"Von Gleichberechtigung kann noch keine Rede sein"
Derzeit verdienen die Frauen in Deutschland fast ein Viertel weniger als ihre männlichen Kollegen. Für die einen ist das Diskriminierung, für die anderen die normale Folge, weil Frauen andere Berufe wählen, weniger Erfahrung oder andere Erwerbsbiografien haben. Ein Streitgespräch.
Derzeit verdienen die Frauen in Deutschland fast ein Viertel weniger als ihre männlichen Kollegen. Für die einen ist das Diskriminierung, für die anderen die normale Folge, weil Frauen andere Berufe wählen, weniger Erfahrung oder andere Erwerbsbiografien haben. Ein Streitgespräch.
Anlässlich des Internationalen Frauentags (8. März) diskutierten Vertreter aus Politik und Wirtschaft am Freitag (9. März) in Berlin über das Thema „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“. „Gerade jetzt in der aktuellen Krise wird deutlich, wie groß der Druck auf die Frauen ist. In Griechenland wird zuerst den Frauen gekündigt“, sagte die linke EU-Abgeordnete Gabriele Zimmer. Derzeit verdienten die Frauen in Deutschland im Entgelt 23 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen.
Diskriminierung oder nicht?
Laut Rainer Huke, Abteilungsleiter für Lohn- und Tarifpolitik der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, bedeutet diese Differenz jedoch nicht, dass Frauen für die gleiche Arbeit anders bezahlt würden. „Frauen verdienen im Durchschnitt weniger, weil sie andere Berufe wählen, weniger Erfahrung oder andere Erwerbsbiografien als Männer haben, nicht weil sie diskriminiert werden“, so Huke. Oft lägen unterschiedliche Löhne auch einfach an einem anderen Verhalten beim Aushandeln des Gehalts mit dem Arbeitgeber.
Zimmer entgegnete, dass wissenschaftlich etwas ganz anderes belegt sei: „Viele Studien haben gezeigt, dass zwei Drittel aller Lohnungleichheiten auf Diskriminierung beruhen.“ Dabei liege das Hauptproblem in der indirekten Diskriminierung. Dies äußere sich beispielsweise darin, dass Berufe, die hauptsächlich von Frauen ausgeübt werden, wie zum Beispiel der der Krankenschwester, generell schlechter bezahlt würden.
Objektivere Arbeitsbewertungen, transparente Gehälter
Sinkende Gehälter könne man auch in den Berufsgruppen erkennen, in denen aktuell eine starke Feminisierung stattfinde, sagte Marita Körner vom Deutschen Juristinnenbund. „Das EU-Recht verlangt nicht bei gleicher Arbeit gleichen Lohn, sondern bei gleichwertiger Arbeit. Wir brauchen neue und objektivere Arbeitsbewertungen. Gleichzeitig müssen wir von der Kultur des Schweigens, was unsere Gehälter angeht, abrücken“, so Körner. Vor allem in Deutschland sei es oft sogar durch eine Klausel im Arbeitsvertrag verboten, über das Gehalt zu sprechen. „Darum wissen viele Frauen nicht, dass sie viel weniger als ihre männlichen Kollegen verdienen und können so auch nicht ihre Rechte einklagen“, sagte Körner.
Gesetze und ihre Umsetzung
Neuer Gesetze bedürfe es nicht, um die Situation der Frauen zu verbessern. Vielmehr müsse sichergestellt werden, dass die einzelnen EU-Mitgliedsstaaten die Regelungen auch umsetzen, so Körner.
Zimmer kritisierte dabei vor allem die Haltung Deutschlands. „Wenn es die EU nicht gäbe, dann wären wir in Deutschland noch lange nicht so weit, wie wir jetzt sind. Die deutsche Bundesregierung ist oft eine große Bremse, wie zum Beispiel in der Debatte um den Mutterschaftsurlaub. Aber auch die deutsche Wirtschaft und Gesellschaft müssen sich eine bessere Haltung zulegen, um die Situation der Frauen verbessern zu können.“
Julia Backes
Links
Mehr zum Thema auf EURACTIV.de
Reding: „Ich bin zu allem bereit!“ (5. März 2012)
Frauen in Spitzenpositionen: Deutschland hinkt hinterher (4. April 2011)