Warum Russland das Baltikum wirklich im Dunkeln lassen will
Am Nachmittag des Weihnachtstags durchschnitt ein Öltanker, der seinen Anker über den Grund der Ostsee zog, ein 170 Kilometer langes Stromkabel. Das als Estlink-2 bekannte Karbel verbindet Finnland und Estland miteinander.
Am frühen Nachmittag des ersten Weihnachtstags durchschnitt ein Öltanker, der seinen Anker über den Grund der Ostsee zog, ein 170 Kilometer langes Stromkabel. Das als Estlink-2 bekannte Kabel verbindet Finnland und Estland.
Brüssel – EU-Beamte bezeichneten den Vorfall damals als ein weiteres Beispiel für das böswillige Verhalten Russlands in der Ostsee. Dort soll Russland mutmaßlich einen stillen Provokationskrieg gegen die NATO-Staaten führten, indem es seine sogenannte Schattenflotte von Tankern einsetzt, um Daten und Stromkabel zu kappen sowie seine Luftwaffe den NATO-Luftraum verletzt.
Wie sich herausstellte, ist das nur die halbe Wahrheit. Während die Weihnachtsepisode in das bekannte Muster passte, dass Russland versucht, seine baltischen Nachbarn zu sabotieren, war die Motivation diesmal wahrscheinlich mehr als nur der Wunsch, den Westen zu ärgern.
Der Zeitpunkt des Estlink-Angriffs, so der grüne finnische Europaabgeordnete Ville Niinistö, „ist wahrscheinlich kein Zufall.“
Die baltische Synchronisation
Das ist eine Untertreibung. Um zu verstehen, was Russland wirklich vorhatte, muss die Uhr zurück in die Zeit der Sowjetunion gedreht werden, als Moskau die baltischen Staaten und den größten Teil Osteuropas kolonisierte.
Ein Aspekt dieser Unterwerfung war eine Politik, die als „baltische Synchronisierung“ bekannt war und die darin bestand, sie über Polen an das russische Stromnetz anzuschließen.
Als die Sowjetunion am ersten Weihnachtstag 1991 zusammenbrach (was möglicherweise das Datum der Durchtrennung von Estlink erklärt), hinterließ sie einen Ring aus Hochspannungskabeln, die Kernkraftwerke in Leningrad mit Belarus und dem Baltikum verbanden.
Bis heute sind die Stromnetze Estlands, Litauens und Lettlands mit Belarus und Russland verbunden – „eine bleibende Verbindung zu ihrer Besetzung durch die Sowjetunion“, sagte Jason Moyer vom Think-Tank Wilson Center mit Sitz in Washington.
Diese Ära soll jedoch Anfang Februar zu Ende gehen, wenn sich die baltischen Staaten ein für alle Mal vom russischen Stromnetz befreien wollen.
Der russische Angriff sollte diesen Plan wahrscheinlich vereiteln. Nach Ansicht der Behörden war er von Eagle S, einem 70.000 Tonnen schweren Öltanker, der auf den Cookinseln registriert ist, durchgeführt worden.
Moskau „versucht zu zeigen, dass das Baltikum nicht auf den Übergang vom sowjetischen Netz vorbereitet ist“, sagt Moyer.
Zunächst sah es so aus, als könnte die russische Strategie erfolgreich sein. Die Großhandelspreise für Strom in Estland hatten sich verfünffacht, doch dann ließ der Anstieg nach.
Finnische Behörden hatten den Tanker schnell beschlagnahmt und die 24-köpfige Besatzung festgenommen. Die Finnen stellten fest, dass der Tanker an Geschwindigkeit verloren hatte, bevor er sich den Kabeln näherte. Außerdem hatte das Schiff seinen Anker über 60 Kilometer lang über den Meeresgrund geschleppt hatte.
Finnlands schnelles Handeln – das Schiff wurde erreicht, bevor es in internationale Gewässer zurückkehren konnte – wird wahrscheinlich der entscheidende Faktor bei der Klärung der Vorgänge auf dem Tanker sein.
Stille Scheidung
Trotz ihrer tiefen Feindseligkeit gegenüber Moskau haben die baltischen Staaten wenig unternommen, um ihre bevorstehende Scheidung vom russischen Stromnetz publik zu machen.
Aus gutem Grund: Als die Ukraine 2022 einen ähnlichen Schritt unternahm, startete Russland seine Großinvasion.
Insgesamt beläuft sich der Preis für den Entkopplungsprozess auf etwa 1,6 Milliarden Euro, von denen 75 Prozent von der Europäischen Union übernommen werden.
Doch die Kosten des Vorhabens sind die geringste Sorge der EU.
„Entscheidungen zur Synchronisierung und Desynchronisierung werden sowohl durch geopolitische als auch geoökonomische Beziehungen geprägt – und prägen diese Beziehungen auch zukünftig“, erklärte Georg Zachmann, Senior Fellow beim Brüsseler Think-Tank Bruegel.
Trotz der Weihnachtsüberraschung schreitet der Prozess, das Baltikum vom russischen Stromnetz zu trennen, wie geplant voran, erklärten lokale Beamte. Das beschädigte Unterseekabel ist eines von nur vier, die das Baltikum mit dem Rest der EU verbinden.
„Die Synchronisation wird wie geplant Anfang Februar stattfinden“, teilte der lettische Netzbetreiber AST Euractiv mit.
Der „Insel-Test“
Das zerstörte Kabel hat die Region in Schrecken versetzt und die Verantwortlichen dazu gezwungen, einen wichtigen Schritt im Entkopplungsprozess auszulassen.
Vor dem Anschluss an das europäische Stromnetz würden die baltischen Staaten ihr Netz normalerweise in einem sogenannten „Insel-Test“ isoliert testen. Dieser Schritt, der sicherstellen soll, dass alles nach Plan funktioniert, werde wahrscheinlich ausgelassen, sagte Susanne Nies, Expertin beim Berliner Think-Tank Helmholtz Zentrum.
„Die Balten verbinden mit dem Test ein gewisses Risiko“, merkte Nies an. „Als die Ukraine ihn 2022 durchführte, startete Russland eine großflächige Invasion.“
Derzeit erwägen die Netzbetreiber dieser Länder „die Möglichkeit, den isolierten Betriebstest zu einem späteren Zeitpunkt nach der Synchronisation durchzuführen“, erklärte das lettische Unternehmen AST letzte Woche.
Die Party ist vorbei
Obwohl es den Russen nicht gelungen ist, die Entkopplung der baltischen Staaten zu verhindern, haben sie ihnen ein Bein gestellt.
100 Tage vor der Synchronisierung trafen sich die baltischen Energieminister in der litauischen Hauptstadt Vilnius, um vor dem Technikmuseum ein Countdown-Monument zu enthüllen.
Die letzten Tage werden deutlich ruhiger verlaufen. „Sie werden diesen großen Erfolg nicht mit einer Staatszeremonie feiern“, sagt Nies und ergänzte, dass das Baltikum und Polen „versuchen, die Bedeutung der Synchronisierung herunterzuspielen.“
Desinformation und mehr
Baltische Politiker zeigen sich nervös im Vorfeld der Umstellung.
„In komplexen geopolitischen Bedingungen ist es wahr, dass die Gesellschaft verletzlicher ist, und je näher das festgelegte Datum für den Abschluss des Synchronisationsprojekts rückt, desto mehr stoßen wir auf irreführende Informationen“, sagte Lettlands Klima- und Energieminister Kaspars Melnis letzte Woche.
Die Energiepolitik war oft ein Vehikel für russische Propagandakampagnen, die Unzufriedenheit schüren sollten. Ein Bericht des Überwachungsunternehmens Mediaskopas aus dem Juni letzten Jahres zeigt, dass Desinformation über die Netztrennung seit 2021 in russischen Medien „konsequent verbreitet” wurde.
Nies erwartet, dass „Russland das Baltikum mit einer weiteren Propagandawelle überschwemmt“, im Vorfeld der Trennung im Februar.
Bisher ruft die lettische Regierung lediglich zur Vorsicht auf. „Wir fordern die Öffentlichkeit auf, Informationen kritisch zu betrachten, sich nicht von emotional aufgeladenen Äußerungen verleiten zu lassen und keine Nachrichten zu verbreiten, die nicht verifiziert wurden“, sagte Melnis.
Wer ist Schuld?
Desinformation wie auch Sabotageakte an Pipelines und Kabeln gelten als „hybride Angriffe“. Das Ziel? Gesellschaften ohne den Einsatz von Gewalt zu destabilisieren.
Es ist schwierig, solche Handlungen eindeutig einem staatlichen Akteur zuzuordnen. Westliche Regierungen haben nur wenige Möglichkeiten, die mutmaßlichen Täter zu bestrafen.
Sollten die Staaten Sabotage als ebenso schädlich wie einen militärischen Angriff betrachten, könnten sie den NATO-Artikel 5 zur gegenseitigen Verteidigung ausrufen – oder den entsprechenden EU-Artikel.
In Sicherheitskreisen erwarten jedoch nur wenige, dass dies bald geschehen wird. Denn Russland hat schließlich zahlreiche Atomraketen auf Europa gerichtet.
Russland ist sich darüber natürlich bewusst, was Moskau dazu ermutigt, seine Täuschungstaktik fortzusetzen.
Das könnte erklären, warum die Zahl der Haushalte in der Region, die ihren eigenen Strom erzeugen, steigt.
[Bearbeitet von Donagh Cagney/Owen Morgan/Matthew Karnitschnig/Victoria Becker]