Katars Milliardärsgewalt zähmen

Zum festlichen Berlinbesuch des Emirs von Katar sind Anmerkungen aus gesamtgesellschaftlicher Sicht angebracht. Sie sollen den Gast auf europäische Politikverhältnisse und Gebote verweisen, die im Mittleren Osten (wie anderswo) leider immer noch fremd sind. Es geht hier um ein Stück des "European Way of Life". Ein Kommentar von Hermann Bohle.

Euractiv.de
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und der Emir von Katar, Scheich Tamim Bin Hamad al-Thani, geben sich am Mittwoch im Bundeskanzleramt in Berlin die Hände. Foto: dpa
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und der Emir von Katar, Scheich Tamim Bin Hamad al-Thani, geben sich am Mittwoch im Bundeskanzleramt in Berlin die Hände. Foto: dpa

Zum festlichen Berlinbesuch des Emirs von Katar sind Anmerkungen aus gesamtgesellschaftlicher Sicht angebracht. Sie sollen den Gast auf europäische Politikverhältnisse und Gebote verweisen, die im Mittleren Osten (wie anderswo) leider immer noch fremd sind. Es geht hier um ein Stück des „European Way of Life“. Ein Kommentar von Hermann Bohle.

Ohne den globalisierten Vulgärkapitalismus der USA und der Angelsachsen wäre die internationale Machtentfaltung eines Mannes wie des „Edlen“ von Katar niemals möglich. Er kann VW und seine anderen Besitzungen in Deutschland und Europa erwürgen, wann immer es ihm gefällt. Freie Bahn den Milliardären, lautet das systemische Prinzip.

Das System muss weg, um den Kapitalismus zu retten. Das heißt, ihm mit der internationalisierten, Sozialen Marktwirtschaft ein menschliches Gesicht zu geben. Das war unmöglich mit dem Kommunismus. Nun aber kann und muss das starke Europa diese Herkulesarbeit schaffen.

„Die“ Aufgabe für die neue Europäische Kommission in Brüssel! Wieder einflussstark muss sie werden wie 1985/95 unter dem Franzosen Jacques Delors und 1958/67 unter ihrem deutschen Gründungspräsidenten Walter Hallstein.

Nun kann es der große Europäer Jean-Claude Juncker aus dem kleinen Luxemburg ein drittes Mal „reißen“. Chancen dazu hat er. Unsere Völker sind unzufrieden mit der Wirtschaftsordnung – in Deutschland bis zu 80 Prozent.

2017 – Vor 100 Jahren die bolschewistische Revolution

Aus den Arbeitgeberlagern mehren sich aber die Signale. Auch sie rufen nach sozialer Gerechtigkeit – wie einst schon Deutschlands Krupps, Krawinkels und viele andere, große Unternehmer.

Es naht die „neue Epoche für den Anstand sogar in der Innen-, also Sozialpolitik“. Sonst werden die Völker die Manager und Unternehmer zum Teufel jagen. Das aber wäre ein Jammer – denn wir brauchen diese Leute: Ohne faire Marktwirtschaft läuft es nicht, käme irgendwann doch noch das „Aus für Deutschland“ (AfD).

Allerdings geht es darum, den Dienst am allgemeinen Wohl zum Markenmuster des Systems zu machen – statt um die so genannte Selbstverwirklichung trickreichen Schlüpfens durch die Steuerlöcher (die auch die OECD nun endlich stopfen will).

Neues (Nach-)Denken wird fällig

2017 jährt sich die bolschewistische Revolution von 1917. Da empfiehlt sich neues Nachdenken. Dringlich sogar:

Immer, seit Anbeginn, wollten die Väter Sozialer Marktwirtschaft den starken Staat. Denn nur er kann für Gerechtigkeit beim Verteilen des gemeinsam erwirtschafteten Sozialprodukts sorgen. So erst wird Europa stark und politisch stabil im Innern.

Denn darum geht es eigentlich – nicht um ewig meckernde „Euroskeptiker“. Typen, von denen schon Bismarck wusste, dass sie „am Biertisch“ zu nichts anderem fähig sind, als gegen die Regierung zu schwadronieren.

Gute Innenpolitik ist längst ein Muss, um unserer aller äußere Sicherheit zu garantieren: Zum gemeinsamen Kampf für eine wieder sichere Welt – zum Beispiel IS-entpestet. Und unbedingt im Bund nicht nur mit den – fernen – amerikanischen Freunden, sondern gleichwertig mit unseren – nahen – russischen Nachbarn. Eine Welt, in der wir und unsere Enkel leben wollen.

Gute Innen- und Außenpolitik sind zwei Seiten einer Medaille.

Der Autor

Hermann Bohle (Genf), Jahrgang 1928, Kommentator und Buchautor, langjähriger Journalist in Brüssel zu EU- und NATO-Themen. Ehemals DIE ZEIT, Die Presse (Wien), Neue Zürcher Zeitung NZZ und Weltwoche (Zürich), Rheinischer Merkur, Unternehmensberatung Deutscher Wirtschaftsdienst (DWD-Köln). BLOG: Bohle-Echo.de.