Zehn Höfe pro Tag: Deutschlands landwirtschaftliche Pleite

Im letzten Jahrzehnt wurden in Deutschland im Schnitt zehn landwirtschaftliche Betriebe pro Tag aufgegeben, wie aus dem Agrarpolitischen Bericht der Bundesregierung hervorgeht. Opposition und Verbände sehen den Minister in der Pflicht.

Euractiv.de
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Zwischen 2010 und 2020 schlossen laut dem Bericht, den die Bundesregierung alle vier Jahre dem Bundestag vorlegen muss, insgesamt rund 36.000 Betriebe - ein Rückgang von etwa zwölf Prozent, der zudem einem Verlust von zirka jedem siebten Arbeitsplatz entspricht. [SHUTTERSTOCK/BartTA]

Im letzten Jahrzehnt wurden in Deutschland im Schnitt zehn landwirtschaftliche Betriebe pro Tag aufgegeben, wie aus dem Agrarpolitischen Bericht der Bundesregierung hervorgeht. Opposition und Verbände sehen den Minister in der Pflicht.

Zwischen 2010 und 2020 schlossen laut dem Bericht, den die Bundesregierung alle vier Jahre dem Bundestag vorlegen muss, insgesamt rund 36.000 Betriebe. Das entspricht einem Rückgang von etwa zwölf Prozent, der zudem einem Verlust von zirka jedem siebten Arbeitsplatz entspricht.

Für Bundesagrarminister Cem Özdemir ist die jahrzehntelange Politik des “Wachse oder Weiche” ein Hauptgrund für den starken Strukturwandel.

Um kleinere Höfe zu unterstützen, nutzt Deutschland in der aktuellen Förderperiode der Gemeinsamen EU-Agrarpolitik (GAP) den von der EU eingeräumten Spielraum für die Umverteilung der Subventionen von großen hin zu kleinen und mittleren Betrieben voll aus.

“Unsere Landwirtinnen und Landwirte sind zu Veränderungen bereit, brauchen aber Planungssicherheit”, erklärte Özdemir in einer Mitteilung. Letztere habe es aber in den letzten Jahren häufig nicht gegeben, heißt es dort weiter.

Vor allem starke Schwankungen beim Einkommen hätten die Planung erschwert und viele Betriebe unter Druck gesetzt. Auch der Agrarbericht spricht von “erheblichen jährlichen Einkommensschwankungen in der Landwirtschaft”, vor allem durch Witterungseinflüsse und Schwankungen der Erzeuger- und Betriebsmittelpreise.

“Aufgabe der Politik ist es, die Rahmenbedingungen möglichst krisenfest zu gestalten, damit die Betriebe erfolgreich und nachhaltig wirtschaften können”, so die Mitteilung des Ministeriums.

„Fehlende Verlässlichkeit“

Auch der Deutsche Bauernverband (DBV) betonte die Bedeutung langfristiger Planungssicherheit und sieht die Politik in der Pflicht.

“Der Strukturwandel in der Landwirtschaft wird durch zwei Faktoren maßgeblich angetrieben: fehlende wirtschaftliche Perspektiven und fehlende politische Verlässlichkeit für Zukunftsinvestitionen”, so DBV-Generalsekretär Bernhard Krüsken gegenüber Euractiv.

Dazu komme “überbordende Bürokratie“, die dazu führe, dass beim Generationenwechsel häufig die Entscheidung falle, “einen anderen Weg zu gehen als in die Landwirtschaft.”

“Die Politik ist gefordert, verlässliche Rahmenbedingungen zu setzen und nicht alle paar Jahre die gesetzlichen Vorgaben zu ändern”, betonte Krüsken.

Den Landwirt*innen fehle es an “Planbarkeit und Verlässlichkeit”, sagte auch der agrarpolitische Sprecher der Unionsfraktionen, Albert Stegemann, in einem Statement.

Er warf dem grünen Agrarminister vor, sich zu stark auf ökologische Belange und zu wenig auf “Innovationen, Investitionen” und die Stärkung der “heimischen Agrarwirtschaft” zu konzentrieren.

Viele Vorhaben noch offen

Für die Umweltorganisation WWF sind die Daten des Agrarberichts dagegen Ausdruck eines “Reformstaus.”

Trotz des Wandels in der Landwirtschaft herrsche aufseiten der Politik überwiegend Stillstand, vor allem wegen mangelnden Rückenwinds für Özdemir und seine Vorhaben, erklärte Johann Rathke, WWF-Koordinator für Agrarpolitik.

“Ob die Bio-Strategie 2030, Anpassungen bei der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP), ein zukunftsweisendes Düngerecht mit transparenten Bilanzierungsvorschriften, zeitgemäße Regelungen für Pestizide oder eine verlässliche Finanzierung zum Umbau der Tierhaltung – die Liste der offenen Vorhaben ist lang”, betonte er.

Gleichzeitig steckt hinter den drastischen Zahlen zum Höfesterben vor allem ein bestimmter Sektor.

Mit 28.000 handelte es sich bei einem Großteil der aufgegebenen Höfe um schweinehaltende Betriebe, deren Zahl sich damit fast halbiert hat.

Verschiedene Faktoren haben in den letzten Jahren die Schweinehaltung immer stärker unter Druck gesetzt. Dazu gehören Ausbrüche der Afrikanische Schweinepest (ASP) sowie die Corona-Pandemie, die sich stark auf Exporte auswirkten, sowie niedrige Erzeugerpreise bei gestiegenen Kosten, beispielsweise für Tierschutzmaßnahmen.

Gleichzeitig konsumierten die Deutschen über die letzten Jahrzehnte hinweg immer weniger Schweinefleisch. Zwischen 1999 und 2021 sank der jährliche Pro-Kopf-Verbrauch demnach von 55 auf 43 Kilogramm.

[Bearbeitet von Kjeld Neubert]