WFC: AKW-Stresstests als Placebo?
Die ersten Befürworter der Atomenergie werden sich bald zurückmelden, prophezeien Experten des World Future Council (WFC) in einem Standpunkt auf EURACTIV.de. Die Politik müsse sich endlich mit der Vorstellung vertraut machen, dass eine Vollversorgung mit Erneuerbaren in den kommenden Jahrzehnten möglich ist.
Die ersten Befürworter der Atomenergie werden sich bald zurückmelden, prophezeien Experten des World Future Council (WFC) in einem Standpunkt auf EURACTIV.de. Die Politik müsse sich endlich mit der Vorstellung vertraut machen, dass eine Vollversorgung mit Erneuerbaren in den kommenden Jahrzehnten möglich ist.
Zu den Autoren:
Stefan Schurig (Director Climate Energy) und Anna Leidreiter (Junior Policy Officer) sind Energie- und Klimapolitikexperten des World Future Council (WFC) in Hamburg. Die gemeinnützige Stiftung engagiert sich für ein verantwortungsvolles, nachhaltiges Denken und Handeln im Sinne zukünftiger Generationen. Initiatior des WFC ist Jakob von Uexküll, der den Alternativen Nobelpreis ins Leben rief.
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Atomunfälle wie Tschernobyl 1986, Ölkatastrophen wie 2010 auf der Deepwater Horizon, Kriege, die um Öl und Ressourcen geführt werden – die Gefahren unserer konventionellen Energiequellen sind uns nicht erst durch die Katastrophe von Fukushima in Folge des Erdbebens vor Augen geführt worden. Und doch scheint es, als wäre der Mensch schlicht nicht imstande, aus den Fehlern zu lernen und alle notwendigen Schritte zu tun, diese unsicheren und zerstörerischen Energien hinter sich zu lassen. Wir werden die Uhr danach stellen können, bis die ersten Atomenergiebefürworter sich wieder lauthals zurückmelden und vor einem schnellen Ausstieg aus der Atomkraft warnen. Verständlich ist, dass die Bevölkerung vor allem dann für die Gefahren unserer derzeitigen Energieversorgung sensibilisiert ist, wenn die schrecklichen Bilder einer Katastrophe allgegenwärtig sind. Verantwortungslos allerdings sind Politiker, die sich immer nur in solchen Momenten für eine saubere Energieversorgung einsetzen, und ansonsten deren Einführung mit allen Mitteln blockieren.
In Deutschland, wo vor sechs Monaten noch eine vor allem den Energiekonzernen dienende Laufzeitverlängerung verabschiedet wurde, hat als Reaktion auf den Reaktorunfall in Japan und begleitet durch das hastig beschlossene Moratorium für die Laufzeitverlängerung die Debatte um Atomenergie wieder Fahrt aufgenommen. Allein am vergangenen Wochenende gingen in vier Städten zusammen über 200.000 Menschen auf die Straße und forderten einen schnellen Atomausstieg.
Die Regierung begründet das Moratorium damit, dass man erst einmal den gesellschaftlichen Konsens suchen müsse. Dies allerdings verwundert: Der von der rot-grünen Regierung beschlossene Atomausstieg stützte sich bereits auf die große Mehrheit in der Gesellschaft, die vor einigen Monaten beschlossene Laufzeitverlängerung dagegen nicht. Das Moratorium ist damit im Grunde das Eingeständnis der deutschen Regierung, die Laufzeitverlängerung nicht im Sinne der Versorgungssicherheit der Bevölkerung, sondern in erster Linie im Interesse der Energiekonzerne verabschiedet zu haben.
Noch beim EU-Energiegipfel im Februar betonten europäische Energieminister die große Bedeutung der Nuklearenergie für das Erreichen der EU-Klimaziele. Die unvorstellbar hohen und weitreichenden Gefahren der Technologie für Mensch und Umwelt werden dabei mit dem Begriff Restrisiko beiseite debattiert und sogar für Wachstums- und Wettbewerbschancen in Kauf genommen. Fukushima zeigt nun, was der Begriff Restrisiko beinhaltet, welchen Preis dieses Risiko hat.
Der Vorschlag von EU Energiekommissar Günther Oettinger nach Stresstests für alle europäischen Atomkraftwerke ist wohl eher der verzweifelte Versuch, die Atomenergie in Europa trotz der tragischen Bilder aus Japan am Leben zu halten. Freilich kann man gegen eine erneute Sicherheitsüberprüfung von Atomanlagen schwer etwas haben. Zu vermuten steht allerdings, dass diese Stresstest nichts als ein Placebo für die Bevölkerung sind, die im Angesicht der Katastrophe von Japan besonders empfindlich auf Atomenergie reagiert.
Auch ein Stresstest wird die Sicherheit von Atomanlagen nicht garantieren. Das weltweite Atommüllproblem und die Gefahr der militärischen Nutzung von Nukleartechnologie ("Proliferationsrisiko") bleiben ebenso ungelöst. Das alles wäre bereits Grund genug, schnellstmöglich aus der Atomenergie auszusteigen.
100 Prozent Ökostrom sind möglich
Die Forderung nach einem schnellen Atomausstieg ist richtig und notwendig. Ebenso deutlich müssen wir allerdings benennen, welche politischen Maßnahmen ergriffen werden müssen, um den Ausbau der Erneuerbaren Energien und den effizienteren Umgang mit Energie konkret, zuverlässig und rasch zu erreichen. Dabei muss sich die Politik auch endlich mit der Vorstellung vertraut machen, dass eine Energieversorgung, die sich zu 100 Prozent aus Erneuerbaren Energien speist, in Europa innerhalb der kommenden Jahrzehnte möglich und notwendig ist.
Zahlreiche Organisationen, Institute und Verbände haben die technische und wirtschaftliche Machbarkeit bereits nachgewiesen. Berechnungen des Bundesverbands Erneuerbare Energie (BEE) zeigten bereits Anfang 2010, dass im Jahr 2020 statt der von der EU geforderten 18 Prozent in Deutschland bereits ein Anteil der EE von knapp 30 Prozent am gesamten Endenergieverbrauch möglich ist. Und genau so wie die Gefahren der Atomenergie müssen auch die enormen Möglichkeiten der Erneuerbaren Energien überzeugend in der Öffentlichkeit vermittelt werden. Denn nur dann wird die Bevölkerung die Transformation unserer Energieversorgung mittragen.
Zusätzlich brauchen wir größere Schritte auf europäischer Ebene. Die EU-Klimaziele, die bis 2020 einen Anteil der Erneuerbaren von 20 Prozent, eine Treibhausgasreduktion von 20 Prozent und eine Senkung des Energieverbrauchs von 20 Prozent vorsehen, müssen übertroffen werden. Zu den notwendigen Maßnahmen gehören unter anderem die Stärkung der nationalen Förderinstrumente im Bereich erneuerbarer Wärme und der beschleunigte Ausbau der Stromnetze.
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Weitere Standpunkte zur EURACTIV.de-Debatte "EU-Energiepolitik nach Fukushima":
Mitterlehner: Österreich als "Grüne Batterie" Europas (24. März 2011)
Reck: "Energiesystem wird dezentraler und mittelständischer sein" (22. März 2011)
Kemfert: Gaskraftwerke als Brückentechnologie (18. März 2011)
Mayr: Die Brücke schnellstens abreißen (17. März 2011)
Schreyer: Europas Weg aus der Atomenergie (16. März 2011)
Links
Informationen / Dokumente
EU: Vertrag zur Gründung der Europäischen Atomgemeinschaft (Euratom)
Deutsche Bundesregierung: Energiekonzept 2050
EU-Kommission: Klimawandel: Kommission legt Fahrplan für die Schaffung eines wettbewerbsfähigen CO2-armen Europa bis 2050 vor (8. März 2011)
EU-Kommission: Roadmap for moving to a low-carbon economy in 2050 (8. März 2011)
EU-Kommission: Climate change: Questions and Answers on a Roadmap for moving to a low carbon economy in 2050 (8. März 2011)
Europäischer Rat: Schlussfolgerungen des Europäischen Rates / Energie-Gipfel (4. Februar 2011)
EU-Parlament: Entschließung des Europäischen Parlaments vom 25. November 2010 zu dem Thema "Weg zu einer neuen Energiestrategie für Europa 2011-2020" (25. November 2010)
EU-Kommission: Energie 2020. Eine Strategie für wettbewerbsfähige, nachhaltige und sichere Energie (10. November 2010)
EU-Kommission:Energieeffizienz. Übersicht
EU-Kommission: Progress reports. Renewable Energy Targets: Commission calls on Member States to boost cooperation (31. Januar 2011)
EU-Kommission: Commission Communication on renewable energy (31. Januar 2011)
EU-Kommission: Ziele für erneuerbare Energien: Kommission fordert Mitgliedstaaten zu intensiverer Zusammenarbeit auf. Pressemitteilung (31. Januar 2011)
EU-Kommission: Financing Renewable Energy in the
European Energy Market (2. Januar 2011)
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Fukushima: "Die Gefahr bleibt riesengroß" (21. März 2011)
Uran – "Problematische Versorgungslage" (11. August 2010)
Atom-Comeback in Europa? (28. April 2010)
Mez: Atom-Renaissance – Viel Rauch um Nichts? (10. März 2010)
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Christian Hey: "Die Brücke steht schon" (5. Mai 2010)
Wie europäisch ist das Energiekonzept 2050? (6. September 2010)
Die Vision vom Super Grid (8. März 2010)