Der Geuro: Eine Parallelwährung für Griechenland?

Analyse von Thomas Mayer (DB Research)Die Griechen wollen den Euro, sind aber gegen die harten Sparauflagen. Experten aus Politik und Wirtschaft entwerfen derzeit Szenarien, was nach den Wahlen in Griechenland geschehen wird. Thomas Mayer, ehemaliger Chefvolkswirt der Deutschen Bank, beschreibt den "Weg des geringsten Widerstands", den Griechenland und die Euro-Mitglieder wahrscheinlich beschreiten werden.

Alexis Tsipras, Chef der Radikalen Linken, gilt als Favorit für die Parlamentswahlen in Griechenland. Er will, dass Griechenland den Schuldendienst einstellt. Die Konsequenzen sind derzeit kaum abschätzbar. Foto: dpa
Alexis Tsipras, Chef der Radikalen Linken, gilt als Favorit für die Parlamentswahlen in Griechenland. Er will, dass Griechenland den Schuldendienst einstellt. Die Konsequenzen sind derzeit kaum abschätzbar. Foto: dpa

Analyse von Thomas Mayer (DB Research)Die Griechen wollen den Euro, sind aber gegen die harten Sparauflagen. Experten aus Politik und Wirtschaft entwerfen derzeit Szenarien, was nach den Wahlen in Griechenland geschehen wird. Thomas Mayer, ehemaliger Chefvolkswirt der Deutschen Bank, beschreibt den „Weg des geringsten Widerstands“, den Griechenland und die Euro-Mitglieder wahrscheinlich beschreiten werden.

Der Autor

" /Thomas Mayer ist seit Juni 2012 Berater der Geschäftsleitung der Deutschen Bank. Davor war er seit Anfang 2010 Chefvolkswirt der Deutschen Bank und Leiter von Deutsche Bank Research (DB Research).

EURACTIV.de veröffentlicht nachfolgend einen Auszug aus der Analyse "Der Geuro: Eine Parallelwährung für Griechenland?", die in voller Länge hier abgerufen werden kann.
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Die jüngsten Meinungsumfragen lassen darauf schließen, dass Parteien, die das Anpassungsprogramm der Troika ablehnen, in der nächsten griechischen Regierung eine dominierende Rolle spielen werden. Unseres Erachtens ist es jedoch unwahrscheinlich, dass der IWF und die übrigen Länder des Euroraums dem Druck von griechischer Seite nachgeben und das Programm faktisch beenden. Der Präzedenzfall, der durch ein solches Nachgeben geschaffen würde, könnte dazu führen, dass auch andere Länder vom Reformkurs abweichen und dass letztendlich in Deutschland politischer Druck entsteht, die EWU zu verlassen.

Gleichzeitig dürfte Griechenland wohl nicht offiziell aus dem Euroraum ausscheiden, und es ist nicht damit zu rechnen, dass die übrigen Länder des Euroraums Griechenland vollständig aufgeben. Der Weg des geringsten Widerstands könnte darin bestehen, dass die finanzielle Unterstützung für die griechische Regierung eingestellt wird, die Zahlungen für den Schuldendienst fortgesetzt werden und die griechischen Banken mit Hilfe einer europäischen "Bad Bank" stabilisiert werden.

In diesem Fall könnte eine griechische Parallelwährung zum Euro (die wir hier als "Geuro" bezeichnen) entstehen, wenn die Regierung Schuldverschreibungen zur Bedienung ihrer laufenden Zahlungsverpflichtungen begibt. Dies würde es Griechenland auch ermöglichen, eine Wechselkursabwertung durchzuführen, ohne offiziell aus der EWU auszuscheiden. Zunächst dürfte es unseres Erachtens zu einer kräftigen Abwertung kommen; die griechischen Behörden könnten jedoch den Wechselkurs des Geuro gegenüber dem Euro durch umsichtige Fiskal- und Strukturreformen stabilisieren oder sogar stärken und sich so die Tür für eine Rückkehr zum Euro offen halten.

Im Vorfeld der Neuwahlen in Griechenland wird heftig über ein Ausscheiden des Landes aus dem Euroraum spekuliert. Marktteilnehmer und Ökonomen versuchen, zu berechnen, welche Verluste ausländischen Gläubigern in einem solchen Fall entstehen würden, und die Ansteckungseffekte für andere EWU-Länder zu beurteilen. Die meisten kommen zu dem Schluss, dass die direkten finanziellen Kosten für Griechenlands ausländische Gläubiger zwar hoch wären, das Hauptrisiko jedoch in einem Zusammenbruch des gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Systems in Griechenland und den Folgen des griechischen Dramas für die Einwohner und die Gläubiger anderer, unter finanziellem Druck stehender Länder bestünde.

Die üblicherweise dargestellten Szenarien stützen sich auf die zentrale Annahme, dass Griechenland den Euro nach dem Ende der finanziellen Unterstützung aus dem Ausland durch eine neue Währung ersetzen müsse. Dies würde unseres Erachtens zu umfangreichen Zahlungsausfällen und einem Zusammenbruch des Bankensektors führen, was wirtschaftliche, soziale und politische Katastrophen auslösen könnte. Da sich die griechischen Wähler jedoch mit klarer Mehrheit für eine Beibehaltung des Euro aussprechen (wenn auch nicht für eine Fortführung des Anpassungsprogramms der Troika) und die Regierungen und Institutionen der EU die Kosten eines Zusammenbruchs des Anpassungsprogramms möglichst gering halten wollen, erscheinen ein vollständiges Ausscheiden aus dem Euro und die Einführung einer neuen Währung nicht realistisch.

Eher ist unseres Erachtens wohl mit einem Teilstopp der finanziellen Unterstützung zu rechnen: Die Unterstützung für den Schuldendienst und den griechischen Bankensektor dürfte fortgeführt werden, nicht jedoch die Finanzierung der Primärausgaben des Staates. In diesem Fall könnte die griechische Regierung – der es schwer fallen würde, ihre Rechnungen zu bezahlen – Schuldverschreibungen begeben, aus denen sich eine nationale Parallelwährung entwickeln könnte. Der Euro würde nicht auf einen Schlag ersetzt, sondern durch ein Finanzinstrument ergänzt, das Währungscharakter annähme. Der Euro würde nur allmählich und zum Teil ersetzt, so dass dieser Prozess eventuell zu geringeren Verwerfungen – als üblicherweise beschrieben – führen könnte.

Thomas Mayer

Links

DB Research: Der Geuro: Eine Parallelwährung für Griechenland? (23. Mai 2012)

EURACTIV.com: German economist proposes a ‘Geuro’ for Greece (23. Mai 2012)

Zum Thema auf EURACTIV.de

Euro-Austritt Griechenlands als Befreiungsschlag (22. Mai 2012)

EU und EZB arbeiten an Notfallplänen für griechischen Euro-Austritt (18. Mai 2012)

Euro-Krise: Debatte um Austritt Griechenlands (14. Mai 2012)

Kerber: Guldenmark als Lösung der Euro-Krise (11. Mai 2012)

Mayer: Herabstufung der Euro-Länder nachvollziehbar (17. Januar 2012)