"Wir machen uns große Sorgen um Italien"

In der EU wächst die Sorge vor einem Übergreifen der Schuldenkrise auf Italien. EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy hat Agenturberichten zufolge nun ein Krisentreffen einberufen. Die Regierung in Rom bemüht sich unterdessen um demonstrative Einigkeit.

EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy soll wegen der Verschuldung Italiens ein kurzfristiges Krisentreffen einberufen haben. Foto: EC
EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy soll wegen der Verschuldung Italiens ein kurzfristiges Krisentreffen einberufen haben. Foto: EC

In der EU wächst die Sorge vor einem Übergreifen der Schuldenkrise auf Italien. EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy hat Agenturberichten zufolge nun ein Krisentreffen einberufen. Die Regierung in Rom bemüht sich unterdessen um demonstrative Einigkeit.

An der Sondersitzung am Montagmorgen nehmen EZB-Präsident Jean-Claude Trichet, Euro-Gruppen-Chef Jean-Claude Juncker, EU-Währungskommissar Olli Rehn sowie EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso teil. Dies erfuhr die Nachrichtenagentur Reuters am Sonntag von drei mit der Angelegenheit vertrauten Personen.

Auf der Tagesordnung stehe auch ein zweites Rettungspaket für Griechenland, hieß es weiter. Ein Sprecher von Ratspräsident Herman Van Rompuy erkärte, es handele sich nicht um ein Krisentreffen. Vielmehr ginge es um Koordinierungsfragen. Italien stehe nicht auf der Agenda.

Das Treffen sei organisiert worden, nachdem der Druck der Finanzmärkte auf Italien am Freitag deutlich zugenommen hatte, hieß es in den Kreisen. Anleger wollten italienische Staatsanleihen nur noch kaufen, wenn sie dafür die höchste Gefahrenzulage seit Schaffung des Euro kassieren konnten. Die Zinsen auf den Schuldenpapieren näherten sich dabei einem Niveau an, dass einige Volkswirte für eine kritische Schwelle halten. Die Aktien von Italiens größter Bank Unicredit fielen gleichzeitig um fast acht Prozent.

"Anstrengungen der Spekulanten blockieren"

"Ab Morgen besteht unsere Aufgabe darin zu zeigen, dass wir geschlossen stehen und die Anstrengungen der Spekulanten blockieren", sagte am Sonntag der Staatssekretär und Berater von Ministerpräsident Silvio Berlusconi, Paolo Bonaiuti. "In den kommenden Monaten haben wir Anleihen-Ausgaben von 120 bis 130 Milliarden Euro zu bewältigen", ergänzte er. Benötigt werde Zusammenhalt und ein geeinter Wille. Man werde sich anstrengen müssen, um zu zeigen "dass die Märkte übertreiben".

"Wir können uns nicht mehr viele Tage wie Freitag erlauben", sagte ein ranghoher Mitarbeiter der Europäischen Zentralbank (EZB) und fügte hinzu: "Wir machen uns große Sorgen um Italien." Italien ist die drittgrößte Volkswirtschaft der Euro-Zone. Kein anderes Land mit der Gemeinschaftswährung außer Griechenland schiebt relativ zu seiner Wirtschaftsleistung einen so großen Schuldenberg vor sich her.

Die Finanzmärkte sorgen sich jedoch nicht nur über die hohen Schulden des Landes, sondern auch um die kriselnde Wirtschaft und lähmende politische Streitereien. Viele Anleger fürchten etwa, dass Ministerpräsident Berlusconi seinen Finanzminister Giulio Tremonti loswerden will, der das Haushaltsdefizit mit scharfen Einsparungen in den Griff bekommen will.

Kein Warten bis August oder September

Am Montag kommen – wie bereits schon länger geplant – auch die Finanzminister der Euro-Zone zusammen, um eine Beteiligung des privaten Sektors an neuen Hilfen für Griechenland zu diskutieren. Zudem werden sie bei ihrem Treffen die Ergebnisse des Stresstests begutachten, bei dem 91 europäische Banken auf ihre Krisenfestigkeit geprüft wurden.

In der EU wächst die Sorge, dass die Gespräche über ein zweites Rettungspaket für Griechenland nicht schnell genug vorankommen. "Wir müssen uns hier in den kommenden zwei Wochen bewegen. Wir können nicht bis Ende August oder Anfang September warten, wie Deutschland sagt. Das ist zu spät und die Märkte werden dafür einen Preis verlangen", sagte ein ranghoher EU-Beamter der Nachrichtenagentur Reuters. Die Verhandlungen über das zweite Paket stecken derzeit fest. Knackpunkt ist dabei die von Deutschland und anderen Ländern geforderte Beteiligung privater Gläubiger.

EURACTIV/rtr/dto

Einen englischsprachigen Artikel zu diesem Thema finden Sie auf EURACTIV.com.

Einen französischsprachigen Artikel zu diesem Thema finden Sie hier.

Links

Mehr zum Thema auf EURACTIV.de

Griechenlandkrise: Merkel will Rating-Agentur ignorieren (6. Juni 2011)

Showdown in Karlsruhe: Gauweiler vs. Schäuble (5. Juli 2011)

"Souveränität der Griechen wird massiv eingeschränkt" (4. Juli 2011)

Berlusconi-Regierung verabschiedet Milliarden-Sparpaket (1. Juli 2011)

Griechenland: Ein Jahr schwerste Krise und Klischees (1. Juli 2011)

Griechenland: Milliardenhilfe für ein zweites "Ja" (30. Juni 2011)

Proteste in Griechenland – Parlament für Sparpläne (29. Juni 2011)

Rehn: "Es gibt keinen Plan B" (28. Juni 2011)

Frankreichs Banken beteiligen sich an Griechenland-Hilfe (27. Juni 2011)

Familienunternehmen zur Euro-Krise: Bundestag muss handeln (27. Juni 2011)

Griechenlands Oppositionsführer bleibt hart (24. Juni 2011)

Grüne zur Krise: "Keine Lebendversuche an Volkswirtschaften"! (24. Juni 2011)

Wirtschaftsregierung: Rehn lockt EU-Parlament mit Eurobonds (23. Juni 2011)

EU-Gipfel berät über Griechenland (23. Juni 2011)

EZB-Stark: "Schuldenerlass wäre Fehler" (23. Juni 2011)

Wirtschaftsweise: Harte Umschuldung unvermeidlich (23. Juni 2011)

Papandreou übersteht Vertrauensabstimmung (22. Juni 2011)

"Euro-Bonds ohne Transferunion" (22. Juni 2011)

Gegenvorschläge zur Rosskur in Griechenland (22. Juni 2011)

ESM-Vertrag: EU einig zum Euro-Rettungsfonds (20. Juni 2011)

Übersicht: Griechenland-Engagement der Banken (20. Juni 2011)

Eurogruppe vertagt Griechenland-Hilfe (20. Juni 2011)

Merkel und Sarkozy dringen auf schnelle Griechenland-Hilfe (17. Juni 2011)

Wie tief stecken die Finanzinstitute drin? (17. Juni 2011)

Griechenland-Hilfe: Juncker drängt Merkel zur Eile (17. Juni 2011)

Griechenland-Hilfe: Deutschland will Zeit gewinnen (16. Juni 2011)

Papandreou kündigt Regierungsumbildung an (16. Juni 2011)

Henkel: "Der Euro war ein Fehler" (15. Juni 2011)

Griechenland-Rettung wird vertagt (15. Juni 2011)

Spöri: Die Rebellion der Jugend in Europa ist berechtigt (14. Juni 2011)

Griechenland: "Wir werden diesen Krieg gewinnen" (14. Juni 2011)

S&P-Rating: Griechenland am Rande der Pleite (14. Juni 2011)

Griechenland: "Privatisierungen in Siegermacht-Manier" (10. Juni 2011)

Neue Griechenland-Hilfe: "Schäubles Trojanisches Pferd" (10. Juni 20119

Regierungsfraktionen stimmen für neue Griechenland-Hilfen (10. Juni 2011)

Jetzt erst recht: Die Vereinigten Staaten von Europa (10. Juni 2011)

Allianz-Chefvolkswirt: "Problem Griechenland ist lösbar" (9. Juni 2011)

Schäuble: Griechenland muss umschulden (8. Juni 2011)

Michelbach (CSU) drängt auf Privatisierungsagentur für Griechenland (6. Juni 2011)

Aufatmen in Athen: IWF zahlt weiter (3. Juni 2011)

EU-Finanzministerium? Berlin ist skeptisch (3. Juni 2011)

Allianz skizziert Rettungsplan für Griechenland (3. Juni 2011)

Eine Treuhand für Griechenland? (19. Mai 2011)

EURACTIV.de-Interviews zur europäischen Schuldenkrise

Fuest zu Europas Schuldenkrise: "Die Lage ist kritisch". Interview mit Clemens Fuest (Oxford) (4. Juni 2011)

Europas Schuldenkrise: "Banken nötigen die Politik" (13. Mai 2011)

Holznagel zur Eurokrise: "Merkel hat Weg zur Haftungsgemeinschaft geebnet" (20. April 2011)

Neumann: "Umschuldung Griechenlands unabdingbar". Interview mit Manfred Neumann (19. April 2011)

"Herr Katainen wird die Euro-Rettung nicht gefährden". Interview mit Risto Tähtinen (18. April 2011)

Europäische Schuldenkrise: "Der Kern des Problems liegt im Bankensektor". Interview mit Kai Konrad (7. April 2011)

"Irland-Hilfe nicht vertretbar".Interview mit Wolfgang Gerke (31. März 2011)

"Der ESM ist nicht alternativlos". Interview mit Andreas Haufler (23. März 2011)