Clean Transition Dialogues: 10 Vorurteile über Wasserstoff

Speziell bei Wasserstoff gibt es überholte Vorstellungen bezüglich dieser disruptiven Technologie, die angesichts ihres großen Potenzials überwunden werden sollten, schreibt Jorgo Chatzimarkakis.

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Europa hat im Bereich Wasserstoff noch immer einen Vorsprung, den es nutzen sollte, um seine globale Wettbewerbsfähigkeit zu sichern, schreibt Jorgo Chatzimarkakis. [[Shutterstock/kittirat roekburi]]

Speziell bei Wasserstoff gibt es überholte Vorstellungen bezüglich dieser disruptiven Technologie, die angesichts ihres großen Potenzials überwunden werden sollten. Grundsätzlich sollte man bedenken: Während China bei der Batterie-, Solar- und E-Mobilitätstechnologie führend ist, hat Europa im Bereich Wasserstoff noch immer einen Vorsprung, den es nutzen sollte, um seine globale Wettbewerbsfähigkeit zu sichern, schreibt Jorgo Chatzimarkakis.

Jorgo Chatzimarkakis ist Vorstandsvorsitzender von Hydrogen Europe

Die Europäische Kommission hat ihre Bestandsaufnahme der Clean Transition Dialogues veröffentlicht. Ein Forum, in denen sie mit der Industrie und den Sozialpartnern zusammenarbeitet, um die Umsetzung des Europäischen Greens Deal zu unterstützen.

Es ist zunächst einmal lobenswert, dass die Frage der industriellen Komponente des grünen Übergangs von den höchsten Ebenen der Europäischen Kommission ernst genommen wird. Europa wird jedoch nur dann ein globaler Player bleiben, wenn alle relevanten Technologien einen Beitrag zur Steigerung der Systemeffizienz leisten können. Der Ausschluss bestimmter Technologien würde letztlich die Kosten erhöhen und der globalen Wettbewerbsfähigkeit Nachträglich sein.

Im Folgenden sind zehn Vorurteile über Wasserstoff aufgelistet, die hoffentlich ausgeräumt werden können, wenn wir in die „Crunch Time“, also die entscheidende Phase für die Energiewende und für die Stellung Europas auf dem Weltmarkt, eintreten.

1. Die Erfolgsgeschichte des Wasserstoffs war nur ein Boom

Das Gegenteil ist der Fall. Während die Europäer die Wasserstoffrevolution mit ihrer kohärenten Strategie für 2020 eingeleitet haben, haben Länder auf der ganzen Welt begonnen, massiv in Wasserstoff zu investieren. Europa hinkt nun hinter den großen Akteuren hinterher, was eine ordnungsgemäße Derisking-Strategie geht.

2. Wasserstoff hält nicht, was er verspricht

Die Wasserstoff-Story ist keine einmalige Sache, von der man hofft, dass sie innerhalb von ein paar Jahren funktioniert. Der Relaunch der Weltwirtschaft ist eine Frage von Zeit und Geduld. Es ist auch eine gewaltige Aufgabe für die Menschheit, die eine nie dagewesene finanzielle Unterstützung erfordert. Die Wasserstoff-Story hat gerade erst begonnen.

3. Der Rechtsrahmen ist bereit und ausreichend

Die enorme „Herkules-Aufgabe“, das Fit-for-55-Paket zu verabschieden, ist zu begrüßen und zu würdigen. Aber es muss in nationales Recht umgesetzt werden – und das muss schnell und entschlossen angepackt werden. Andernfalls wird der Rechtsrahmen seine Aufgabe nicht erfüllen. Zudem fehlen noch äußerst wichtige Elemente wie Definitionen, Zertifizierungssysteme und Normung. Dies muss so schnell wie möglich nachgeholt werden.

4. Wasserstoffprojekte sind nicht bankfähig

Es ist zutreffend, dass trotz der explosionsartigen Zunahme der angekündigten Wasserstoffprojekte in der ganzen Welt und insbesondere in Europa die endgültigen Investitionsentscheidungen (FIDs) nicht in gleichem Maße gestiegen sind. Dafür gibt es mehrere Gründe, aber ein entscheidender ist, dass viele dieser Projekte durch inflationäre Preise belastet werden und durch regulatorische Ketten gefesselt sind. Die Inflation betrifft alle Märkte, aber aufstrebende Märkte in besonderem Maße, während die politischen Entscheidungsträger noch viel tun können, um die regulatorische Belastung zu verringern.

5. Der Preis von Wasserstoff ist zu hoch

Der Preis von Wasserstoff hängt stark vom Strompreis ab. Die Energiekrise als Folge des Krieges in der Ukraine hat die Situation noch verschärft. Die politischen Entscheidungsträger müssen ihr Möglichstes tun, um diese Situation zu bekämpfen. In der Zwischenzeit wird die Wasserstoffindustrie beim Wachstum von natürlichen Größenvorteilen profitieren – wie alle sauberen Technologien des 21. Jahrhunderts.

6. Das Wasserstoff-Grundgerüst ist zu teuer

Letzte Zahlen dokumentieren, dass die intermittierende erneuerbare Energie – die zu Recht weiter zunimmt – die europäischen Netze vor immer größere Probleme stellen wird. Dies führt zu Kosten für das Netzmanagement, zu Engpässen und zu einem hohen Maß an Stromabschaltungen. Der Ausbau des Stromnetzes ist extrem teuer, während Investitionen in zusätzliche Infrastrukturen wie Wasserstoff die Gesamtkosten und damit die Belastung der Steuerzahler verringern könnten. Dies geht einher mit dem dringenden Bedarf an Speicherkapazitäten, der durch Wasserstofflösungen leicht gedeckt werden könnte.

7. Wasserstoff sollte auf Industrieziele beschränkt werden

Kein Zweifel: Wasserstofflösungen in der Industrie sind das einfachste und am leichtesten zu erreichende Ziel für die ersten Anwendungen von grünem und sauberem Wasserstoff. Sobald Wasserstoff jedoch im System insgesamt verfügbar ist, wird er auch für andere Anwendungen wünschenswert und nutzbar sein. Bestimmte Sektoren von Wasserstofflösungen auszuschließen, wäre eine rein ideologische Entscheidung und würde uns auf lange Sicht mehr kosten. Wasserstoff wird nicht alle Sektoren bestimmen, aber er kann dazu beitragen, die Kosten in allen Sektoren zu senken.

8. Die Europäische Wasserstoffbank ist bereit

Die Europäische Wasserstoffbank befindet sich in einem sehr frühen Stadium. Die erste Ausschreibung wurde erfolgreich durchgeführt und die massive Überzeichnung ist ein wichtiges Signal an den Markt. Ohne eine echte Strategie zur Risikoreduzierung für Wasserstoff in Verbindung mit der Bank wird Europa jedoch nicht wettbewerbsfähig bleiben. Andere Regionen haben einfache und pragmatische Finanzierungssysteme entwickelt, die dazu beitragen, private Investitionen zu mobilisieren. Wir müssen die gute Arbeit, die wir begonnen haben, fortsetzen.

9. Öl- und Gasunternehmen ziehen sich aus Investitionen in Wasserstoff zurück

Öl- und Gasunternehmen sind die Haupttriebkräfte für Investitionen in Wasserstoff auf globaler Ebene, da sie Wasserstoff für ihre technischen Prozesse benötigen – und sie können Öl und Gas schließlich durch Wasserstofflösungen ersetzen. Die aktuellen geopolitischen Krisen haben jedoch zu einer komfortablen Situation für Öl- und Gasunternehmen geführt, da die Nachfrage nach fossilen Brennstoffen nur noch gestiegen ist. In Verbindung mit einer Fülle von Subventionen, die sie weiterhin erhalten, gibt es keinen Anreiz, diesen Weg zu ändern. Die politischen Entscheidungsträger müssen begreifen, dass die Fortsetzung der Subventionen für fossile Lösungen ohne Umlenkung der Gelder für grüne und saubere Lösungen nichts an dieser Situation ändern wird. Es liegt in ihrer Hand.

10. Erneuerbare Energien und Strom sollten an erster Stelle stehen

Das ist natürlich richtig. Was jedoch nicht stimmt, ist, dass dieser Weg ohne große, unerschwingliche Zusatzkosten verbunden ist. Die größten davon sind die gigantischen Investitionen, die für die damit verbundene Infrastruktur erforderlich sind, wie ich bereits erwähnt habe. Ausschließlich in das Stromnetz zu investieren, ist teurer und erfordert mehr kritische Rohstoffe als die Diversifizierung unseres Energiebedarfs in ein zweites, wasserstoffbasiertes System. Maßnahmen auf der Grundlage grüner und sauberer Moleküle sind dringend erforderlich. Wenn erneuerbare Energien an erster Stelle stehen – und das sollten sie auch –, dann sind Speicherkapazitäten und zusätzliche Übertragungskapazitäten via über Pipelines Teil des Pakets.

Wenn wir das verstehen, dann verstehen wir auch, dass Wasserstoff die Revolution der erneuerbaren Energien ermöglicht und nicht damit konkurriert.