Deutsch-französische "Nachversöhnung" jenseits der Schlachtfelder?
Standpunkt von Claire Demesmay (DGAP) und Klemens KoberDie Aussöhnung der ehemaligen Kriegskontrahenten ist so erfolgreich, dass junge Franzosen heute beim Stichwort Deutschland längst nicht mehr zuerst an den Zweiten Weltkrieg denken. Trotzdem tut Deutschland gut daran, auch in Zukunft die Erinnerung an die gemeinsame Vergangenheit wachzuhalten.
Standpunkt von Claire Demesmay (DGAP) und Klemens KoberDie Aussöhnung der ehemaligen Kriegskontrahenten ist so erfolgreich, dass junge Franzosen heute beim Stichwort Deutschland längst nicht mehr zuerst an den Zweiten Weltkrieg denken. Trotzdem tut Deutschland gut daran, auch in Zukunft die Erinnerung an die gemeinsame Vergangenheit wachzuhalten.
Die Autoren
Claire Demesmay ist Leiterin des Frankreichprogramms der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP). Klemens Kober studiert Politikwissenschaften an der Universität Eichstätt und an der Sciences Po Rennes.
__________________________
Wenn Bundespräsident Joachim Gauck im September 2013 an der Gedenkfeier des SS-Massakers in Oradour-sur-Glane teilnimmt, schließt er eine der letzten Lücken in der Aufarbeitung des Zweiten Weltkriegs. Als erstes deutsches Staatsoberhaupt besucht er eine kleine französische Gemeinde, die für Frankreich von großer Bedeutung ist: Am 10. Juni 1944 hatten SS-Truppen als Racheaktion bei der Partisanenbekämpfung nahezu alle Dorfbewohner ausgelöscht. Schon 1947 gab es Bemühungen für symbolträchtige Versöhnungsgesten, als Tausende Hamburger Jugendliche Oradour wieder aufbauen wollten – allein die Zeit war nicht reif. Gauck kann nun daran anknüpfen und damit einen der letzten deutsch-französischen Erinnerungsorte umdeuten, ohne damit einen geschichtsverklärenden Schlussstrich zu ziehen.
Umdeutung der Erinnerungsorte
Von Anfang an begleitet eine symbolkräftige Ikonographie die Annäherungspolitik, die Deutschland und Frankreich kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs in Gang gesetzt haben. Die bildgewordenen Begegnungen an historischen Wegmarken zielen darauf ab, diese Kriegsorte positiv umzudeuten. Die Staatsmänner handelten im Bewusstsein der welt- und europapolitischen Großwetterlage und waren Realisten genug, um einzugestehen, dass nur behutsame vertrauensbildende Maßnahmen die unbedingt notwendige Verständigung beider Völker herbeiführen konnten. Es folgten viele Annäherungsschritte, wie der vielbeschriebene Élysée-Vertrag, dessen heute mit ihm verbundene Symbolik sich erst in den 1980er-Jahren entwickelte.
Die deutsch-französische Ikonographie zeigt, wie tief die Gräben waren, die im Laufe der letzten fünfzig Jahre überwunden wurden. Die Versachlichung der gegenseitigen Wahrnehmung ist einer der größten Erfolge der deutsch-französischen Annäherung der letzten Jahrzehnte, wenn nicht der größte.
Im Gegensatz zur Nachkriegszeit genießt Deutschland heute in Frankreich ein hohes Ansehen: In einer BBC-Umfrage vom Mai 2013 gaben 81 Prozent der befragten Franzosen an, vom Nachbarland ein positives Bild zu haben. Dass das europäische Management der Schuldenkrise in der französischen Bevölkerung keine anti-deutschen Ressentiments genährt hat, im Gegensatz zu Reaktionen in den EU-Südländern, ist auch Ausdruck dieser Versachlichung der Wahrnehmung. In Politik und Medien gab es zwar in letzter Zeit manche verbale Ausfälle, doch in der Gesellschaft haben sie nur wenig Resonanz gefunden. Beide Länder befinden sich nun in einer Phase der "Nachversöhnung" (post-réconciliation) – ein Begriff, den der ehemalige Europaminister Hubert Védrine geprägt hat.
Neben den vielen zivilgesellschaftlichen Austauschprogrammen haben symbolische Gesten von hochrangigen Politikern dazu beigetragen, das Bild eines bedrohlichen Nachbarn durch das eines vertrauenswürdigen Partners zu ersetzen. Freilich trägt die französische Wahrnehmung Deutschlands immer noch Spuren der Erinnerung an die Kriege und an die Nazi-Vergangenheit – eine Erinnerung, die in der Schule weitergegeben wird.
Doch auch wenn diese Vergangenheit nicht aus den französischen Köpfen verschwunden ist, darf sie nicht überschätzt werden. Von den besonders einschneidenden Ereignissen, die heutzutage mit Deutschland in Verbindung gebracht werden, stehen Mauerfall und Wiedervereinigung an erster Stelle. Sie verweisen die Erinnerung an den Krieg auf einen zweitrangigen, wenn auch sicherlich nicht unbedeutenden Platz.
Neue Symbole jenseits der Schlachtfelder
So vertrauensvoll das Deutschlandbild jenseits des Rheins auch sein mag – es muss doch ständig gepflegt werden. Diese Vertrauensbildung ist in den letzten Jahrzehnten nur möglich gewesen, weil die deutschen Staats- und Regierungschefs bei symbolischen Begegnungen stets Demut und Geschichtsbewusstsein demonstriert haben. Dies ist auch in Zukunft notwendig. Insofern ist eine Weiterführung der deutsch-französischen Ikonographie nach traditionellem Muster alles andere als unnütz. Parallel zu dieser gut eingespielten Dramaturgie haben aber beide Länder die Aufgabe, eine neue gemeinsame Symbolik zu entwickeln, die dem Geist der "Nachversöhnung" entspricht und somit auch für die jüngeren Generationen eine Identifikationsbasis bietet.
Das Pathos zu überwinden, ohne dabei die Vergangenheit zu ignorieren, ist keine leichte Sache. Deutschen und Franzosen fällt es sichtlich schwer, sich von der Fixierung der Versöhnungssymbolik auf die gemeinsamen Schlachtfelder zu verabschieden. Mit dem deutsch-französischen Geschichtsbuch, das bereits 2006 erschienen ist, hat man versucht, aus emotionalen Kriegserinnerungen ein Bildungsprojekt mit wissenschaftlichem Ansatz zu machen – und sich dabei explizit an die nachfolgenden Generation gewandt. Die Ausarbeitung der dreibändigen Reihe stellt das letzte Ringen um die Erinnerung in den Köpfen der Menschen dar. Doch werden die Bücher an deutschen und französischen Schulen wenig verwendet. So schön Symbole auch sein können, ihre Wirkung hängt in erster Linie vom Gebrauch ab.
Auch Bilder von gemeinsamen Auslandsbesuchen können eine neue Dynamik in die deutsch-französische Symbolik bringen. Oft wird in unseren Ländern der Diskurs der Versöhnung für selbstverständlich gehalten. Ganz anders im Ausland. Insbesondere in Ländern, die spannungs- bzw. konfliktgeladene Verhältnisse zu ihren Nachbarn haben, liest man aus den deutsch-französischen Erfahrungen eine zukunftsorientierte Botschaft heraus.
Durch diesen externen Blick lernen wiederum Deutsche und Franzosen: Indem sie das vertraute Terrain verlassen, werden sie sich nicht nur der Errungenschaften der Vergangenheit, sondern auch ihrer Verantwortung für die Zukunft der EU bewusster. Mehr Bilder von Staats- und Regierungschefs bei gemeinsamen Auftritten im Ausland sind wünschenswert. Sei es in Regionen, wo Deutschland und Frankreich unterschiedliche Traditionen pflegen, wie in Nordafrika und in Nahost, oder wo sie sich als Handelskonkurrenten präsentieren, wie in Indien und China – an Zielen fehlt es jedenfalls nicht.
Der Text erscheint auch als DGAP-Analyse kompakt auf www.dgap.org.