Zentralasien: Paris prescht vor

In Zentralasien tobt der internationale Machtkampf um den Rohstoffreichtum. Russland, die USA, China und Indien konkurrieren um gute Plätze. Die EU ist mit ihrer Zentralasienstrategie noch zögerlich. Frankreich prescht vor und sichert sich milliardenschwere Aufträge.

EU-weit die engste strategische Partnerschaft: Nicolas Sarkozy (li.) und Nursultan Nasarbajew (Foto: dpa)
EU-weit die engste strategische Partnerschaft: Nicolas Sarkozy (li.) und Nursultan Nasarbajew (Foto: dpa)

In Zentralasien tobt der internationale Machtkampf um den Rohstoffreichtum. Russland, die USA, China und Indien konkurrieren um gute Plätze. Die EU ist mit ihrer Zentralasienstrategie noch zögerlich. Frankreich prescht vor und sichert sich milliardenschwere Aufträge.

Ein Fünftel aller Öl- und Gasvorkommen weltweit lagert im Kaspischen Raum. Vor allem Kasachstan gilt als heimlicher Rohstoffriese und verfügt über die vom Westen und von China benötigten Rohstoffe. Öl und Erdgas machen bis zu 70 Prozent der kasachischen Exporte aus.

Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy forciert mit Nachdruck die Interessen der französischen Industrie und leitete milliardenschwere Abkommen für sein Land ein. Kasachstans Staatschef Nursultan Nasarbajew sprach von einem einmaligen Durchbruch, als die beiden Länder Verträge im Volumen von sechs Milliarden US-Dollar abschlossen.

Die beiden Präsidenten bildeten eine Nasarbajew-Sarkozy-Kommission, die die Umsetzung der jüngst abgeschlossenen 24 bilateralen Wirtschaftsabkommen kontrollieren soll.

Ehrgeiz im Weltraum

Eines der wichtigsten Abkommen betrifft die gemeinsame Weltraumforschung. Beide Staaten planen die Errichtung einer Erdsonde und eines Bau- und Versuchswerks für Raumschiffe. Kasachstan – in Baikaonur wurde 1957 von der UdSSR der erste Satellit Sputnik gestartet – verfügt noch aus sowjetischer Zeit über eine besondere Raumfahrttradition und entwickelt heute einen neuen raumfahrerischen Ehrgeiz, was sich die Franzosen nun voll zunutze machen.

Die EADS-Tochter Astrium vereinbarte die Lieferung von zwei Erdbeobachtungssatelliten. EADS, einer der global führenden Anbieter in der Luft- und Raumfahrt sowie im Verteidigungsgeschäft, beschäftigt mehr 118.000 Mitarbeiter (Umsatz 2008: 43,3 Milliarden Euro). Astrium ist eine hundertprozentige Tochtergesellschaft der EADS, spezialisiert auf zivile und militärische Raumfahrtsysteme. Umsatz 2008: 4,3 Milliarden Euro. Astrium beschäftigt 15.000 Mitarbeiter in Frankreich, Deutschland, Großbritannien, Spanien und den Niederlanden.

Astrium und das mit der Entwicklung des kasachischen Weltraumprogramms betraute Staatsunternehmen JSC NC Kasachstan Gharysh Sapary (KGS) haben in ihrer Partnerschaft einen Auftrag für die Lieferung von zwei Erdbeobachtungssatelliten sowie die Vermarktung deren Bilder vereinbart.

Außerdem unterzeichneten sie vor kurzem die Gründungsurkunden für ein neues Joint Venture zum Bau eines Standortes für Montage-, Integrations- und Testaufgaben (Anlage für AIT-Aufgaben – Assembly, Integration, Testing) in der kasachischen Hauptstadt Astana.

Frankreich als strategischer Partner

Frankreich und Astrium sind somit Kasachstans ausgewählte strategische Partner für die Entwicklung aller künftigen Raumfahrtaktivitäten des zentralasiatischen Landes.

Francois Auque, CEO von Astrium, erklärte nach Abschluss der Verträge: „2009 ist für die Partnerschaft zwischen KGS und Astrium ein großartiges Jahr. Das neue Weltraumsystem wird der Republik Kasachstan den Zugang zu einem breiten Spektrum ziviler Anwendungen z. B. zur Überwachung von Naturschätzen und Landwirtschaft eröffnen sowie im Katastrophenfall Kartendaten bereitstellen und die Rettungskräfte unterstützen. Ebenso erhält die Republik Kasachstan damit Zugriff auf die modernste Weltraumtechnik und kann an seine Raumfahrttradition anknüpfen, vor allem an die Aktivitäten am berühmten Weltraumbahnhof in Baikonur. Den weltweiten Vertrieb des Bildmaterials dieser Erdbeobachtungssatelliten übernimmt die Astrium-Tochtergesellschaft Spot Image.”

Satellit mit Bodenauflösung von 1 Meter

Die beiden Erdbeobachtungssatelliten, die Astrium liefern wird, sind eine hochauflösender Satelliten mit einer Bodenauflösung von einem Meter und ein Satellit mittlerer Auflösungsleistung mit einer Bodenauflösung von sieben Metern mit breitem Abdeckungsstreifen.

Produktion von Kernbrennstäben

Zusätzlich zum Weltraumgeschäft wird ein Joint Venture für Uranförderung und Produktion von Kernbrennstäben in Kasachstan gegründet. An dem Gemeinschaftsunternehmen werden sich der kasachische Kernbrennstoff-Produzent Kazatomprom und der französische Nuklear-Konzern Areva/Cogema beteiligen. Das französisch-kasachische Gemeinschaftsunternehmen Ifastar mit Sitz in Paris soll den Bau eines Werks für Kernbrennstoffe in Kasachstan vorbereiten. Kasachstan soll das Uran liefern, Areva die Technik beisteuern.

Ein Konsortium französischer Unternehmen soll die Pipeline legen, mit der das Öl aus dem kasachischen Riesenölfeld Kaschagan in die aserbaidschanische Hauptstadt Baku gelangen soll. Von Baku aus soll das Öl unter Umgehung Russlands nach Europa kommen.

Ferner sicherten sich die Energiekonzerne Total und GDF Suez mit Unterstützung Sarkozys einen 25-Prozent-Anteil an einem russisch-kasachischen Gasfeld im Kaspischen Meer.

Nicht zuletzt gestattet Kasachstan den Franzosen den Transit von Militärgütern und Personal über sein Territorium für die französische Beteiligung am Truppenkontingent in Afghanist

Kritische Fragen nach Menschenrechten

Auf kritische Fragen, warum sich Frankreich in Kasachstan auf Geschäfte mit einem Diktator einlasse, der Demokratie und Menschenrechte missachte, antwortete Sarkozy vor einigen Wochen in einer Pressekonferenz in Astana: "Ich glaube, wenn man in ein Land oder eine Weltregion kommt, dann soll man nicht seine Vorurteile mitbringen. Man sollte eher versuchen zu verstehen, was vorgefallen ist. Es gibt hier Probleme, doch es ist besser, nicht als Lehrmeister zu kommen, sondern als Freund, der hilft, die Probleme zu lösen. Ich habe mehrmals mit Präsident Nasarbajew im Beisein von Zeugen über Demokratie und Menschenrechte gesprochen. Dass Frankreich Kasachstan diplomatisch unterstützt, heißt, dass wir auf den Frieden setzen. Ich weiß, dass Sie unsere Haltung gegenüber Syrien auch nicht verstanden haben, dabei wird sie einstimmig in aller Welt befürwortet, weil sie auf den Frieden abzielt."

ekö