Warschau kämpft mit den Folgen von Corona und dem Ukraine-Krieg
Die jüngste Migrationswelle hat den Warschauer Behörden neue Möglichkeiten. Sie müssen aber auch ihre Maßnahmen und Pläne überdenken, auch wenn das langfristige Ziel - eine moderne europäische Metropole zu werden - unverändert bleibt.
Die Inflation und der Krieg in der benachbarten Ukraine haben die Bemühungen der polnischen Hauptstadt um den Wiederaufbau nach der Pandemie gedämpft und gleichzeitig die seit langem bestehenden Probleme des Stadtzentrums – Entvölkerung und steigende Immobilienpreise – weiter verschärft.
Branchenvertreter weisen jedoch darauf hin, dass die ukrainische Flüchtlingskrise dem angeschlagenen Warschauer Gastgewerbe paradoxerweise neue Chancen eröffnet hat.
Eine dreijährige Achterbahnfahrt
Die letzten drei Jahre waren für Warschau und viele andere polnische Städte eine Achterbahnfahrt.
Noch immer unter dem Schock der Corona-Pandemie leidend, spitzte sich die Lage durch den massiven Anstieg an ukrainischen Flüchtlingen weiter zu – was das ohnehin schon ernste Problem der massiven Inflation noch verschlimmerte, die Lebenshaltungskosten in die Höhe trieb und Geschäftsaktivitäten sowie Investitionen der Stadt behinderte.
Zwischen dem 24. Februar und dem 31. Mai kamen etwa 800.000 Flüchtlinge in die Hauptstadt, was bis zu 40 Prozent der gesamten Warschauer Bevölkerung ausmachte.
Auf dem Höhepunkt des Zustroms hielten sich etwa 300.000 Flüchtlinge in der Stadt auf, und für sie alle musste auf verschiedene Weise Hilfe geleistet werden. Diese reichten von einfacher Information über Krankenhausversorgung und Unterbringung bis hin zur Aufnahme von Kindern in Kindergärten und Schulen.
Die neuen Einwohner Warschaus machen inzwischen ein Zehntel der zwei Millionen Einwohner der Stadt aus.
Die jüngste Migrationswelle hat den Warschauer Behörden neue Möglichkeiten. Sie müssen aber auch ihre Maßnahmen und Pläne überdenken, auch wenn das langfristige Ziel – eine moderne europäische Metropole zu werden – unverändert bleibt.
Das neue „touristische Profil“ Warschaus
Die Herausforderungen, denen sich Warschau heute gegenübersieht, ergeben sich aus dem drastischen Rückgang der Touristenzahlen. Die Gesamtzahl der Besucher in Warschau ist im Vergleich zu 2019 um bis zu einem Drittel zurückgegangen.
Auch wenn es noch zu früh für eine Einschätzung der weiteren Entwicklung ist, weisen Experten darauf hin, dass die Rückkehr zur Normalität mit einer gründlichen Reflexion über vergangene Maßnahmen einhergehen sollte, um Fehler nicht zu wiederholen.
Das ist die Quintessenz des Berichts von URBACT. Dabei handelt es sich um ein von der EU kofinanziertes Projekt, das Städten und Metropolen in Europa helfen soll, Lösungen für gemeinsame Probleme zu finden, und das gute Verfahrensweisen aufzeigt, denen Städte folgen sollten.
„Die Erholung des Tourismussektors muss eine gemeinschaftliche Anstrengung sein, mit einer lokalen, nationalen und globalen Dimension, um die Fehler der Vergangenheit zu vermeiden und den Tourismus zu einem Hebel für nachhaltige Entwicklung, Wohlstand und den Abbau von Ungleichheiten zu machen“, heißt es in dem Bericht.
Während die Auslastung der Stadthotels laut einer im letzten Monat veröffentlichten Umfrage der Polnischen Hotel- und Gaststättenkammer (IGHP) zunimmt, kämpfen die Einrichtungen mit steigenden Energiekosten sowie höheren Lebensmittel- und Lohnkosten, was die meisten Hotels dazu zwingt, die Zimmerpreise im Vergleich zum Vorjahr um etwa 20 Prozent zu erhöhen.
Die Erhöhungen werden auch durch einen Mangel an Einnahmen im Jahr 2021 verursacht. Doch die unsichere Marktlage und der Krieg sind für einige Hotels zu einer Chance geworden, die Verluste auszugleichen.
„Die Warschauer Hotels haben paradoxerweise von der aktuellen Situation in der Ukraine profitiert“, sagte der stellvertretende Präsident der Hotelkette Focus Hotels, Łukasz Płoszyński.
„Warschau wurde zum Umsteigeknotenpunkt sowohl für die Ukrainer, deren Ziel der Westen ist, als auch für diejenigen, die mit ihren Familien von Unternehmen evakuiert werden, die ihre Niederlassungen in Warschau haben“, sagte er dem Nachrichtendienst eHotelarz.
Die Warschauer Tourismusorganisation (WOT) bestätigte die Veränderung des „Touristenprofils“ der Hauptstadt.
„Derzeit kommen die meisten Touristen aus Polen. Es gibt auch einen beträchtlichen Anstieg der Aktivitäten von Ukrainern, was kaum überraschend ist, wenn man bedenkt, dass zehn Prozent der Warschauer Bevölkerung Ukrainer sind“, so Mateusz Czerwiński, Vizepräsident des WOT-Vorstands, gegenüber EURACTIV.pl.
Steigende Mieten und Zersiedelung
Auch die Warschauer Gastronomie ist von der Pandemie betroffen: Die Zahl der Gastronomiebetriebe ging von 2.651 im Jahr 2019 auf 2.381 zurück.
Bei den meisten der geschlossenen Betriebe handelt es sich um Restaurants, aber auch 132 Bars und Cafés verschwanden von der Stadtkarte. Da die Betriebskosten steigen, geben die Unternehmer zusätzliche Kosten an die Kunden weiter, von denen sich viele bald nicht mehr leisten können, in Restaurants zu essen.
Die Auswirkungen der Pandemie sind im Stadtzentrum zu spüren. Nach Angaben der Gazeta Wyborcza sind 30 Prozent der Lokale in der Marszalkowska-Straße, einer der wichtigsten Warschauer Straßen, unvermietet.
Die unmittelbare Auswirkung der Pandemie wird jedoch durch einen seit langem bestehenden Trend verstärkt: die steigende Zahl von Einkaufszentren in den Städten und ihren Vororten in den letzten zwei Jahrzehnten.
Nach Ansicht des Stadtaktivisten Jan Śpiewak, Vorsitzender des Vereins Freie Stadt Warschau, ist ein Einkaufszentrum eine Form des unlauteren Wettbewerbs.
„Die Kaufhäuser erzeugen ein enormes Verkehrsaufkommen und vernichten lokale Geschäfte“, sagte er gegenüber EURACTIV.pl.
Ein weiteres Problem ist seiner Meinung nach die Kurzzeitvermietung, die die Immobilienpreise künstlich in die Höhe treibt.
„Airbnb sollte reguliert und viel höher besteuert werden als normale Formen der Vermietung“, sagte Śpiewak.
Steigende Mieten und Immobilienpreise in der Hauptstadt veranlassen die Einwohner, in die so genannten „Bagel“ zu ziehen – die Vororte der Stadt, von wo aus sie leicht zur Arbeit pendeln können.
Dies hat zur Folge, dass Warschau auf die umliegenden Gemeinden überschwappt und die Bewohner der Vororte zusätzlichen Verkehr und Kosten für die lokale Regierung verursachen, was die lokale Infrastruktur belastet.
Obwohl Warschau immer noch einen negativen Wanderungssaldo aufweist, werden die wachsenden Vororte langfristig wahrscheinlich das Stadtgefüge verändern und gleichzeitig dem Klima schaden, da sie einen größeren Kohlenstoff-Fußabdruck verursachen, so eine Studie der Universität der Vereinten Nationen aus dem letzten Jahr.
Warschau2030
Die Veränderung des städtischen Raums ist eine der Säulen der langfristigen Strategie „Warschau2030“. Eine Lösung besteht in der umfassenden Entwicklung ehemaliger postindustrieller Stadtteile, die früher an der Peripherie der Stadt lagen.
Dank der U-Bahn sind Stadtteile wie Wola oder Targówek nun gut an das Zentrum angebunden, was der Zersiedelung entgegenwirken und die lokale Wirtschaft fördern soll.
Andere infrastrukturelle Maßnahmen zielen darauf ab, den Lebensstandard der Stadtbewohner zu verbessern: Umbau von Kreuzungen, Verengung von Fahrbahnen, Bau von oberirdischen Fußgängerüberwegen, Abgrenzung von Fahrradwegen und Begrünung des städtischen Raums.
[Bearbeitet von Vlad Makszimov/Alice Taylor]