"Zweite Trump-Präsidentschaft könnte globale Wirtschaftsordnung ins Wanken bringen"
Eine zweite Amtszeit von Donald Trump als US-Präsident könnte die globale Wirtschaftsordnung ernsthaft erschüttern. Zudem könnte es zu einem wirtschaftlich katastrophalen Handelskrieg zwischen den USA und der EU kommen, warnen Experten.
Eine zweite Amtszeit von Donald Trump als US-Präsident könnte die globale Wirtschaftsordnung ernsthaft erschüttern. Zudem könnte es zu einem wirtschaftlich katastrophalen Handelskrieg zwischen den USA und der EU kommen, warnen Experten.
Trump befindet sich in einem engen Kopf-an-Kopf-Rennen mit der demokratischen Kandidatin und derzeitigen US-Vizepräsidentin Kamala Harris. Im Falle seiner Wiederwahl will er Zölle in Höhe von mindestens 60 Prozent auf chinesische Waren und von zehn Prozent auf Importe aus dem Rest der Welt einzuführen.
Solche Vorschläge wecken Befürchtungen, dass eine zweite Amtszeit Trumps noch protektionistischer ausfallen könnte als seine erste. Damals führte er Zölle auf eine Reihe von Waren ein, darunter Waschmaschinen, Solarpaneele, Aluminium und Stahl.
„Trump steht für eine radikale ‚America First‘-Politik und kümmert sich wenig um ein offenes transatlantisches Wirtschaftssystem“, erklärte Georg Riekeles, Associate Director am European Policy Centre, gegenüber Euractiv.
„Unter Trump werden wir wahrscheinlich einen Handels- und Investitionskrieg auf Steroiden erleben.“
Riekeles fügte hinzu, dass die Wiederwahl Trumps „enorme Verluste an wirtschaftlicher Effizienz mit sich bringen und verbreiten“ würde.
„Der ökologische Wandel wird sehr viel teurer werden, der Inflationsdruck könnte wieder dramatisch zunehmen und die Arbeitslosigkeit wird steigen, da Staaten in den Protektionismus abdriften“, sagte er.
Alicia García-Herrero, Senior Fellow beim EU-Think-Tank Bruegel, merkte an, dass Trumps Wahl des Senators von Ohio, J.D. Vance, als Kandidat für die Vizepräsidentschaft darauf hindeute, dass seine protektionistische Haltung genauso stark oder vielleicht sogar noch stärker sei als in seiner Amtszeit als Präsident von 2017 bis 2021.
Als entschiedener Kritiker des Freihandels hat Vance wiederholt die „Notwendigkeit des Schutzes der amerikanischen Industrie“ vor dem globalen Wettbewerb durch „breit angelegte Zölle, insbesondere auf Waren aus China“, betont.
„Wenn wir je Zweifel daran hatten, ob Trump ein anderer Trump sein würde, ein angenehmerer Trump für Europa, aus welchem Grund auch immer, dann wissen wir das jetzt, denke ich“, erklärte García-Herrero gegenüber Euractiv.
García-Herrero wies darauf hin, dass die Staats- und Regierungschefs der EU wahrscheinlich versuchen würden, den Isolationismus von Trump und Vance auszugleichen. Dazu würden sie „verzweifelte Maßnahmen“ ergreifen, um engere Wirtschafts- und Forschungspartnerschaften mit anderen „gleichgesinnten Partnern“ wie dem Vereinigten Königreich, Kanada, Australien, Südkorea und Japan zu schaffen.
Riekeles merkte unterdessen an, dass die Wiederwahl Trumps im November China veranlassen würde, „noch härter um andere Märkte und um Einfluss und Macht in der Welt zu konkurrieren.“
„Es wird ein Kampf um alle BRICS-Staaten: um Brasilien, um Indien, um Südafrika und so weiter. Und es wird ein Kampf um die ressourcenreichen Staaten und den globalen Süden sein“, sagte er.
„Ich glaube, die Welt könnte sich viel schneller spalten, als wir ahnen“, fügte er hinzu.
„Asymmetrisches“ Handelskriegsrisiko zwischen USA und EU
Dabei gäbe es laut Experten zwei wesentliche Szenarien, wie sich die von Trump vorgeschlagenen Zölle direkt auf die europäische Wirtschaft auswirken könnten.
Erstens könnten die 60-prozentigen Zölle auf chinesische Importe dazu führen, dass viele Waren, die ursprünglich für den US-Markt bestimmt waren, nach Europa umgeleitet und dort zu Dumping-Preisen verkauft werden. Dadurch wäre Europa gezwungen, eigene protektionistische Maßnahmen zu ergreifen.
„Ich denke, dass eine Industrie nach der anderen in Europa zu den nationalen Hauptstädten und Brüssel rennen und sagen wird: ‚Ihr müsst uns retten – mit Subventionen und Handelsschutz'“, sagte Riekeles.
Unter diesem Gesichtspunkt sei die jüngste Entscheidung der Europäischen Kommission, Zölle auf in China hergestellte Elektrofahrzeuge zu erheben, nur ein Vorbote dessen, was vor uns liege, meinte er.
Sander Tordoir, Chefökonom des Centre for European Reform (CER), merkte an, dass Trumps zehnprozentige Zölle auf globale Waren vor allem Deutschland treffen würden. Das Land leide ohnehin schon unter einer schwachen Nachfrage und der wachsenden Konkurrenz aus China.
„Zehn Prozent sind zwar keine massiven Zölle, aber sie werden den deutschen Exporten in Zeiten, in denen sie ohnehin schon zu kämpfen haben, definitiv schaden“, erklärte er.
Tordoir erläuterte, dass die Risiken eines Handelskriegs zwischen den USA und der EU „asymmetrisch“ seien. Die USA hätten vor kurzem China als wichtigsten Handelspartner Deutschlands abgelöst und die EU als Ganzes erwirtschafte derzeit einen Handelsüberschuss von mehr als 150 Milliarden Euro mit den USA.
Er wies auch darauf hin, dass der US-Protektionismus die Schwierigkeiten Deutschlands bei der Suche nach geeigneten Exportmärkten nur noch verstärken würde. Schließlich neige China zunehmend dazu, ausländischen Unternehmen den Zugang zu seiner eigenen Wirtschaft zu erschweren.
„Wenn ich in Berlin Wirtschaftspolitik betreiben würde, wäre ich darüber sehr besorgt, denn es ist wirklich nicht so offensichtlich, wo man deutsche Investitionsgüter verkaufen kann, wenn die beiden größten Volkswirtschaften der Welt diese Art von Marktzugang nicht mehr bieten“, fuhr er fort.
Instrumentalisierung der Führungsrolle der USA im Sicherheitsbereich
Einige Experten wiesen auch darauf hin, dass Trump versuchen könnte, den Status der USA als Europas Sicherheitsgarant zu instrumentalisieren, um die Handelspolitik des Kontinents zu beeinflussen.
Tobias Gehrke, Senior Policy Fellow beim European Council on Foreign Relations (ECFR), erklärte gegenüber Euractiv, dass Trump eher dazu neigen könnte, „Peitsche“ statt „Zuckerbrot“ einzusetzen, um europäische Firmen dazu zu bewegen, ihre Abhängigkeit von China zu verringern.
„Im Moment geben die USA eine Menge Anreize für Unternehmen, sich auf eine bestimmte Art und Weise zu verhalten, vor allem im Inflation Reduction Act, der im Grunde besagt: ‚Ihr lasst China außen vor, aber im Gegenzug bekommt ihr Geld'“, erläuterte er. Dabei bezog er sich auf die US-Initiative, die mehr als eine Billion Dollar an Steuergutschriften und Subventionen bereitstellt, um die heimische umweltfreundliche Produktion zu fördern.
„Das ist eine ziemlich kostspielige Agenda. Ich denke, man könnte sich sehr gut vorstellen, dass eine republikanische Regierung es umdrehen und einfach sagen könnte: ‚Ihr bekommt Zugangsbeschränkungen zum US-Markt, wenn ihr euch nicht auf eine bestimmte Art und Weise verhaltet und eure Lieferkette ändert.'“
Trumps Politik könnte auch die chinesischen Bemühungen verstärken, einen Keil zwischen die EU und die USA zu treiben, meinte Gehrke. Dazu würde China Europa ermutigen, eine stärkere wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Peking statt mit Washington anzustreben.
Er wies jedoch darauf hin, dass die Abhängigkeit der EU von den USA im Bereich der Sicherheit wahrscheinlich zu stark sei, als dass Peking Europa erfolgreich aus dem Einflussbereich Washingtons herauslösen könnte.
„Die Abhängigkeit von den Sicherheitsgarantien und der Unterstützung durch die USA im Zusammenhang mit der Ukraine ist einfach zu offensichtlich für jeden. Und das Risiko, dass dies gefährdet wird, wird meiner Meinung nach Europa wirtschaftlich an die Vereinigten Staaten binden“, sagte er.
Eine unvermeidliche weltweite Entkopplung?
Viele Analysten wiesen auch darauf hin, dass die wachsende Rivalität zwischen den USA und China bedeute, dass die Wirtschafts- und Handelspolitik der EU unabhängig davon, wer die Präsidentschaftswahlen im November gewinne, wahrscheinlich große Veränderungen durchlaufen müsse.
„Wir werden andere Wege finden müssen, um Dinge ohne die USA oder mit weniger [Beteiligung der] USA zu tun“, sagte García-Herrero von Bruegel.
„Das gilt selbst dann, wenn Harris die Wahlen gewinnt, denn hier geht es nur um China – und der Rest der Welt wird den Preis dafür zahlen, dass sich die USA vom offenen Zugang abwenden.“
Riekeles vom European Policy Centre stellte ebenfalls fest, dass die „allgemeine Richtung der Welt“ unter einer Präsidentschaft von Trump oder Harris dieselbe wäre. Sie würde nämlich zu einer größeren geopolitischen und wirtschaftlichen Fragmentierung führen.
„Wir befinden uns heute in einer anderen Ära. Es geht nicht mehr um Märkte und Preise, sondern um Sicherheit und den strategischen Wettbewerb zwischen den USA und China. Und das wird die Entkopplung der Welt viel schneller vorantreiben, als wir denken.“
[Bearbeitet von Anna Brunetti/Rajnish Singh]