Wer profitiert von der Arbeitnehmerfreizügigkeit in der EU?
Die meisten EU-Bürger stehen der Arbeitnehmer-Freizügigkeit in der EU positiv gegenüber. Nur eine Minderheit beabsichtigt jedoch, diese Möglichkeit auch selbst zu nutzen.
Die meisten EU-Bürger:innen stehen der Arbeitnehmer-Freizügigkeit in der EU positiv gegenüber. Nur eine Minderheit beabsichtigt jedoch, diese Möglichkeit auch selbst zu nutzen. Menschen mit hohem Bildungsniveau geben mehr als doppelt so häufig an, im EU-Ausland arbeiten zu wollen wie Menschen mit niedrigerem Bildungsstand.
Mit dem 1993 geschaffenen Europäischen Binnenmarkt hat die EU nicht nur Hindernisse für den Waren- und Dienstleistungsverkehr zwischen den Ländern beseitigt, sondern auch die Freizügigkeit für Arbeitnehmer:innen verankert, die EU-Bürger:innen das Recht einräumt, innerhalb der gesamten Union zu arbeiten.
„Die Möglichkeit, sich frei von einem Land in ein anderes zu bewegen, stellt einen großen Mehrwert für die Gesellschaft dar“, sagte Cinzia Alcidi, Forschungsdirektorin am Centre for European Policy Studies (CEPS), gegenüber EURACTIV. „Die Möglichkeit, im Ausland zu arbeiten, erhöht die Wahrscheinlichkeit, einen Arbeitsplatz oder einen besseren oder geeigneteren Arbeitsplatz zu finden“, sagte sie.
Die meisten Bürgerinnen und Bürger stimmen dieser positiven Sichtweise auf die Freizügigkeit in der EU zu, obwohl nur eine Minderheit beabsichtigt, diese Option tatsächlich zu nutzen.
In einer von der Europäischen Kommission im Dezember 2022 veröffentlichten Umfrage gaben 17 Prozent der EU-Bürger:innen an, schon einmal in einem anderen EU-Land gelebt zu haben, während 18 Prozent vorhaben, in Zukunft in einem anderen Land zu arbeiten.
Gleichzeitig sind 58 Prozent der EU-Bürger:innen der Meinung, dass die Arbeitnehmer-Freizügigkeit gut für den Arbeitsmarkt ist. Dabei ist die öffentliche Unterstützung im Laufe der Zeit gewachsen. Noch im Jahr 2009 vertraten nur 45 Prozent diese Meinung.
Auch Alcidi stimmt zu, dass die Freizügigkeit für einen funktionierenden Arbeitsmarkt nützlich ist. Wenn beispielsweise Menschen aus Ländern mit höheren Arbeitslosenquoten umziehen können, anstatt in ihrem Heimatland arbeitslos zu bleiben, sei dies sowohl für den Einzelnen als auch für die Gesellschaft als Ganzes von Vorteil.
Besorgnis über „Brain Drain“
Die Wissenschaftlerin wies jedoch auch auf mögliche Nachteile hin. Insbesondere bestehe die Gefahr eines „Brain Drain“, wenn hochqualifizierte Menschen, die eine vom Heimatstaat finanzierte Hochschulausbildung genossen haben, wegziehen. Dies bedeutet einen Verlust an Humankapital für das betreffende Land.
Den Umfragedaten zufolge ist die Wahrscheinlichkeit, dass Personen mit einem höheren Bildungsniveau von einem Land in ein anderes auswandern, wesentlich größer als bei Menschen mit niedrigerem Bildungsstand.
Bei denjenigen, die ihren Bildungsweg erst im Alter von 20 Jahren und mehr abgeschlossen haben, ist der Anteil derjenigen, die im Ausland gelebt haben mit 26 Prozent mehr als doppelt so hoch wie bei denjenigen, die die Schule bereits im Alter von 15 Jahren oder früher verlassen haben (10 Prozent).
Ein noch größerer Unterschied ergibt sich, bei der Frage nach der Absicht, in Zukunft im Ausland zu arbeiten. Während sich dies nur 6 Prozent derer mit niedrigem Bildungsstand vorstellen können, liegt der Anteil bei Menschen mit höherer Bildung bei 20 Prozent.
Am höchsten ist der Anteil bei denjenigen Befragten, die derzeit noch eine Schule oder Universität besuchen. Mehr als die Hälfte von ihnen gibt an, dass sie sich vorstellen können, im Ausland zu arbeiten.
Für die Expertin sind diese Zahlen nicht überraschend.
„Es ist eigentlich immer so, dass Menschen mit höheren Bildungsabschlüssen mobiler sind, es handelt sich also um einen generellen Trend“, so Alcidi. „Dies ist im Großen und Ganzen darauf zurückzuführen, dass Menschen mit höherer Bildung besser in der Lage sind, die Hindernisse eines Umzugs in ein anderes Land zu überwinden, einschließlich der Sprache“, fügte sie hinzu.
Laut Alcidi gebe es jedoch Unterschiede zwischen der Arbeitsmigration aus Osteuropa in den Westen und aus den südeuropäischen Ländern in den Norden.
„Nach der EU-Osterweiterung gab es recht große Ströme von Ost nach West, die recht allgemein waren, also nicht nur Menschen mit Hochschulbildung“, sagte Alcidi.
Dies stand im Gegensatz zur Arbeitsmigration aus den südeuropäischen Ländern nach Nordeuropa, wo vor allem hochgebildete Menschen abwanderten und die Sorge um die Abwanderung von Hochqualifizierten am deutlichsten zu spüren war, insbesondere nach der Finanzkrise.
Laut Alcidi hat sich dieses Muster jedoch im Laufe der Zeit aufgrund des allgemein steigenden Anteils von Menschen mit Hochschulbildung geändert, auch in Osteuropa.
Auch gebe es einen Unterschied zwischen größeren und kleineren Mitgliedsstaaten. „Üblicherweise sind Menschen aus kleinen Ländern mobiler als Menschen aus größeren Ländern“, so Alcidi. „Im Falle der EU ist dies sogar ziemlich deutlich“.
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Auf die Frage nach den Beweggründen für einen Umzug ins Ausland gaben 62 Prozent der Befragten an, dass sie einen Job in einem anderen Land annehmen würden, wenn sie mehr als ihr derzeitiges Einkommen verdienten. Die Hälfte davon gab jedoch an, dass sie mindestens ein doppelt so hohes Gehalt als ihr derzeitiges erhalten müssten, um ins Ausland zu gehen.
Laut der Expertin sind Lohnunterschiede jedoch nicht die einzige Triebkraft. „Einer der Hauptgründe ist nach wie vor das Vorhandensein von Möglichkeiten und die Karrieremöglichkeiten“, so Alcidi. Etwa Menschen, die das Gefühl haben, in ihrem Heimatland keine Karrieremöglichkeiten zu finden, die ihren Fähigkeiten entsprechen, würden eine Beschäftigung im Ausland suchen.
Dennoch zeigen die Umfragedaten, dass die meisten derjenigen, die eine Beschäftigung im Ausland in Betracht ziehen, innerhalb von fünf Jahren in ihr Heimatland zurückkehren wollen.
Dies sei eine gute Nachricht für die Länder, aus denen traditionell mehr Menschen wegziehen, so Alcidi. Wenn Arbeitnehmer:innen für ein oder zwei Jahre ins Ausland gehen, „können sie ihre Fähigkeiten oder Kenntnisse verbessern und kehren dann zurück. Sie bringen also Humankapital mit zurück.“
„In diesem Fall ist es für das entsendende Land tatsächlich sehr vorteilhaft“, so die Expertin.
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[Bearbeitet von János Allenbach-Ammann/Zoran Radosavljevic]