Warmer Winter, Kalter Krieg: Die Rolle des Wetters zur Wende
Es war ein ungewöhnlich warmer Winter, der den Kalten Krieg beendete. Das milde Wetter spielte im Wende-Herbst bis hin zur Volkskammerwahl eine kaum beachtete, aber wichtige politische Rolle für die deutsche Einheit. Was wäre gewesen, wenn es nach Günter Schabowskis Mauerfall-Pressekonferenz in Strömen geschüttet hätte?
Es war ein ungewöhnlich warmer Winter, der den Kalten Krieg beendete. Das milde Wetter spielte im Wende-Herbst bis hin zur Volkskammerwahl eine kaum beachtete, aber wichtige politische Rolle für die deutsche Einheit. Was wäre gewesen, wenn es nach Günter Schabowskis Mauerfall-Pressekonferenz in Strömen geschüttet hätte?
“Was wäre, wenn…” ist unter Historikern und unter Meteorologen keine anerkannte Kategorie. Hier aber schon, denn ich bin weder Historiker noch Meteorologe. Ich habe mich oft gefragt, wie weit das Wetter eine politische Rolle gespielt und die Wiedervereinigung entscheidend begünstigt hat. Die gesamte Wendezeit 1989/90 fiel nämlich in einen sehr milden Winter.
Es gibt zwar Forschungsergebnisse und Literatur über kriegsentscheidende Auswirkungen von Wetterkapriolen in der Schlacht von Trafalgar 1805 oder der Schlacht am Trasimenischen See 217 vor Christus.
Das Junktim Wetter und Wende
Aber nach Auskunft des Deutschen Wetterdientes (DWD) befasste sich niemand mit dem Junktim Wetter und Wende. “Wir wissen natürlich, dass das jeweilige Wetter immer auch einen bestimmten psychologischen Einfluss hat, beispielsweise auf das Kaufverhalten”, antwortete mir der DWD auf meine Frage. ”Ein großes schwedisches Möbelhaus ließ mit unserer Hilfe untersuchen, welche Wettersituation optimalen Umsatz bringt. Warum also nicht auch Einfluss auf historische Geschehnisse?”
Die Meteorologen zeichnen in Deutschland seit 1901 kontinuierlich die Wetterwerte auf. Die wärmsten Winter waren 1974/75 – und eben 1989/90.
Frühlingsgefühle zu Weihnachten
Zu Weihnachten 1989 hatte es 15 Grad. Im Februar kletterte das Thermometer mehrmals auf 20 Grad plus. Den ganzen Winter über fiel die Tageshöchsttemperatur fast nie unter null Grad. Der Winter 89/90 war so mild, dass das norddeutsche Küstengebiet eisfrei blieb.
Er war auch sehr kurz. Die Kältephase mit etwas Frost beschränkte sich auf ein paar Tage rund um den Jahreswechsel. Dank der sehr milden Meeresluftmassen fehlte eine durchgehende Schneedecke.
Ideales Klima für Revolutionen
Ein ideales Wetter also für politische Umbrüche und Revolutionen, für Demonstrationen und Mahnwachen, für Regimewechsel und Entscheidungswahlen.
Jetzt wollen wir spekulieren, was bei peitschenden Regenfällen, Frost und Schneemassen gewesen wäre.
Es hätte ja schon das extrem unwirtliche Wetter vom 9. November 2009 gereicht, als im Berliner Regierungsviertel der Staatsakt zum 20. Jahrestag des Mauerfalls begangen wurde. Es schüttete in Strömen, Zehntausende standen in Schlamm und Pfützen, die Kälte kroch in die Knochen.
Es gehörte sehr viel Überwindung dazu, den langatmigen Festreden und Chorgesängen zuzuhören und auf diese sonderbare Performance mit den tausend überdimensionierten Dominosteinen zu warten, die umzuwerfen Lech Walesa, der einstige Solidarnosc-Anführer und spätere polnische Staatspräsident, sich nicht zu schade war und die wetterbedingt mit fast einstündiger Verspätung endlich zu Fall gebracht wurden.
Verprasselte Jubiläumsfeier
Was wäre gewesen, wenn es auch genau zwanzig Jahre davor so geprasselt hätte? Wenn sich auch der original Mauerfall wetterbedingt verzögert hätte wie zwei Jahrzehnte später das Kippen der Dominosegmente?
Nehmen wir an, am Abend der Pressekonferenz von Günter Schabowski am 9. November 1989 hätte es genauso erbarmungslos geschüttet. Vielleicht wäre der italienische Journalist Riccardo Ehrman, der damals mit viel Verspätung ins Internationale Pressezentrum (IPZ) gekommen war, gar nicht mehr aufgetaucht und hätte das Thema der Pressekonferenz somit nicht auf die Reisegesetze lenken können. Dann hätte der damalige “Bild”-Korrespondent Peter Brinkmann auch nicht nachstoßen können mit den Fragen, ab wann das und ob das auch für Berlin West gelte. Dann wäre Politbüromitglied Schabowski womöglich auch nicht dieses historische “Sofort, unverzüglich” herausgerutscht.
Unspektakulär hätte der DDR-Rundfunk ab vier Uhr morgens, dem geplanten Ende der Sperrfrist, die erleichterten Reisebedingungen in den stündlichen Nachrichtensendungen kundgetan.
Als die Direktübertragung der Pressekonferenz die umständliche Erklärung der Grenzöffnung in die DDR-Wohnzimmer transportierte: Vielleicht wären bei grauslichem Wetter nur ein paar Neugierige in die Bornholmer Straße gekommen. Viele hätten zwar im Fernsehen etwas von den neuen Reisebestimmungen gehört, von Polizei und Pass und Stempel, vom Wegfall der Voraussetzungen und von schnellen Genehmigungen, hätten über Schabowskis eher konfuse Mitteilungen erst nachgedacht, wären vielleicht verunsichert gewesen. Aber nur wenige hätten dies sofort als faktische Grenzöffnung interpretiert. Die meisten hätten bei unwirtlichem Wetter den Realitäts-Check wohl auf den nächsten Tag verschoben.
Nur ein paar unverdrossene Neugierige an der Bornholmer Brücke
So wäre an der Bornholmer Straße keine Massenansammlung zustande gekommen. Die Grenzer hätten nie diesen bedrohlich anschwellenden Druck erlebt, sondern alles im Griff gehabt. Alles wäre seinen geordneten Gang gegangen. Ohne den Druck der fordernden Menschenmassen hätten sie sicher nicht aufgegeben, nicht den Schlagbaum geöffnet, nicht die Grenzkontrollen eingestellt und damit nicht die Mauer geöffnet.
Dann hätte der Moderator Hanns-Joachim Friedrichs in den Tagesthemen der ARD um 22.42 Uhr nicht klipp und klar – und in gewagter freier Interpretation – sagen können: „Die Tore in der Mauer stehen weit offen.“ Dann wäre der Verstärkereffekt ausgeblieben, der damals nach den Tagesthemen Abertausende Menschen bei Nacht zur Mauer und nach drüben getrieben hat.
Kaiserwetter zur Volkskammerwahl
Ähnliches gilt für die Volkskammerwahl, die am 18. März 1990 bei strahlendem Sonnenschein und in lockerer Aufbruchsstimmung stattfand. Das Kaiserwetter am Wahltag krönte gleichsam die demokratische Entwicklung des Landes.
Wie wäre sie wohl ausgegangen, wenn schlechtes Wetter als Vorwand fürs Daheimbleiben gedient hätte? Erstens wussten so viele Menschen bis zum allerletzten Moment ohnehin nicht, was sie wählen sollten, zweitens gab es zum ersten Mal keine Wahlpflicht. Da hätte die Neigung zum Wählengehen dem Unwetter leicht zum Opfer fallen können.
Das zeigte sich auch im Wahlkampf: Bundeskanzler Helmut Kohl war vor der Volkskammerwahl in jeder ostdeutschen Stadt, in der er auftrat, von 150.000 bis 200.000 Bewunderern verwöhnt. In Magdeburg freilich, wo das Wetter ganz und gar nicht mitspielte, kamen nur 25.000 Personen, und von denen hielt nur ein kleiner Bruchteil bis zum Schluss durch.
Vielleicht mehr als nur ein Nebenaspekt: Kohl spulte trotz Dauerregens seine anderthalbstündige Wahlrede ungekürzt ab. Das war leichtfertig: Was wäre gewesen, wenn er sich gerade da ordentlich erkältet hätte und er die Gestaltung der Wiedervereinigung und die Einführung der D-Mark hätte verschieben müssen?
Die Dynamik der Montagsdemonstrationen bei Wetterkapriolen?
Was wäre, wenn die Montagsdemonstrationen im Oktober 1989 infolge Sauwetters nie diese Kraft, diese Dynamik entwickelt hätten? Die Massenkundgebungen der Herbstrevolution in Leipzig, Plauen und Berlin hätten bei klirrender Kälte oder strömendem Regen ganz anders verlaufen können. Die entscheidende Leipziger Demo vom 9. Oktober hätten nicht 70.000 mitgemacht, sondern vielleicht 10.000. Genau die Zahl, die das Regime erwartet hatte. Mit den 10.000 wären die Volkspolizisten und Stasi-Leute schnell fertig geworden. Nur die unerwartete Beteiligung der 70.000 Menschen zwang sie zur Zurückhaltung und zur Aufgabe.
Das gilt auch für die Riesenkundgebung am Alexanderplatz vom 4. November 1989. Da wären nicht bis zu einer Million Menschen zusammengekommen, die sich über das Regime lustig gemacht haben.
Sogar die Monate davor: Wie anders hätte sich der Flüchtlingsstrom von Ost nach West entwickelt, wenn das Wetter viel schlechter gewesen wäre? Dauerregen, Nebel, Hochwasser im Sommer oder Glatteis, Schneestürme und Schneeverwehungen im Winter?
Rekordwinter mit katastrophalen Zuständen
Oder hätte die Flüchtlingswelle vielleicht sogar früher und noch massiver eingesetzt, wenn es beispielsweise wieder so einen Rekordwinter wie 1978/79 gegeben hätte? Damals hatten die Behörden und die politische Führung total versagt. Die Ausreisewilligen hätten noch eher jede Hoffnung auf Besserung aufgegeben.
Teile der DDR versanken infolge gefrierenden Regens unter einem dicken Eispanzer, ein 78-stündiger Schneesturm begrub den Norden unter den Schneemassen, Strommasten knickten um, die Energieversorgung brach zusammen, der Braunkohle-Abbau, von dem die DDR abhängig war, kollabierte, Förderanlagen froren ein, der Telefon fiel aus, die Gasherde in Hundertausenden Haushalten gingen nicht, auch in den Krankenhäusern ging das Licht aus, Züge und Autos blieben im Schnee stecken, die Weichen froren fest, viele Städte und Dörfer waren von der Außenwelt abgeschnitten.
Eis und Schnee hätten die Versorgungslage so katastrophal gemacht, dass aus Verzweiflung über den handlungsunfähigen Staat womöglich noch viel mehr Menschen in den Westen geflüchtet wären. Erst zwei Jahre vor der Wende hatten die Geschäfte im eingeschneiten Ostberlin nur per Straßenbahnen beliefert werden können.
Das Infrarot-Satellitenbild vom 9. November 1989
Immerhin hat der Deutsche Wetterdienst die Wetterdaten vom 9. November 1989 in manchen deutschen Städten zusammengestellt und aus seinen Archiven entsprechende Wetterkarten und Wetterberichte zu diesem Tag zusammengetragen. In Zusammenarbeit mit EUMETSAT zeigt der DWD auch ein Infrarot-Satellitenbild, das die Wetterlage in Deutschland am 9. November 1989 um 21.30 Uhr wiedergibt, als die ersten Rundfunknachrichten von offenen Übergängen berichteten und die ersten Bürger der DDR an der Bornholmer Brücke die Grenze passieren konnten und am späten Abend ohne Kontrolle in den Westteil der Stadt gelassen wurden.?
Das Satellitenbild zeigt Europa an jenem historischen Tag um 20.30 Uhr Weltzeit (21.30 Uhr in Deutschland). Der Kontinent wird mit einer Auflösung von fünf Kilometern dargestellt.
Wolkenloser Himmel
Das Infrarot-Bild (Quelle: Deutscher Wetterdienst, DWD) zeigt, dass Deutschland an diesem Abend weitgehend unter wolkenlosem Himmel lag. Östlich von Berlin fanden sich einige Cirren.
Ich finde es jedenfalls bemerkenswert, dass der warme Wende-Winter dazu beigetragen hat, den Kalten Krieg zu Ende zu bringen und die Wiedervereinigung zu begünstigen. Es hätte ja auch sehr viel komplizierter kommen können.
Ewald König, Chefredakteur von EURACTIV.de, war zu Zeiten der Wende Deutschland-Korrespondent der österreichischen Zeitung DIE PRESSE. Für die Leser von EURACTIV schildert er in einer Serie, was er vor zwanzig Jahren erlebt hat.
Copyright: Ewald König. Abdruck nur nach Genehmigung durch den Autor. Kontakt: Ewald König • Postfach 080 535 • 10005 Berlin • Mail: koenig@korrespondenten.com oder chefredaktion@euractiv.de
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Links
Historischer Wetterrückblick: Das Wetter in Deutschland am 9. November 1989
Wetterrückblick: Das Wetter in Deutschland am 9. November 1989 an ausgewählten Wetterstationen des Deutschen Wetterdienstes und des Meteorologischen Dienstes
Videodokument (mdr): Winterschlacht in der DDR (Winter 1978/79)
Berliner Morgenpost: Als in der DDR das Licht ausging
Fest der Freiheit – Fotos von der gut beschirmten politischen Prominenz (9. November 2009)