Witz als Waffe und Ventil

Nicht alle finden das lustig, was ich am Telefon diktiere. Kurz vor dem Abflug am Flughafen Leipzig übermittle ich – neun Wochen vor dem Mauerfall - an die Wiener Redaktion einen Artikel über die Ventilfunktion von Satire, Witz und Spott. Ein Text voller Pointen - doch beim Diktieren ist mir alles andere als zum Lachen zumute.

Der Drehorgel-Rolf in Leipzig, 1989: Mit seinem Leierkasten stets auf Gratwanderung zwischen Spaß und Stasi – nicht nur mit seinen Texten, sondern sogar mit der Kopfbedeckung: Seinen Hut zierten die Wörter „Morgen“ (hinten) und „Freiheit“ (vorne), ausgesc
Der Drehorgel-Rolf in Leipzig, 1989: Mit seinem Leierkasten stets auf Gratwanderung zwischen Spaß und Stasi - nicht nur mit seinen Texten, sondern sogar mit der Kopfbedeckung: Seinen Hut zierten die Wörter "Morgen" (hinten) und "Freiheit" (vorne), ausgesc

Nicht alle finden das lustig, was ich am Telefon diktiere. Kurz vor dem Abflug am Flughafen Leipzig übermittle ich – neun Wochen vor dem Mauerfall – an die Wiener Redaktion einen Artikel über die Ventilfunktion von Satire, Witz und Spott. Ein Text voller Pointen – doch beim Diktieren ist mir alles andere als zum Lachen zumute.

"So schöne Mädchen haben wir hier", schwärmte der Leierkastenmann auf dem Leipziger Marktplatz und deutete in seine große Zuhörermenge. "So schöne Mädchen! Bloß schade, dass die meisten für den Export bestimmt sind!" Befreiendes Gelächter.

Druck im DDR-Kessel

Lachen war wohl das Wichtigste, das den unerträglichen Druck im DDR-Kessel ein bisschen rausließ. Die anderen Ventile waren Ausreiseanträge und Fluchtversuche, Friedensgebete und Demonstrationen, gravierender Alkoholismus sowieso.

Das wichtigste Ventil und die wichtigste Selbstverteidigungswaffe waren politischer Spott und Satire. Der Werkelmann auf der Straße, die Kabarettisten im "Academixer"-Keller neben der Karl-Marx-Universität, Kellner und Taxifahrer gegenüber ihren Gästen sowie satirische Magazine wie der "Eulenspiegel" – manche artikulierten sich mitunter erstaunlich scharf.

Erstaunlich war auch die Wirkung meines Textes am öffentlichen Telefonapparat in der Flughafenhalle. Das Telefon befand sich nicht in einer abschirmenden Zelle, sondern frei im Raum, genauso minimalistisch, wie die Deutsche Telekom heute ihre öffentlichen Fernsprecher betreibt. Bloß das Design war anders.

Die Halle des Flughafens war während der Leipziger Messe von Stasi-Leuten durchsetzt. Die Verbindung nach Wien war aber so miserabel, dass ich die Zeilen langsam und laut vorlesen und die Pointen deutlich wiederholen musste, damit sie die in Wien aufnehmende Sekretärin im Kopfhörer versteht.

Die Unschuld vom Land

Ich schilderte für die Leser, wie die Kabarettgruppe "Academixer" so ziemlich alles aufspießte, was in der DDR nicht funktionierte. Und das war abendfüllend. Karten für die Abende gab es nur auf Vorbestellung oder über Beziehungen.

"Die Unschuld vom Land" hieß die aktuelle Vorstellung während der Messezeit. Einen Abend lang wurde der Schuldige für die Zustände in der DDR gesucht. Das Urteil am Schluss: Freispruch für alle aus Mangel an Beweisen – oder lebenslänglich für alle auf Bewährung.

Während des Telefondiktats merkte ich, wie sich aus verschiedenen Richtungen ein paar Männer mit verdutztem Gesicht näherten. Unauffällig langsam und hochkonzentriert. Als könnten sie nicht fassen, was sie da hören. Vielleicht hat sie obendrein der österreichische Akzent verunsichert und etwas zögern lassen.

"War ich schon drinnen?"

Ich deutete der Sekretärin an, dass ich vielleicht gleich unterbrochen werde, setzte aber den Artikel mit ein paar knappen Witzen über die Versorgungslage fort, die sich in den letzten Jahren der DDR verschlechtert hatte. Etwa: Wieso ist die Zitrone so sauer? Weil sie die einzige Südfrucht ist, die in die DDR muss.

Oder: Was denkt eine DDR-Hausfrau, wenn sie mit leerem Einkaufsnetz vor der Kaufhalle steht? – "Jetzt weiß ich nicht: War ich schon drinnen oder noch nicht?"

Oder, die erbärmliche Obstversorgung kritisierend: Wussten Sie schon, dass die Obstfliege in der DDR unter Naturschutz steht?

Umweltauto Trabi

Zur katastrophalen Versorgung mit Ersatzteilen für den Trabi, der ja das stinkendste und umweltschädlichste Auto der Welt war: Die Ersatzteillieferung sorgte dafür, dass der Trabant eigentlich das umweltfreundlichste Fahrzeug war. "Denn wenn er steht, ist er umweltfreundlich, und wegen des Ersatzteilmangels steht er sehr oft."

Die Witze aus dem Kabarett waren natürlich rasch Allgemeingut. Zum Beispiel der vom Treffen Erich Honeckers mit Michail Gorbatschow. "Ich habe 100 Arbeitszimmer, und in einem wird gesoffen. Ich kriege nicht heraus, in welchem", klagt der sowjetische Staats- und Parteichef. Darauf der SED-Generalsekretär: "Ich habe 100 Kombinate, wo gesoffen wird, und in einem wird gearbeitet. Ich finde auch nicht heraus, in welchem."

Um mich herum wurde der Kreis in der Flughafenhalle immer kleiner. So etwas hatten die Männer sicher noch nie erlebt. Darauf waren sie nicht geschult, dass da jemand in aller Öffentlichkeit langsam, laut und deutlich Witze über die DDR-Führung diktiert. Ich sprach jedenfalls immer schneller.

Grenzen getestet

Mitunter gingen die Kabarettisten unerwartet weit, als wollten sie die Grenzen austesten. Im letzten Moment wurde die scharfe Kritik noch relativiert, und dann sagte der Schauspieler: "So, jetzt sind wir wieder fein heraus."

Dabei hatten die Academixer volles Verständnis für die Situation der Regierung. "Vierzig Jahre lang waren alle gleich, nun ist alles allen gleich. Kein Wunder, wenn die Regierung die Schnauze voll hat und nicht mehr regieren will."

Sie wussten auch, warum der einzelne Bürger jeden Abend so müde war: "Weil es mit der DDR schon vierzig Jahre bergauf geht."

Trottelei in der Führung

Einmal war sogar von Trottelei in der Führung die Rede. Da zuckte einer auf der Bühne zusammen, blickte ängstlich um sich und sagte: "Das kann man doch nicht so im Raum stehen lassen." Stille. Zum Publikum gewandt, fragte er: "Will denn niemand was sagen?" Stille. Er resignierte: "Dann müssen wir es doch so im Raum stehen lassen."

An dieser Stelle hörte ich in der Reihe vor mir das Getuschel zweier Ehepaare, die miteinander ernsthaft überlegten, ob sie darüber jetzt „eine Meldung machen“ sollten oder nicht.

Leipziger Pflastersteine

Das Kopfsteinpflaster der Straßen Leipzigs wurde, säuberlich gewaschen, an die BRD verkauft. Dort landete es in den Fußgängerzonen zwischen Deichmann, Schlecker und McDonald’s. So besorgte sich etwa die Stadt Aachen viele Tonnen dieser Steine für die eigene Stadtgestaltung und übernahm auch gleich die Kosten für die Modernisierung der aufgerissenen Fahrbahnen in Leipzig. Dies muss man wissen, um den Spruch zu verstehen: "Ich wollt‘, ich wär ein Pflasterstein, ich könnte schon im Westen sein!"

Höhere Weihen durch die Prawda

Nicht Dissident, sondern Ventil für die Leute auf der Straße wollte der "Drehorgel-Rolf" sein. Rolf Becker aus Halle, damals 42 Jahre alt und eigentlich Ingenieur für Verkehrswesen, war für seine politischen Sticheleien schon achtmal die Lizenz entzogen worden. Aber dann hatte er seine Ruhe: Erstens weil er im Februar in einer Leipzig-Reportage der sowjetischen "Prawda" positiv weggekommen war, zweitens weil er als Weltrekordhalter im Dauerorgeln eine gewisse Berühmtheit erlangt hatte, und drittens, weil die DDR-Behörden offenbar akzeptierten, dass er kein Agitator sein wollte.

So konnte er ungestraft seine Bemerkungen zur Massenflucht machen wie jene vom Mädchenexport oder diese: "DDR-Schrittmacher sind die besten der Welt." Oder über den Trabi. Der habe beim Windkanaltest den zweiten Platz belegt. Der erste Platz sei an eine Schrankwand gegangen.

Bloß das österreichische Tischfähnchen, das seine Drehorgel noch einen Tag vor dem Beginn der Leipziger Messe geziert hatte – er durfte einmal beim österreichischen Handelstag auftreten und die Fahne behalten -, die musste er entfernen. Man hatte ihm nahegelegt, "nicht die Messegäste zu verwirren".

Honeckers Hass auf Blumen

Ich war beim letzten Absatz des Diktats angelangt und versuchte, zugleich laut und leise zu sprechen. Deutlich wegen der schlechten Verbindung, gedämpft wegen dieser Aufpasser.

Der Ober im Weinkeller eines traditionsreichen Lokals erzählte den Gästen seinen neuesten Witz, der sich auf Honeckers Erkrankung und das Zentrale Aufnahmelager für DDR-Übersiedler in Hessen bezog. Honecker verbat sich im Krankenhaus Blumen. "Denn Blumen muss man gießen. Und Gießen kann der Staatsratsvorsitzende nicht mehr hören."

Es war verdammt knapp. Ich hängte den Hörer ein, hechtete in Richtung Bordkartenkontrolle und war froh, kurz darauf in der Maschine zu sitzen.

Was die Männer nach meinem Wien-Telefonat besprochen und ob sie eine Meldung gemacht haben, ich will es nicht wissen.

Der Drehorgel-Rolf hat sich inzwischen auf die Globalisierung eingestellt, nennt sich jetzt D-Rolf (www.d-rolf.com) und ist als sächsisches Original mit seinem Trabi (26 PS) weltweit unterwegs. Auch die Academixer (www.academixer.com) spielen in Leipzig immer noch. Der Stoff scheint ihnen auch zwanzig Jahre nach der Wende nicht ausgegangen zu sein. Nur die „Mädchenexporte“, die sind unwiderruflich im Westen geblieben. Die fehlen in Sachsen bis heute.

Ewald König, Chefredakteur von EURACTIV.de, war zu Zeiten der Wende Deutschland-Korrespondent der österreichischen Zeitung DIE PRESSE. Für die Leser von EURACTIV schildert er in einer Serie, was er vor zwanzig Jahren erlebt hat.

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