Gas: Nicht ohne Moskau

Es wird zwar gelingen, die Abhängigkeit von russischem Gas etwas zu reduzieren, im Kern aber wird sie noch lange bleiben, ist Friedbert Pflüger überzeugt. Seine gute Nachricht: "Auch Russland braucht Energiesicherheit."

Foto: Stütz michael / pixelio.de
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Es wird zwar gelingen, die Abhängigkeit von russischem Gas etwas zu reduzieren, im Kern aber wird sie noch lange bleiben, ist Friedbert Pflüger überzeugt. Seine gute Nachricht: „Auch Russland braucht Energiesicherheit.“

Vor dem Hintergrund der Krimkrise werden derzeit einige Optionen ins Gespräch gebracht, die Europa von russischem Gas unabhängiger machen sollen. So wird gefordert, nordamerikanisches Schiefergas in die „alte Welt“ zu transportieren. Präsident Obama, der kanadische Premierminister Harper und Angela Merkel haben sich in der letzten Woche entsprechend geäußert. In dieser Debatte wird jedoch oft ein wesentlicher Punkt übersehen: Alle Möglichkeiten, die Gaslieferungen zu diversifizieren, stehen erst gegen Ende des Jahrzehnts zur Verfügung. Und: aufgrund der zur Neige gehenden europäischen Gasreserven wird auch 2030 russisches Gas in großen Mengen in Europa benötigt.

Vor 100 Jahren stellte Großbritannien seine Marine von Kohle befeuerten Schiffen auf Mineralöl mit dem Ziel um, kostengünstiger und schneller als deutsche Kriegsschiffe zu operieren. Gegenüber der Kritik der damaligen Opposition, das Vereinigte Königreich mache sich von ausländischen Ölexporten abhängig, erwiderte der damalige Erste Admiral der britischen Marine, Winston Churchill: „Safety and certainty in oil lie in variety, and variety alone.“ Mit dem Gebot zur Vielfalt war das Thema Energiesicherheit geboren.

Nicht erst seit dem aktuellen Krim-Konflikt, sondern spätestens seit den russisch-ukrainischen Gaskrisen 2006 und 2009 hat die EU die Weichen gestellt, um die Abhängigkeit von sibirischem Gas allmählich zu verringern. Das greifbarste Projekt dabei ist die im vergangenen Jahr beschlossene Trans Adriatic Pipeline (TAP), die ab 2018 jährlich 10 Milliarden Kubikmeter Gas aus Azerbaijschan nach Europa liefern soll. Das ist gut so, denn dies führt zu Wettbewerb und günstigeren Preisen.

Neben den Gasvorkommen aus dem kaspischen Meer gibt es weitere Diversifizierungs-Optionen: Im kurdischen Nordirak sind große Vorkommen entdeckt worden, die in einigen Jahren auch den europäischen Markt bedienen könnten. In den Gewässern Israels und Zyperns sind größere konventionelle Vorkommen entdeckt worden, von denen ein Teil den Weg in die Türkei und dann in die EU finden dürften. Außerdem wartet im Iran das gigantische South Pars-Gasfeld auf eine Erschließung, was im Falle der iranischen Öffnung zusätzliches Gas nach Europa bringen könnte. Und schließlich gibt es in der Tat die Option Schiefergas aus Nordamerika. Die bisher für den Export vorgesehenen Mengen werden ab 2016 jedoch vornehmlich auf den asiatischen Markt drängen, wo sich weitaus höhere Preise erzielen lassen. Der Traum vom preiswerten US- Schiefergas wird sich in Europa relativieren, wenn zu den Produktionskosten (ca. 5 Dollar pro mmbtu) die Transportkosten von ca. 6 Dollar hinzukommen. Auch die Förderung von Schiefergas in Europa könnte – trotz ökologischer Bedenken – Aufwind erhalten, bleibt aber auch eine bestenfalls mittelfristige Option.

Ob wir es wollen oder nicht: Es wird gelingen, die Gas-Abhängigkeit von Russland etwas zu reduzieren, im Kern aber wird sie noch lange bleiben. Die gute Nachricht: Auch Russland braucht Energiesicherheit. Für Moskau buchstabiert sich diese allerdings nicht als Versorgungs-, sondern als Absatzsicherheit. Russland liefert 70% seines Gases nach Europa und braucht den sicheren Markt zum Ausgleich seines Haushaltes. In gewisser Weise ist Russland also noch abhängiger von Europa als umgekehrt. Diese gegenseitige Abhängigkeit hat sich über Jahrzehnte als ein stabilisierender Faktor in der Außen- und Sicherheitspolitik bewährt. Das Erdgas-Röhren-Geschäft in den siebziger Jahren hat die Grundlage dafür gelegt und als vertrauensbildende Maßnahme die Entspannungspolitik wesentlich geprägt. Wir sollten nun nicht eine Situation schaffen, in der das Gut einer 50jährigen verlässlichen Energiepartnerschaft zwischen der EU und Russland zerredet wird.

Die Diversifizierungs-Strategie der EU ist politisch und ökonomisch richtig. Aber sie sollte mit Bedacht, ohne populistische Schnellschüsse und in Kenntnis der noch lange fortdauernden Wichtigkeit russischer Lieferungen für Unternehmen und Verbraucher in Europa geführt werden.

Prof. Dr. Friedbert Pflüger ist Direktor des European Centre for Energy and Resource Security (EUCERS), King‘s College London