Abkehr von Frankreich?

Standpunkt von Hermann Bohle (Genf)Seit den Feierlichkeiten zum 50. Jahrestag des deutsch-französischen "Elysée"-Vertrags für Europa mobilisieren die Pessimisten. Wer am deutsch-französischen Bund für Europa rüttelt, verspielt die gemeinsame Zukunft, schreibt Hermann Bohle.

Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Staatspräsient François Hollande. Foto: Der Rat der Europäischen Union
Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Staatspräsient François Hollande. Foto: Der Rat der Europäischen Union

Standpunkt von Hermann Bohle (Genf)Seit den Feierlichkeiten zum 50. Jahrestag des deutsch-französischen „Elysée“-Vertrags für Europa mobilisieren die Pessimisten. Wer am deutsch-französischen Bund für Europa rüttelt, verspielt die gemeinsame Zukunft, schreibt Hermann Bohle.

Der Autor

Hermann Bohle (Genf), Jahrgang 1928, Kommentator und Buchautor, langjähriger Journalist in Brüssel zu EU- und NATO-Themen. Ehemals DIE ZEIT, Die Presse (Wien), Neue Zürcher Zeitung NZZ und Weltwoche (Zürich), Rheinischer Merkur, Unternehmensberatung Deutscher Wirtschaftsdienst (DWD-Köln). BLOG: Bohle-Echo.de.
_______________

Seit den Feierlichkeiten zum 50. Jahrestag des deutsch-französischen "Elysée"-Vertrags für Europa mobilisieren die Pessimisten. "Moll"-Tonalitäten sogar aus Berlins DGAP (der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik). Englands Historiker Niall Ferguson, dem Londoner Hedgefonds GLG-Partners verbunden wie Amerikas Harvard-University, sieht bereits das ganze "Europäische Projekt gescheitert" (Il Sole-24 Ore, 16.4.13). Seit 2007 nennt er die EU das "Disaster in der Mache".

Angefeuert werden die Europa-Pessimisten (deren einige sich wohl eher als Optimisten des erhofften EU-Niedergangs regen) vom schwächelnden Frankreich des Präsidenten François Hollande. Aus seiner Sozialistischen Partei (PS) verstimmt nicht nur die "Neue Zürcher Zeitung" das "gefährliche Spiel", mit dem dort ein internes Arbeitspapier "unverblümt zur Konfrontation mit Deutschland" aufrufe.

Für Berlin ist es damit hohe Zeit zum Nachdenken. Erstrecht zum Wiederentdecken der Vision, ohne die es keine zielstrebige Politik geben kann, wie uns Bismarck lehrt. Der europäischen Gründungskanzler und Baumeister Konrad Adenauer (1949-63) wusste in seiner Zeit schon eine Wahrheit, die beinahe banal ist: Mit einem starken Frankreich sei der Umgang schwierig, mit einem schwachen aber unmöglich.

Da heißt es also, nicht – wie mal wieder in bisweilen angesehenen deutschen Blättern – hämisch über die "Grande Nation" herzuziehen; dieser napoleonische Begriff ist in gallischen Landen heute – gut 200 Jahre später – quasi ungebräuchlich. Für deutsche Regierende gilt es vielmehr, sich einer anderen, staatsmännischen Weisheit des alten Kanzlers zu erinnern: Innen- und sozialpolitische Fehler einer Regierung sind, so Adenauer, korrigierbar, außenpolitische aber "in der Regel nicht".

Ohne den deutsch-französischen Bund für Europa aber geht beinahe garnichts in der EU. Anfangs der 1970er Jahre sagte Amerikas Zukunftsforscher Herman Kahn (Gründer des berühmten Hudson Institute) voraus, Frankreichs Wirtschaftsleistung werde das damalige Westdeutschland überholen.

Das mag visionär überzogen gewesen sein, wie es Propheten widerfahren kann; Deutschlands Politik aber muss es sein, seine französischen Partner genau auf solchen Wegen mit allen verügbaren Kräften zu begleiten. Wir und Europa brauchen das starke Frankreich. Gut, dass EZB-Direktor Jörg Asmussen soeben im Europaparlament ankündigte, sobald der Euro-Stabilisierunbgsfonds ESM stehe, sei Schluss mit der Einmischung von außen in die europäische Politik: Distanz zum Internationalen Währungsfonds IWF (dessen Kurs die US-Sperrminorität bestimmt). Auch hier, wie man sieht: Mehr Europa. Niall Ferguson unser Gruß.