EURACTIV tritt der Mediahuis-Gruppe bei: Warum Konsolidierung des Mediensektors notwendig ist

Nach dem Auslöser nationaler Medienkonzentration aufgrund des Internets und der sozialen Medien erfordert jetzt die künstliche Intelligenz (KI) eine grenzübergreifende Zusammenarbeit, die durch neue EU-Politiken erleichtert wird. Die Integration des paneuropäischen Netzwerks mit der Fünf-Länder-Gruppe kann den Weg weisen, schreibt Christophe Leclercq.

© MediaLab
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Nach der nationalen Medienkonzentration durch das Internet und der sozialen Medien erfordert jetzt die künstliche Intelligenz (KI) eine grenzübergreifende Zusammenarbeit, die durch neue EU-Politiken erleichtert wird. Die Integration des paneuropäischen Netzwerks mit der Fünf-Länder-Gruppe kann den Weg weisen, schreibt Christophe Leclercq.

Christophe Leclercq, ehemaliger McKinsey-Berater und Beamter der EU-Wettbewerbsbehörde, gründete dann EURACTIV . Heute vertritt er den Think-Do-Tank, Europe’s MediaLab (Fondation EURACTIV).

EURACTIV hätte unabhängig weitergeführt werden können. 

Also, warum haben wir uns entschieden, das von mir gegründete Medium zu verkaufen? Der Schlüssel ist der gemeinsame Glaube an die Schaffung einiger europäischer Spitzenmedien.

Mediahuis, welches in fünf europäischen Ländern vertreten ist, ist der Herausgeber vieler Nachrichtentitel, die aus lokalen und nationalen Wurzeln gewachsen sind. 

EURACTIV wird seine erste paneuropäische Medienmarke sein. Während der Zusammenschluss in unserer Pressemitteilung (auf englisch, niederländisch, und französisch) erläutert wird, wollen wir einen Blick auf den strategischen Kontext für den Mediensektor werfen.

Alleinige Pionierarbeit, jetzt gemeinsam inspirieren?

EURACTIV war ein früher Innovator im politischen Bereich: kostenloser Inhalt (unterstützt durch klares und transparentes Sponsoring), Ergänzung der Berichterstattung durch Veranstaltungen von Interessengruppen, Ausdehnung der Marke auf andere Länder, Veröffentlichung in vielen Sprachen (derzeit 13), Nutzung dieses Netzwerks für große EU-Projekte. Und vor allem: pro-europäischer und konstruktiver Journalismus (mit gleichzeitiger Beibehaltung der Unabhängigkeit). 

Allerdings sind jetzt mehr Größe und Reichweite erforderlich. Allein wären wir nicht in der Lage, ausreichend im KI-Bereich zu investieren, uns an der Medienkonsolidierung zu beteiligen oder die strategische Autonomie zu gestalten, die Europa braucht. Dazu wäre es auch schwierig gewesen, uns in einem Bereich durchsetzen, der zu angelsächsisch wird.

Steigende Fixkosten erfordern Konsolidierung – auch grenzüberschreitend

Nachdem die gedruckte Zeitung durch die Verbreitung des Internets unter Druck geraten war, waren es die sozialen Medien, die die Werbeeinnahmen eingefangen hatten. Viele Medien gingen dabei unter, wobei sich andere vereinten: kurz gesagt, Schrumpfung innerhalb der Landesgrenzen. 

Ein Medienunternehmen wird zunehmend zu einem Betrieb mit Fixkosten: Personal, Informatik und die Nutzung ausgewählter Marken über alle Aktivitäten hinweg. Marketing und Tech-Tools erfordern Zusammenarbeit, um schneller zu lernen und die Kosten auf mehrere Veröffentlichungen zu verteilen. 

In nicht allzu ferner Zukunft wird die automatische Übersetzung (LangTech) sich durchsetzen, entweder grob „on the fly“ (Verstärkung von Plattformen) oder zur Unterstützung von Qualitätsadaptionen (Nachbearbeitung, Erhaltung der Medien Leserschaft und Verkäufe).

Konsolidierung: Schlechtes, Hässliches… und Gutes!

Konzentration könnte der langsame Tod des Pluralismus sein, wenn diese defensiv und rein national ist. Wenn sie jedoch grenzüberschreitend erfolgt und mehrere Akteure in mehreren Ländern stärkt, könnte sie die Widerstandsfähigkeit sowohl unserer Medien als auch unserer Demokratien stärken.

Die Zusammenarbeit zwischen den Medien in Europa lässt sich historisch in drei verschiedene Epochen einteilen.

Stufe 1 ab den 90er Jahren: Modernisierung der Zeitungen

Hier geht es vor allem um die Übertragung von Inhalt und Zeitungsabos ins Internet. Jetzt kommt eine ausgeklügelte (und respektvolle) Verfolgung der Bedürfnisse der Nutzer hinzu.

Das Folge?  Viele Zeitschriften gibt es nicht mehr…

Und die grenzüberschreitende Pionierarbeit etablierter Akteure klappt nicht immer: Erinnern Sie sich an die Versuche der Financial Times? des Handelsblatts? des Wall Street Journal? oder von The European? 

Meine alte ‚Friedhofsliste‘ steht: „Von 20 Medienkonzernen, die ‚europäisch‘ werden wollten, sind die meisten gescheitert, nicht alle“. Die meisten Projekte hatten Visionen, waren aber der Technologie (Papier lässt sich nicht gut transportieren) und den Bedürfnissen der Kunden (die meisten Politiken waren national) voraus.

Außerdem sind die meisten „Dotcoms“ jetzt tot. 

EURACTIV, als Überlebender dieser Ära, wächst stetig über die Grenzen hinaus und könnte nun beschleunigen.

EURACTIV tritt der Mediahuis-Gruppe bei.

Stufe 2: Nationale Konzentration und internationale Akteure 

Aufrufe zur Grenzüberschreitung, die vor einigen Jahren ertönten, wurden nicht befolgt. 

Der Berufsstand der Journalisten hat etwa die Hälfte seiner Mitarbeiter verloren (einige leider durch Morde, die meisten zum Glück durch Arbeitsplatzverluste). Abgesehen von den staatlich geförderten Rundfunkanstalten ist die andere Hälfte nicht sicher, es sei denn, die Modernisierung wird beschleunigt. 

Das Hässliche? Die „Erweiterungs“-Welle westlicher Investitionen in Richtung Osten wurde durch örtliche Oligarchengruppen und staatliche Kontrolle in vielen Ländern zurückgedrängt. Russischen Trollen hatten auch ihren Einfluss.

Auch viele Online-Medien der „neuen Generation“, die durch Börsengelder finanziert wurden, haben jetzt zu kämpfen.

Aber es gibt auch gute Geschichten und Hoffnungen. 

Stufe 3, die nun beginnt: Konsolidierung mit Technologie und Nutzerdaten 

Aus meiner Erfahrung in anderen Sektoren kann ich Folgendes berichten: Wir stehen an der Schwelle einer neuen Konsolidierungswelle. Politisch ist das sogar überfällig, nach Brexit, Trump und Putins Krieg.

Neue KI, aber auch Übersetzung, Personalisierung, Videokonferenzen machen einen großen Unterschied und bauen auf große Marken und großartige Menschen.

Zum Beispiel sind bei vielen Medienunternehmen Veranstaltungen oft am profitabelsten, und erfahrene Journalisten sind die besten Moderatoren – ähnlich wie Konzerte die Musikindustrie gerettet haben. LangTech wird dort bald die Innovation ankurbeln.

Einige Initiativen helfen bei der transnationalen Zusammenarbeit. Stars4media zum Beispiel hat mehr als hundert Unternehmen geholfen, zu zweit zusammenzuarbeiten. NEWS, inzwischen in seiner dritten Ausgabe, wurde von Europe’s MediaLab initiiert und von der VUB-Universität in Brüssel und den Medienverbänden WAN-IFRA und EJC in Zusammenarbeit mit dem Europäischen Journalistenverband und EURACTIV geleitet.

Sektorspezifische Strategie für eine „Infrastruktur der Demokratie“

Bevor Ursula von der Leyen das Amt an der Spitze der Europäischen Kommission übernahm, machte sie die Demokratie zu einer ihrer sechs wichtigsten Prioritäten. Eindeutig wurden dafür keine Mittel vorgesehen, wie etwa für den Klimawandel oder Corona.  

Aber bei der Verteidigung der Ukraine und der Freiheit geht es nicht nur um Waffen: Der Kampf gegen Desinformation ist entscheidend. Eine gesunde Medienlandschaft in Osteuropa kann helfen, den nächsten Krieg zu verhindern

Trotz des Widerwillens einiger Regierungen ist die Industriepolitik der Europäischen Union kein Tabu mehr. Der Prozess ist nur sehr langsam. Im Dezember 2020 wurde das so genannte „Informationspaketauf den Weg gebracht: sowohl digitale Dienste (DSA) als auch Marktgesetze (DMA), beides Aktionspläne für Demokratie und Medien. Letzteres beinhaltet das vielversprechende NEWS-Paket. Die Auswirkungen dieser EU-Initiativen werden bis zu den EU-Wahlen 2024 begrenzt sein.

Auch die Wettbewerbsregeln werden angepasst: Medienkooperationen werden stärker begrüßt, und das regulatorische Gleichgewicht zwischen Medien und Plattformen verschiebt sich. Allerdings haben die Regulierungsbehörden die Internetriesen noch nicht dazu gezwungen, in ihren Algorithmen Vertrauensindikatoren zu berücksichtigen. Dies würde  Fake News“ entlarven und die Einnahmen der Medien steigern. 

Rechtsvorschriften, wie das derzeit diskutierte Medienfreiheitsgesetz, reichen nicht aus: Eine Konsolidierung des Mediensektors ist notwendig.

EURACTIV: das größte paneuropäische auf EU-Politik spezialisierte Mediennetzwerk.

Fazit: bessere Entscheidungsfindung über Silos und Grenzen hinweg

Unser Sektor ist nachrichtenorientiert, aber er verändert sich erstaunlich langsam. Einige Medienakteure haben damit angefangen, ihre Zukunft selbst in die Hand zu nehmen.

Die Steuerung der Medien sollte sich weniger auf die nationale Politik und mehr auf Innovation, Technologie, die Bedürfnisse der Leser, die auch durch die  öffentliche Politik unterstützt sein sollte, richten. Mainstream-Corporate-Governance wird vor allem gefragt: grenzüberschreitende Zusammenarbeit, Vielfalt, gute Praktiken in den Vorständen. 

Governance ist das, was wir bei European Business Media (früher EBP, Benchmarking) und European Digital Media Observatory (Politik und Bekämpfung von Desinformation) praktizieren. Was Europe’s MediaLab (Fondation EURACTIV) betrifft, sind wir dabei, unsere Prioritäten zu aktualisieren: Ihre Meinung wird gefragt.  

Der Mediensektor sollte nun schneller vorankommen, wobei Politik und Strategien Hand in Hand gehen sollten. Für Europa gibt es keinen anderen Weg.