Wirtschaftskrise und Handelskonflikte bedrohen Europas Autobranche
Volkswagens Entscheidung, Werke in Deutschland zu schließen, spiegelt die tiefe Krise der europäischen Wirtschaft wider. Analysten warnen, dass eine Wiederwahl Trumps oder chinesische Vergeltungszölle die Lage weiter verschärfen könnten.
Volkswagens Pläne, Werke in Deutschland zu schließen, spiegelt die tiefe Krise der europäischen Wirtschaft wider. Analysten warnen, dass eine Wiederwahl Trumps oder chinesische Vergeltungszölle die Lage weiter verschärfen könnten.
Die Ankündigung des VW-Betriebsrates am Montag (28. Oktober), dass die Konzernleitung in Wolfsburg überlegt, erstmals seit der Gründung 1937 Werke im Heimatland zu schließen, treffen zeitgleich auf hohe Energiepreise, eine schwache Nachfrage und starke chinesische Konkurrenz, die Deutschland zur am schlechtesten abschneidenden Industrienation der Welt gemacht haben.
Zudem steigen die globalen Handelskonflikte: Trump hat im Falle einer Wiederwahl am 5. November hohe Zölle auf alle US-Importe angekündigt, während China mit Zöllen auf europäische Verbrenner droht – beides könnte die Exportindustrie Deutschlands schwer treffen.
„Ich glaube, dass es nicht bei Volkswagen aufhören wird, [und] es wird auch nicht bei Deutschland aufhören“, sagte Carsten Brzeski, Leiter der Makroökonomie bei ING Research, am Dienstag (29. Oktober), gegenüber Euractiv.
Audi, ein weiterer Autoriese und Teil der Volkswagen-Gruppe, kündigte ebenfalls am Dienstag an, sein Werk in Brüssel im Februar nächsten Jahres zu schließen, was den Abbau von 3.000 Arbeitsplätzen zur Folge hat.
Am Mittwoch (30. Oktober) erklärte Volkswagen, dass der Absatzrückgang in China zu einem Rückgang des Quartalsnettogewinns um 64 Prozent beigetragen habe.
Diese Zahlen stehen im scharfen Gegensatz zu den positiven Finanzberichten des chinesischen Autobauers BYD, der am selben Tag einen Anstieg des Nettogewinns im dritten Quartal um 11,5 Prozent und eine Umsatzsteigerung um 24 Prozent im Vergleich zum Vorjahr bekanntgab – und damit erstmals Tesla beim Umsatz übertraf.
Brzeski sagte, dass der derzeitige Einbruch „nicht das Ende der deutschen Automobilindustrie sein wird, […] aber das Ende der deutschen Automobilindustrie, wie wir sie kannten – als Quelle großer technologischer Innovationen und als wirklich starke wirtschaftliche Stütze in Deutschland“.
Am Dienstag erklärte die EU-Kommission gegenüber Reportern, ihre Entscheidung, endgültige Zölle auf in China gefertigte Elektrofahrzeuge zu bestätigen, ziele darauf ab, „die europäische Autoindustrie zu retten“ angesichts der „Entwicklung chinesischer Importe in der jüngsten Zeit“.
Brzeski meinte, dass es „außer Zöllen nur wenig gibt, was Europa tun kann, um sich vor der neuen Konkurrenz aus China zu schützen“, nachdem die Autohersteller selbst die Umstellung auf Elektromobilität unterschätzt und so versäumt hätten, sich auf die Innovation ihres eigenen Angebots zu konzentrieren.
„Ich denke, das ist das beste Beispiel dafür, was passiert, wenn ein Land oder ein Kontinent, der zu abhängig von einem bestimmten Sektor ist, es versäumt, in Innovation zu investieren“, sagte er.
„Eine harte Zeit“
Volkswagens Probleme kommen, während sich die Beziehungen Europas zu seinen beiden größten Handelspartnern, China und den USA, diese Woche weiter verschlechterten.
Am Mittwoch erklärte das chinesische Handelsministerium, es habe beim Handelsgericht der Welthandelsorganisation (WTO) offiziell Beschwerde über die endgültigen EU-Zölle eingelegt und werde „alle notwendigen Maßnahmen ergreifen, um die legitimen Rechte und Interessen chinesischer Unternehmen fest zu schützen“.
Unterdessen erklärte Trump am Dienstag in einer Rede, Europa werde einen „hohen Preis“ für sein Versäumnis zahlen, genügend US-Produkte zu kaufen, während es „Millionen und Abermillionen von Autos“ in die USA verkaufe.
Analysten warnten am Dienstag, dass Trumps Wiederwahl Maßnahmen einleiten könnte, die Deutschlands wirtschaftliche Schwierigkeiten verschärfen würden.
„Es besteht kein Zweifel, dass Trump etwas gegen Deutschland unternehmen wird, da er sehr deutlich gemacht hat, dass er den deutschen Handelsüberschuss ins Visier nimmt. Das wird definitiv eine harte Zeit“, sagte Sander Tordoir, Chefökonom des Centre for European Reform (CER), gegenüber Euractiv.
Tordoir merkte jedoch an, dass Trumps Wiederwahl auch Beijing dazu bewegen könnte, nach engeren Beziehungen mit Brüssel zu suchen.
„Ich könnte mir vorstellen, dass die [Chinesen] sagen: ‚Hören Sie, wir werden keine [Vergeltungs-]Zölle auf Europa erheben‘“, sagte er. „Es wäre ein Zeichen des politischen Wohlwollens, um zu sehen, ob sie die Europäer ein wenig von den USA lösen können, was ein strategisches Spiel von ihnen wäre.“
Brzeski betonte, dass US-Zölle auf EU-Exporte ein großes Problem für Deutschland darstellen würden, da zehn Prozent der deutschen Exporte in die USA gehen – vier Prozentpunkte mehr als nach China.
„Wenn neue Zölle kämen, kann man sich leicht vorstellen, dass diese auch für Autos gelten würden. Und das wäre ein harter Schlag, nicht nur für die europäische, sondern besonders für die deutsche Wirtschaft“, sagte er.
Branchenverbände teilen Befürchtungen
Europäische Branchenverbände warnen ebenfalls vor den möglichen Auswirkungen zukünftiger US- oder chinesischer Zölle auf die EU-Wirtschaft.
Der deutsche Automobilverband VDA hob die Bedeutung starker EU-USA-Wirtschaftsbeziehungen hervor und verwies darauf, dass im vergangenen Jahr mehr Autos von deutschen Herstellern lokal in den USA produziert wurden als aus Deutschland in die USA exportiert.
Unterdessen warnte die einflussreiche Lobbygruppe BusinessEurope, dass „zusätzliche Zölle auf EU-Exporte in die USA absolut schädlich“ für beide Seiten wären.
„Eine solche einseitige Maßnahme wäre eine Lose-Lose-Situation und könnte möglicherweise zu weiteren globalen Marktverzerrungen und einem Anstieg der Handelskonflikte führen“, sagte ein Sprecher gegenüber Euractiv.
[Edited by Anna Brunetti/Owen Morgan/Kjeld Neubert]