weltkrieg heißt es jedes Jahr „Nie wieder“, und doch sind die Reparationen für das polnische Volk nie Wirklichkeit geworden. Diese Verluste können in einem existenziellen Sinne nicht bewertet oder entschädigt werden.
Denn wer ist in der Lage, den Preis eines Menschenlebens zu schätzen? Hier kann allein die Geschichte ein Urteil über die Schuldigen abgeben.
Es gibt aber auch die Verantwortung von Gesellschaften und Staaten. Diese Verantwortung kann durchaus gemessen und beziffert werden.
Wir glauben, dass diese Verantwortung für das begangene Unrecht die Grundlage für den Aufbau einer gemeinsamen Zukunft zwischen den Nationen ist. Es ist unmöglich, in die Zukunft zu blicken, ohne die Wahrheit über die Vergangenheit zu klären. Wir müssen und wollen weitermachen. Aber der einzige Weg, der uns weiterführt, ist der Weg der Wahrheit.
Ich hoffe, dass dies der Weg ist, den wir einschlagen werden. Ich hoffe, dass wir auf diese Weise eines der dunkelsten Kapitel in der Geschichte Polens, Europas und der Welt abschließen können.