Die Moskauer Punkband "Pussy Riot" und die westlichen Medien

Standpunkt von Michael WiersingDer Russland-Kenner Michael Wiersing kritisiert die Berichterstattung westlicher Medien über den "Pussy Riot"-Prozess. Der Westen mache es sich mit seinen Anklagen gelegentlich zu einfach.

Am Beispiel der „Pussy Riot“-Band: Macht es sich der Westen mit Putins Russland gelegentlich zu einfach? Foto: dpa
Kann es eine gesamteuropäische Einigung mit Russland geben?

Standpunkt von Michael WiersingDer Russland-Kenner Michael Wiersing kritisiert die Berichterstattung westlicher Medien über den „Pussy Riot“-Prozess. Der Westen mache es sich mit seinen Anklagen gelegentlich zu einfach.

Die analytische Leistung von Journalismus droht zusehends zu kurz zu kommen. Selbst große seriöse Zeitungen und Zeitschriften und deren Internet-Portale fragen weniger nach als nötig und zielen zunehmend auf bloße Stimmungsmache ab. Die reale Gefahr wächst, dass die Medien mehr und mehr Spielball politischer und wirtschaftlicher Konjunkturinteressen werden.

Beispiel: das Urteil gegen die Moskauer Punkband "Pussy Riot" Ende August dieses Jahres. Die Sache war und ist weit weniger einfach, als die Mehrheit der westlichen Medien es sich offensichtlich vorstellt und über lange Wochen dargestellt hat.

Zunächst einmal: Wie sähe die Reaktion hier im Lande aus, wenn Punk-Musiker (oder gar Neonazi-Rocker) in eine jüdische Synagoge gingen und in einem Song die Absetzung von Angela Merkel (oder gar die Auflösung des Staates Israels) forderten? Demonstranten traten am Sonntag nach der Urteilsverkündung im Kölner Dom auf und erwarten nun eine Ordnungsstrafe: das ist milde im Vergleich zu dem, womit in Russland bestraft wird, dennoch gibt es auch im freien, demokratischen Westen von Staats wegen keinen Freifahrschein für alles.

Russische Oppositionelle kaum zu Gehör gekommen

Gleichzeitig war der Ansatz von westlichen Künstlern ohne Kulturkenntnis Russlands ebenso verfehlt, der Anklage jede Legitimation abzusprechen. Die "Pussy Riot" mit Martin Luthers aufklärerischem Engagement in Verbindung zu bringen, wie es der britische Popsänger Peter Gabriel getan hat, diskreditiert diese Künstler und zwar insbesondere in Russland und dort auch bei ihren eigenen Fans.

Der russischen Justiz kann man sicherlich vorwerfen, dass sie ein verlängerter Arm der Politik und nicht unabhängig sei, dass bewusst nicht auf das Argument eingegangen wurde, es könnte sich bei dem Auftritt um ein künstlerisches Happening handeln, dass das Urteil gegen die drei Frauen kurios zustande gekommen und drakonisch ist – dummerweise gibt es in dem vorliegenden Fall auch bekannte russische Oppositionelle, die konkret die Art des Protestes in einer Kirche nicht gutgeheißen haben.

Sie sind im Westen kaum zu Gehör gekommen. Warum man bei uns pauschal der russischen Anklage aus religiösen Gründen nie Glauben geschenkt hat (aber diese Gründe beispielsweise bei der Diskussion um Beschneidungen sofort akzeptiert werden), ist unverständlich, bedenkt man, dass eine Mehrheit der Russen dies auch ohne Beeinflussung und ohne Kenntnis des konkreten Vorfalls so empfindet. Dennoch wird man diese Mehrheit nicht als durchweg politisch unaufgeklärt und als Kunstbanausen beschreiben können.

Regierung hätte sich lächerlich gemacht

Die russische Regierung hätte sich de facto lächerlich gemacht, hätte das Urteil auf Freispruch gelautet – wobei es gut möglich ist, dass die Frauen vorzeitig entlassen werden. So oder so bezahlen die Regierung und orthodoxe Kirche dafür: Es wächst die Gruppe von Dissidenten heran, die komplett atheistisch eingestellt ist und in teilweise kompromissloser Opposition zu Regierung und Staat steht. Das war und ist aber sicherlich nicht im Interesse des Kremls und der Kirche.

Vor allem war das Verfahren in Moskau eine Gelegenheit für jene, die versuchen, dem Regime Putins jegliche demokratische Handlungsweise abzusprechen (siehe den zeitgleich zum Urteil erschienenen "Spiegel"-Titel 33/2012: "Putins Russland – Auf dem Weg in die lupenreine Diktatur"). Russland hat als erneut unabhängiger Staat ab 1992 in der Tat noch vieles nicht geschafft, und es gab bedeutende Rückschritte, ja. Dass die Menschen heute deutlich mehr Freiheit genießen als zu Zeiten der UdSSR, ist dennoch unbestritten. Der "Westen" aber macht es sich nach wie vor zu einfach in der Anklage seiner Gegner – egal ob sie in Russland, im Iran oder neuerdings in Ekuador sitzen –, wenn er meint, allein sein Verständnis auf andere Regionen der Welt anwenden und das fordern zu können, was er häufig genug selbst nicht garantiert.

Die analytische Leistung, auch mal die Stimmen der "Gegenseite" ernst zu nehmen und sich der Frage auszusetzen, was die langfristigen Folgen von bestimmten politischen Ereignissen sein werden (zum Beispiel in Syrien oder Ägypten), ist dabei das, was zusehends fehlt. Es bleibt zu hoffen, dass insbesondere auf internationalem Parkett die Möglichkeiten bestehen und verbessert werden, kritische und unabhängige Berichterstattung durch kompetente und nachhaltig denkende Journalisten zu gewährleisten und an ein interessiertes Publikum zu bringen.


Michael Wiersing


Der Autor: 

Zivildienst in Marseille und St. Petersburg, Studium der Internationalen Beziehungen sowie der Künste in Großbritannien und Russland. Langjährige Beschäftigungen in den Andenstaaten Südamerikas und den Nachfolgestaaten der Sowjetunion. Arbeit als Korrespondent; aktuelles Forschungsinteresse ist u.a. die Frage nach dem zukünftigen Platz von Staaten des Nahen Ostens und Zentralasiens im gemeinsamen europäischen Haus.