50 Jahre "Sachverständigen"-Ohnmacht

Standpunkt von Hermann BohleAuf den Tag genau 50 Jahre nach Gründung des "Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung" geben die jüngsten Konjunkturdaten Anlass zur Hoffnung auf ein Ende der Wirtschaftskrise. Hermann Bohle über Konjunkturpropheten, gefährliche Ideologien und Herdendenken.

Das Auf und Ab der Konjunktur können auch Experten nicht vorhersehen. Foto: Eva K. (CC BY-SA 2.5)
Das Auf und Ab der Konjunktur können auch Experten nicht vorhersehen. Foto: Eva K. (CC BY-SA 2.5)

Standpunkt von Hermann BohleAuf den Tag genau 50 Jahre nach Gründung des „Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung“ geben die jüngsten Konjunkturdaten Anlass zur Hoffnung auf ein Ende der Wirtschaftskrise. Hermann Bohle über Konjunkturpropheten, gefährliche Ideologien und Herdendenken.

Der Autor


Hermann Bohle
 (Genf), Jahrgang 1928, Kommentator und Buchautor, langjähriger Journalist in Brüssel zu EU- und NATO-Themen. Ehemals DIE ZEIT, Die Presse (Wien), Neue Zürcher Zeitung NZZ und Weltwoche (Zürich), Rheinischer Merkur, Unternehmensberatung Deutscher Wirtschaftsdienst (DWD-Köln). BLOG: Bohle-Echo.de.
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Seit diesem 14. August können es auch unsere "Experten" nicht mehr zerreden: Die Konjunktur zieht wieder an im Euroraum. Das – überwiegend neoliberale – Interessentengekreisch der letzten Monate, die den Erfolg der Euro-Rettung mit immer neuen, überwiegend dubiosen "Anlagetipps" öffentlich in Zweifel ziehen, verhallt. Zu Ende ist die 2008/09 von der Allmacht unkontrollierter, angelsächselnder "Finanzmärkte" ausgelöste Weltkrise auch in Europa noch nicht. Überwunden wird sie aber, wie Finanzminister Wolfgang Schäuble ein- über das andere Mal wiederholt.

Der Euro wird als Sieger aus dieser Krise hervorgehen. Seine Feinde, denen jedwedes Hineinreden der "Politik" in die nur profitbetonte Marktwillkür zuwider ist, scheitern mit ihrer Parole des "weniger Europa".

"Niemand kann Wirtschaftsentwicklung vorhersehen"

Für den Beobachter anregend ist es, dass die konjunkturpolitische Euro-Wende ausgerechnet am 14. August manifest geworden ist. Am gleichen Tag vor 50 Jahren hatte in Deutschland der "Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung" 1963 das Licht der Welt erblickt.

Deutschlands Gründungskanzler Konrad Adenauer soll seinem Wirtschaftsminister Ludwig Erhard vergebens geraten haben, sich nicht "diese Laus in den Pelz zu setzen". 1964 bereits bekannten die fünf Experten – offiziell: "Man kann nicht erwarten, dass irgendjemand in der Lage ist, die künftige Wirtschaftsentwicklung vorherzusehen." Wie wahr! Der Bonner SPD-Spitzenmann Hans-Jürgen Wischnewski (1922-2005) bekannte im privaten Gespräch: "Wenn ich mir so anhöre, was unsere Konjunkturpropheten verkünden, dann halte ich meine Außenpolitik für eine exakte Wissenschaft."

Totalversagen zu Beginn der Krise

Ihre Totalpleite erlebte die Prognostikergilde zu Beginn der Weltkrise 2008/9. Dem ursprünglichen Konzept für den "Sachverständigenrat" hatte ja die "Globalsteuerung" durch staatliche Maßnahmen zugrunde gelegen – die gezielte Beeinflussung des Wirtschaftsgeschehens zum Beispiel durch steuerpolitische Entscheidungen. Daraus machten Amerikas und Englands Neolibs – Präsident Ronald Reagan, Premierministerin Margaret Thatcher – ab 1983 die quasi-gesetzlose "Deregulierung". Und wurden weltweit nachgeäfft.

Wie komplett illusorisch seitdem Voraussagen waren, zeigte sich 2009. Noch zwei Monate nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers, die den Deutschen den größten Wirtschaftsabsturz der Nachkriegszeit bescherte, verkündeten die Sachverständigen: "Extreme Szenarien" seien für Deutschland "auszuschließen".

Schlimm ist, dass den – natürlich "irrtumsfähigen" – Wissenschaftlern zahllose Wichtigtuer und Prognosehändler nacheifern. Täglich, in schrillstmöglicher Tonlage. Niemand kann errechnen, wie viele Milliarden nicht investiert, wie viele Millionen Jobs nie geschaffen wurden, weil das publizistische Tagesgeschäft der ökonomischen "Dönchen"-Erzähler massenweise Mittelständler vom Wagnis des Investierens abschreckte.

Gemeingefährliche Konjunkturschwätzer

Ludwig Erhard sah die Ökonomie als angewandte Psychologie: "Vor einem Hauptbahnhof verkauften Zweie ihre Siedewürstchen. Der eine erwartete gute Geschäfte, mietete sich eine Bude mit drei Tischen und neun Stühlen, bot Würstchen an und anderes. Der andere fürchtete den nächsten Konjunktureinbruch. Der schleppt noch immer seinen Bauchladen. Nr. 1 aber ist mittlerweile ein wohlhabender Mann." Weil er sich von Konjunkturschwätzern nicht entmutigen ließ. Die sind gemeingefährlich.

Hermann Bohle