Europas problematisches Wasserkraft-Erbe

Europas Wasserkraftindustrie gerät angesichts des Klimawandels und mangelnder Unterstützung durch die Politik ins Stocken. Damit wird eine wichtige klimaneutrale Stromquelle liegen gelassen, kommentiert Nikolaus J. Kurmayer.

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„Es war ein leiser, panischer Schrei", schrieb Christoph Ransmayer, als Österreichs größter Wasserkraftdamm 1949 zum ersten Mal seine Stauseen überflutete. „Es war der Todesschrei der Ratten", fügte er 1985 in seinem Roman „Kaprun" hinzu. Der Tod der Ratten war nur ein weiteres Kapitel in der bewegten Geschichte der Talsperre. [<a href="https://www.shutterstock.com/image-photo/concrete-dam-wall-kaprun-power-plant-51205432" target="_blank" rel="noopener">Shutterstock</a>]

Europas Wasserkraftindustrie gerät angesichts des Klimawandels und mangelnder Unterstützung durch die Politik ins Stocken. Damit wird eine wichtige klimaneutrale Stromquelle liegen gelassen, kommentiert Nikolaus J. Kurmayer.

„Es war ein dünner, panischer Gesang“, schrieb Christoph Ransmayer, als Österreichs größter Wasserkraftdamm 1949 zum ersten Mal seine Stauseen überflutete. „Es war das Todesgeschrei der Ratten“, so der Autor in seinem 1985er-Text „Kaprun“. Der Tod der Ratten, historisch belegt, war nur ein weiteres Kapitel in der bewegten Geschichte der Talsperre.

Im Mai 1938 gab ein gewisser Hermann Göring den Startschuss für den Bau dessen, was zu einem der nationalen Symbole Österreichs werden sollte. Nun sei die Zeit der österreichischen Schlamperei und Gemütlichkeit vorbei, betonte er, kurz nachdem Deutschland das kleine Alpenland geschluckt hatte.

Ein Jahrzehnt später, mit amerikanischer Unterstützung, war das Projekt fast abgeschlossen. Die Ratten waren ertränkt. Mindestens vierhundert überwiegend sowjetische Kriegsgefangene, die von den Nazis zum Bau des Staudamms eingesetzt worden waren, waren tot. Heute erinnert ein Denkmal an ihr Opfer – errichtet auf Drängen von Nikita Chruschtschow.

Österreich wiederum konnte endlich  die scheinbar unendliche Energie, die durch die Alpen fließt, im großen Stil nutzen.

Nur wenige erinnern sich heute daran, dass es die Nazis waren, die etwa ein Drittel der Arbeiten in Kaprun durchführten. Der Staudamm wurde schnell zu einem Symbol für Ingenieurskunst und ein wieder auflebendes Österreich.

Ohne die Fertigstellung des Staudamms im Jahr 1955 hätte das Land im Zuge der energieintensiven Reindustrialisierung wohl nur schwer mit seinen europäischen Nachbarn mithalten können.

Nicht alle europäischen Wasserkraftwerke haben eine so bewegte Vergangenheit. Aber ein düsterer Ausblick eint sie trotzdem.

Während die europäischen Staats- und Regierungschefs gerne eine Reindustrialisierung wie in den 1960er Jahren herbeiführen würden, ist die Wasserkraft wohl nicht mehr in der Lage, dabei im gleichen Ausmaß zu helfen.

Obwohl die Wasserkraft für die Energiewende der EU von entscheidender Bedeutung ist, dümpelt sie faktisch vor sich hin. Denn die Kosten steigen und die politische Bereitschaft, diese Technologie zu unterstützen, ist gering.

Als Anfang des 19. Jahrhunderts in Frankreich die erste Wasserkraftanlage gebaut wurde, hätten sich nur wenige vorstellen können, wo die Wasserkraft heute florieren würde: Asien, Afrika und Südamerika haben inzwischen die ehemaligen Pioniere in Europa schnell überholt.

Die Pipeline für neue Wasserkraftdämme auf dem alten Kontinent ist mickrig. Von den 17,6 Gigawatt traditioneller Kapazität, die bis 2037 geplant sind, befinden sich 40 Prozent in Osteuropa. Dazu gehört auch die Ukraine, wie aus einem Bericht der Internationalen Agentur für erneuerbare Energien (IRENA) für 2023 hervorgeht.

Die derzeitige Pumpspeicherkraftkapazität – die weltweit am weitesten verbreiteten „grünen“ Batterien, die Energie in Zeiten des Überflusses speichern und in Zeiten des Bedarfs freisetzen können – liegt bei 28 Gigawatt. Reiche Länder wie Österreich und die Schweiz tragen allerdings merklich dazu bei, dass diese Kapazität bis 2037 doppelt so groß sein wird.

Befürworter der Wasserkraft betonen häufig, dass Pumpspeicherkraftwerke ein wichtiger Faktor für die Flexibilität eines klimafreundlichen Stromnetzes sein werden. Ihre Gegner befürchten, dass wertvolle natürliche Lebensräume zerstört werden, um riesige Betonklötze zu errichten.

Kleinere Anlagen, die zwar nicht ganz so imposant sind, können trotzdem ein fast unüberwindbares Hindernis für die Fischwanderung darstellen. Und die Probleme hören damit nicht auf.

In der Praxis kann genau das Phänomen, das die Wasserkraft eigentlich verhindern sollte, ihren Untergang bedeuten. Der Klimawandel und die Zunahme extremer Wetterereignisse, insbesondere Dürreperioden, haben der europäischen Wasserkraft in diesem Jahrzehnt einen schlechten Start beschert.

Die Energiekrise von 2022 wurde durch eine sommerliche Dürre verschärft, die dem russischen Präsidenten Wladimir Putin in die Hände spielte. Er schränkte die Wasserkraftkapazitäten der EU genau zu dem Zeitpunkt ein, als der Kreml seine reichlichen Gaslieferungen nutzte, um Europa zu erpressen.

Dieses Jahr war bestenfalls mittelmäßig, Strom aus Wasserkraft bleibt damit weiterhin hinter den historischen Werten vor der Pandemie zurück.

Auch haben sich Staudämme haben sich einmal mehr als militärische Schwachstellen in einer zunehmend gefährlichen Welt erwiesen.

Die Zerstörung des Staudamms von Kachowka, wahrscheinlich durch Russland, hat mindestens 50 Menschen getötet und Hunderte verletzt.

Sie hat deutlich gemacht, dass sich militärische Konflikte in der Regel auf zentral organisierte Strukturen wie Staudämme konzentrieren können. Ein klarer Nachteil im Vergleich zu dezentralen „neuen“ erneuerbaren Energien wie Wind und Sonne.

Die Probleme der Wasserkraft hören damit nicht auf. Langfristig sieht es für die Wasserkraft in den Alpen, wo ein Großteil des mitteleuropäischen Stroms erzeugt wird, alles andere als rosig aus.

Die Fähigkeit, Strom zu erzeugen, ist direkt an Wasser gebunden – eine Ressource, die sich stark verändert. Sie wird an manchen Orten knapper und ist aufgrund des raschen Abschmelzens der Gletscher weniger leicht verfügbar.

Experten gehen davon aus, dass die schmelzenden Gletscher kurzfristig die Dämme zum Überlaufen bringen werden, was eine kostspielige Erweiterung der Bauwerke erforderlich macht.

Letztendlich werden die Schmelzwassermengen zurückgehen, wodurch sich die Flussläufe und die potenzielle Speicherkapazität verringern. Nur wenige wagen jedoch Vorhersagen für die Zeit nach 2100 zu treffen, wenn alle Gletscher in Europa praktisch verschwunden sein werden.

Sicher ist, dass das Wasser in den Alpenregionen als direkte Folge der Gletscherschmelze knapper werden wird. Große Wasserkraftwerke spielen zwar eine Rolle bei der Regulierung des Wasserflusses in die flussabwärts gelegenen Flüsse, könnten aber auch zu einem Teil des Problems werden, da offene Stauseen zur Verdunstung neigen.

Ein Teil der Schuld an der derzeitigen Situation liegt bei den politischen Umständen. Europas grüne Parteien bevorzugen Windturbinen und Sonnenkollektoren gegenüber der Täler flutenden Wasserkraft.

Der Bau von „Zementmonstrositäten“ in den Alpen spricht viel eher die Instinkte der Rechten an. Dennoch neigen moderne rechte Parteien dazu, Atomkraft als bevorzugte Energiequelle zu favorisieren.

Es ist zusätzlich auch ein systematisches Versagen bei der Wasserkraft-Lobbyarbeit festzustellen. Während Solar- und Windenergie einflussreiche und gut vernetzte Lobbygruppen hervorgebracht haben, sind die Interessen der Wasserkraftindustrie in Brüssel kaum vertreten.

Bis heute verweist die offizielle Seite der Europäischen Kommission zum Thema Wasserkraft auf die nicht mehr existierende Website von Hydropower Europe. Diese wurde inzwischen von einer EU-finanzierten Plattform namens ETIP Hydropower abgelöst.

Über die Bereitstellung einer Basisfinanzierung hinaus hat die Kommission die Wasserkraft zuletzt wie ein ungeliebtes Stiefkind behandelt.

Während neue erneuerbare Energieträger von speziellen Strategien profitieren und in der neuen Industriepolitik der EU eine wichtige Rolle spielen, fehlt die Wasserkraft auffällig im Vorschlag der Kommission für einen „Net Zero Industry Act.“

Um es nicht zu vergessen: Einige machen für die Probleme der Wasserkraft auch die Abneigung Deutschlands verantwortlich.

Die derzeitige Situation ist letztendlich das, was passiert, wenn eine reife Industrie aufgrund ideologischer Scheuklappen auf Seiten ihrer natürlichen Verbündeten ignoriert wird.

Dabei ist die Wasserkraft eine riesige, verpasste Chance. Speicherkraftwerke, eine ausgereifte und bereits erprobte Technologie, sind eine der besten heute verfügbaren Energiespeicheroptionen.

Da der Ausbau der Wasserkraft weltweit ins Stocken geraten ist, könnte Europa wieder eine Vorreiterrolle übernehmen. Der IRENA-Bericht zeigt jedoch, dass die Investitionen um das Fünffache steigen müssen, um die Wasserkraftkapazität bis 2050 zu verdoppeln.

Auch die Experten der Gemeinsamen Forschungsstelle der Europäischen Kommission sind sich dieses Problems bewusst. In einem Bericht aus dem Jahr 2022 forderten sie politische Unterstützung für die Pumpspeicherkraft. Europa muss ihren Rat nur beherzigen.