Europa, einig Krisenland
Mediale Rundreise durch die Euro-KriseDie Schuldenkrise beschäftigt die Journalisten überall in Europa. Nicht nur Griechenland steht dabei unter besonderer Beobachtung, sondern auch Deutschland. Eine Reise durch die europäische Medienlandschaft zeigt, wie die Wirtschaftskrise die Stimmung in den Medien und die Arbeit der Journalisten in Frankreich, Griechenland, Spanien, Polen und Großbritannien verändert hat.
Mediale Rundreise durch die Euro-KriseDie Schuldenkrise beschäftigt die Journalisten überall in Europa. Nicht nur Griechenland steht dabei unter besonderer Beobachtung, sondern auch Deutschland. Eine Reise durch die europäische Medienlandschaft zeigt, wie die Wirtschaftskrise die Stimmung in den Medien und die Arbeit der Journalisten in Frankreich, Griechenland, Spanien, Polen und Großbritannien verändert hat.
Der nachfolgende Beitrag von EURACTIV.de-Redakteur Michael Kaczmarek erschien im Medienmagazin Journalist (11/2011).
Depression in Griechenland
Die Deutschen haben Griechenland ins Visier genommen. Und umgekehrt. Hier wie da reagieren die Medien sensibel auf Politiker-Aussagen und Schlagzeilen beim europäischen Partner. Es herrscht Frustration über die vermeintliche Uneinsichtigkeit des jeweils anderen und eine gewisse aggressive Grundstimmung. Jede Wendung in der Euro-Politik wird von den Medien aufgegriffen und auf die Konsequenzen für das eigene Land abgeklopft. Während deutsche Medien gern die "Pleite-Griechen", den "Schuldenstaat" oder den "großen Betrüger" aufs Korn nehmen, fühlen sich die Griechen als die Schulden-Böcke Europas, an denen ein Exempel statuiert werden soll.
"Frustration" sei das richtige Wort, um die aktuelle Stimmung in den griechischen Medien zu beschreiben, sagt Nikos Lampropoulos, Journalist in der Griechenland-Redaktion des europäischen Nachrichtennetzwerks EURACTIV. Die Wirtschaftskrise ist auf allen Kanälen, auf allen Seiten präsent. Zuvor hat sich kaum jemand für Rest-Europa interessiert, jetzt berichten griechische Medien täglich über die Europäische Union. "Doch alles wird aus der rein nationalen, aus der griechischen Perspektive betrachtet. Obwohl Portugal, Spanien und Irland ähnliche Probleme hatten oder haben, kommt das in den Medien kaum vor." Die Griechen blicken stattdessen auf Deutschland: "Die Reaktionen aus Deutschland – ob aus den Medien, von Politikern, Experten oder Verbänden – bekommen hier eine große Öffentlichkeit", sagt Lampropoulos. "Manchmal gab es da auch Wut, mal gegen die EU, mal gegen Deutschland und die Deutschen."
Inzwischen richtet sich die Wut der Menschen und der Medien vor allem gegen die eigene Regierung. "Es gibt da dieses Gefühl, dass die Regierung nicht alles unternimmt, um die Interessen des Landes und seiner Menschen zu schützen", sagt Lampropoulos. Der Frust gegenüber den Deutschen und der EU ist in der Presse aber weiterhin spürbar – etwa in der Karikatur von Michael Kountouris in der konservativen Athener Tageszeitung Eleftheros Typos. Im September hatte die griechische Regierung beschlossen, 30.000 Beamte in „Arbeitsreserve“ zu stellen. Kountouris karikiert diese Maßnahme als ein von den internationalen Geldgebern bewachtes Konzentrationslager, in dem ein kahlgeschorener Häftling mit Euro-Symbol auf der Brust leidend ins Leere starrt. Solche Verweise auf die historische Schuld der Deutschen sind in Griechenland – und nicht nur dort – seit Ausbruch der Schuldenkrise häufiger geworden.
"In Griechenland reagieren wir immer über", sagt Lampropoulus. So auch beim in Griechenland zur Berühmtheit gelangten Focus-Titel Betrüger in der Euro-Familie vom Februar 2010, der die griechische Göttin Aphrodite mit einem Stinkefinger zeigt. "Ich habe nie so ganz verstanden, weshalb das in Griechenland so große Wellen geschlagen hat", sagt Lampropoulos. "Wir tendieren dazu, die Schuld bei allen anderen zu sehen, nur nicht bei uns." Die Medien seien da nicht anders. "Ich vermisse die Kritik der Medien an ihrer Grundhaltung, an ihrem eigenen Beitrag zur Krise", so Lampropoulos. Griechische Medien seien noch nie zur kritischen Selbstreflektion fähig gewesen, das werde auch diesmal ausbleiben.
Die Medienkrise in Spanien
Auch in Spanien hat die Krise die Medien fest im Griff. Nur die kurz bevorstehenden Parlamentswahlen und das Ende des bewaffneten Kampfes der baskischen Untergrundorganisation ETA können da thematisch mithalten. Bei der Schuldenkrise ist die Stimmung insgesamt pessimistisch, sowohl in den Beiträgen als auch bei den Journalisten selbst. Seit Ausbruch der Krise steigen in Spanien die Arbeitslosenzahlen. Auch viele Journalisten haben ihre Jobs verloren. "40 Prozent weniger Journalisten müssen heute den gleichen Job machen wie vor der Krise", schätzt Beatriz Manrique, Chefredakteurin des auf Europathemen spezialisierten Nachrichtenportals Aquí Europa.
Die Umsätze bei Zeitungen, Zeitschriften, Fernsehen und Hörfunk schrumpfen, nur der Onlinesektor wächst – wenn auch deutlich langsamer als zuvor. Der Fokus der Medien habe sich ebenfalls verändert, meint Manrique. EU-Themen seien inzwischen wichtiger geworden, die Namen von EU-Entscheidern wie Juncker, Barroso, Trichet oder Van Rompuy fänden sich öfter in den Schlagzeilen. Überhaupt hätten Wirtschaftsthemen Hochkonjunktur, was sich auch daran zeigt, dass neue Wirtschaftstitel wie Vozpópuli auf den Markt gebracht wurden.
Wie die Griechen, so beobachten auch die spanischen Medien aufmerksam die Debatte in Deutschland. Einige Kommentatoren gehen dabei mit den Deutschen hart ins Gericht: "Letztlich sind wir alle Sklaven des Willens, um jeden Preis die Gewinnmargen deutscher Exporteure aufrechtzuerhalten", schreibt der Wirtschaftsprofessor Manuel Sanchís i Marco in einem Gastbeitrag für die Zeitung El País.
José Ignacio Torreblanca, Leiter des Madrider Büros des European Council on Foreign Relations, formuliert den Medienärger über Deutschland diplomatischer. "Die Medien machen Deutschland zwar nicht für die Krise verantwortlich, doch in den Kommentarspalten und Leitartikeln überwiegt der Tenor, dass Deutschland sehr viel mehr tun könnte. Es wird inzwischen infrage gestellt, ob Deutschland Europa aus der Krise führen kann", sagt der Politologe Torreblanca. Außerdem kritisieren die Medien, dass Deutschland die Ursachen der Krise allein bei den Südländern und ihrer Haushaltspolitik sieht. Sie spiegeln die in Spanien vorherrschende Überzeugung wider, dass es sich um eine systemische Krise handelt, die über das Problem von Staatsschulden hinausgeht.
Laissez-faire in Frankreich
"Mir gefällt nicht, wie die deutschen Medien über Griechenland berichten. Es gibt da diese sehr widerliche Seite. Ich glaube, die Deutschen würden es nicht mögen, wenn man sie so behandeln würde." Das hat kein Grieche geschrieben und auch kein Spanier. Das sagt Jean Quatremer, Brüssel-Korrespondent der französischen Tageszeitung Libération. Quatremer ärgert sich, dass er in seiner Zeitung zu wenig über die deutsche Euro-Debatte lesen, dass er zu wenig über die Krise und ihre verästelten Zusammenhänge berichten kann.
Anders als in Deutschland ist das Euro-Thema in Frankreich weiterhin in der Hand der Wirtschaftsjournalisten und schafft es nur gelegentlich in die Hauptnachrichten. Die Affäre Dominique Strauss-Kahn, die Aufstände in der arabischen Welt, Frankreichs Einsatz im Libyen-Krieg, die Regionalwahlen, der ein oder andere Korruptionsskandal, die Vorwahlen der Sozialisten – in den französischen Medien gibt es viele Themen, die den Euro und Griechenland aus den Schlagzeilen verdrängen. Mit den näher rückenden Präsidentschaftswahlen im April 2012 wird sich das kaum ändern.
Wenn Frankreichs Medien über die Krise berichteten, dann zum Teil mit einem kritischen Blick auf die deutsche Presse, auf "die zögerliche Kanzlerin, auf die Verrückten in der CSU und in der FDP". Nicht ohne Stolz sagt Quatremer, dass auch er seinen Anteil an diesem Deutschland-Bild habe.
Seine Kollegin Florence Autret, freischaffende Brüssel-Korrespondentin, hat die Euro-Verunsicherung in einem journalistischen Experiment verarbeitet: Unter dem Pseudonym Philae hat sie in diesem Sommer den fiktiven Politkrimi Endstation für den Euro geschrieben, der in der Zeitung Le Monde in zwölf Teilen abgedruckt wurde.
Die eher negative Stimmung in Frankreichs Presse hatte sich Ende August zeitweise aufgehellt, als Kanzlerin Angela Merkel pro-europäischen Führungswillen gezeigt habe, erzählt Quatremer. Auch dass die FDP mit ihrem europakritischen Kurs bei den Landtagswahlen keinen Erfolg hatte, hätten die Franzosen beruhigt registriert. Der neue Grundtenor laute nun: Die Deutschen haben endlich verstanden und ihre Haltung geändert. Die Frage sei nur, ob es nicht schon zu spät ist.
Schadenfreude in Großbritannien
Die Briten haben mit dem Euro nichts am Hut. Aber selbst die Medien außerhalb der Eurozone verfolgen aufmerksam, was in Brüssel und Berlin entschieden wird. Je nach Europa-Grundstimmung im Land schwingt in manchen Medien zum Teil offene Schadenfreude über die Misere der Euro-Länder mit. So feierte das altehrwürdige britische Wochenmagazin The Spectator Ende September unter dem Titel The Great Euro Swindle die Sternstunde der Euroskeptiker.
Eine Lesekostprobe: "Nur äußerst selten in der Geschichte der Politik hat eine Fraktion oder eine Bewegung einen so kompletten, überwältigenden Sieg genossen wie die konservativen Euroskeptiker. Ihnen gehört das Feld. Sie hatten nicht nur Recht hinsichtlich der Einheitswährung, das brisanteste Wirtschaftsthema unserer Zeit, sie hatten auch aus den richtigen Gründen Recht. Sie sahen mit klarer, prophetischer Genauigkeit voraus, wie und warum der Euro finanzielle Verheerung und sozialen Zusammenbruch nach sich ziehen würde. Unterdessen befinden sich die Pro-Europäer in der gleichen Situation wie die Beschwichtigungspolitiker 1940 oder die Kommunisten nach dem Sturz der Berliner Mauer. Sie sind völlig aufgeflogen."
Auch Journalisten anderer britischer Medien diskutieren die Schuldenkrise ausführlich, wobei sie nicht mit Vorschlägen sparen, wie die Euro-Länder agieren müssten. Die Financial Times hat Anfang Oktober in dem Kommentar Save Europe’s Unity Now Angela Merkels These "Scheitert der Euro, scheitert Europa" aufgegriffen und umgekehrt: "In Wahrheit ist es andersherum: Scheitert Europa, scheitert der Euro." Die Gemeinschaftswährung sei als letzter Schritt gedacht gewesen, um Europa von den Dämonen des Nationalismus und des Kriegs zu befreien. Nun habe das Gebäude der europäischen Einheit erste Risse.
"Ein Scheitern des Euro könnte alles zum Einsturz bringen", prognostiziert die Financial Times und listet auf, welche Maßnahmen Frankreich, Deutschland und die Europäische Zentralbank umsetzen müssten, um das Fiasko zu verhindern.
Das Paradoxon in Polen
Sie sparen sich ihre Titelseiten auf. Im Nicht-Euro-Land Polen gibt sich die Presse zurückhaltender. Journalisten beobachten auf ihren Wirtschaftsseiten eher, als zu beurteilen, was in der Eurozone passiert. Polnische Experten konzentrieren sich auf die Analyse der Konsequenzen für Polens Währung und Wirtschaft. Außerhalb des Wirtschaftsressorts schafft es das Euro-Thema nur selten in die Schlagzeilen. Radio und Fernsehen berichten darüber kaum. Bis Oktober beherrschten die Parlamentswahlen die polnische Medienagenda.
Für die deutsche Position in der Schuldenkrise hätten die Polen großes Verständnis, sagt Filip Dutkowski, Wirtschaftsredakteur der Polnischen Presseagentur PAP. "Wir fragen uns: Wird Deutschland auch diese Rechnung zahlen? Wo endet die Geduld der deutschen Steuerzahler?", so Dutkowski. In den Kommentaren überwiege die Erleichterung, dass Polen derzeit nicht in der Eurozone ist. Der anvisierte Euro-Beitritt wird in den Medien aber nicht infrage gestellt. "Die Polen befürchten, dass sie nach dem langen Ringen für den EU-Beitritt jetzt wieder an den Rand gedrängt werden könnten. Es gibt dieses Gefühl eines mittendrin und doch daneben", erklärt Kai-Olaf Lang, Experte für Mittel- und Osteuropa der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP).
Lang sieht deutsche und polnische Medien in einer paradoxen Situation: "Die großen deutschen Tageszeitungen haben Vollzeit-Korrespondenten in Warschau. Zugleich spielt Polen keine große Rolle in der Berichterstattung. In Zeiten der Euro-Krise noch weniger. Auf der anderen Seite haben die polnischen Tageszeitungen de facto keinen Korrespondenten mehr in Berlin. Es gibt aber ein immenses Interesse an Deutschland. In Zeiten der Euro-Krise noch mehr."
Leserreaktionen
Daniel (Leipzig): Die englische Presse ist noch krasser. Der Daily Mirror bezeichnet in einem Kommentar ein mögliches Nachfolgeabkommen zum Lissabon Vertrag als "4th Reich Treaty", weil Deutschland damit seine Dominanz in Europa weiter ausbauen würde.
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