Volkskammerwahl oder die BRDigung der DDR
Der 18. März 1990 leitete die "BRDigung der DDR" ein. Mit der Volkskammerwahl entschied sich die Mehrheit der Ostdeutschen für Wiedervereinigung, D-Mark und Marktwirtschaft und gegen den Fortbestand der DDR. Eindrücke vom Wahltag, von einer Spendenaffäre im Wahllokal und vom Maestro Kurt Masur.
Der 18. März 1990 leitete die „BRDigung der DDR“ ein. Mit der Volkskammerwahl entschied sich die Mehrheit der Ostdeutschen für Wiedervereinigung, D-Mark und Marktwirtschaft und gegen den Fortbestand der DDR. Eindrücke vom Wahltag, von einer Spendenaffäre im Wahllokal und vom Maestro Kurt Masur.
Sonntag, fünf Uhr früh. Im Feierabendheim „Dr. Günter Hesse“ in der Pankower Straße 14 am Ostberliner Stadtrand wartet eine Schlange von DDR-Bürgern ungeduldig, bis der Wahlleiter des Wahlbezirks 024a endlich die Wahlurne versiegelt hat. Erst mit neun Minuten Verspätung darf der erste Wähler eintreten. Ein paar Männer äußern sehr deutlich ihren Unmut.
Viereinhalb Jahrzehnte lang mussten die DDR-Bürger auf eine demokratische, freie und geheime Wahl warten – und jetzt geht es ihnen um Minuten. Dieses Wahllokal ist eines von dreien in der Hauptstadt der DDR, die schon um fünf Uhr geöffnet haben. Alle anderen beginnen erst um sieben Uhr.
Hierher kommen Schichtarbeiter, ein Reichsbahnangestellter, ein Volkspolizist, sie müssen zur Arbeit. Eine junge Berlinerin ist in Eile, weil sie gleich anschließend zur Schuhmesse nach Düsseldorf fliegt. Ein Ehepaar will den Autobus für die Tagesfahrt nach Hamburg nicht verpassen.
Die "Spendenaffäre" im Wahllokal
Der allererste, dessen Stimmzettel in der Wahlurne landet, ist Dr. Dieter Fischer aus Oranienburg, ein vierzigjähriger Physiker, der im Post- und Fernmeldewesen arbeitet. Um drei Uhr war er aufgestanden; nach der Stimmabgabe fährt er mit dem Frühzug zu seinen Eltern.
Ein besonders Gefühl, der Erste zu sein? „Nein, ein purer Zufall.“ Sein Gehabe verrät freilich, dass er sehr wohl darauf stolz ist.
Seine Rolle als Nummer eins weiß er gegenüber den beiden Reportern auszuspielen. Außer mir, der ich eigens für meine österreichischen Leser schon so extrem früh aufgestanden war, hatte sich auch Axel Hacke hierher verirrt. Der heute unglaublich erfolgreiche Buchautor war damals im Auftrag der Süddeutschen Zeitung unterwegs. Und weil die SZ auf ihrer Seite Drei sehr viel mehr Platz bot als meine Zeitung, konnte Axel Hacke detailliert beschreiben, was ich in meiner Zeitung mit „Gehabe“ nur andeuten konnte.
Denn der Herr Fischer wollte auf unsere Fragen nach seinen Gefühlen nicht gleich antworten. Er stellte Bedingungen. Sicher nicht aus Habgier in Erwartung der hereinbrechenden Marktwirtschaft, sondern aus Altruismus.
Zwanzig Mark pro Interview-Wort
Als ihn Axel Hacke und ich anredeten, erklärte uns Dieter Fischer: "Meine Herren, wir stehen kurz vor der Einführung der freien Marktwirtschaft. Also: Jedes Wort von mir kostet zwanzig Mark. Spenden Sie das bitte für behinderte Kinder."
Wir versuchten es noch einmal. Antwort: "Wenn Sie auf meine Bedingungen eingehen. Ich habe meine Bedingungen gesetzt. Soviel Geld werden Ihre Medien doch aufbringen. Sie sehen hier schließlich den ersten Wähler!" Er erzählte uns dann doch etwas, obwohl wir auf seine Forderungen nicht eingehen konnten. Denn umgekehrt: Da war er nun schon mal der erste Wähler, Journalisten interessieren sich sogar für ihn, aber es drohte kein Wort über ihn zu erscheinen…
Die Genugtuung eines drangsalierten Katholiken
An der Wahlurne wacht Wilhelm Mast, 51-jähriger Diplomingenieur für Elektroenergieübertragung, Mitglied der katholischen Kirchengemeinde in Schönhausen. Für ihn eine kleine Genugtuung. Wegen seines Glaubens hatte der praktizierende Katholik keine Aufstiegschancen im Beruf, seine beiden Söhne Probleme beim Abitur.
"Da haben viele drunter gelitten", beteuert er. "In der Republik noch mehr als in Berlin selbst. In der Provinz ist man päpstlicher als der Papst."
Ähnliche Erfahrungen hat der 28-jährige Wahlleiter gemacht, der dem neuen Forum angehört und dort ehrenamtlich als Kultursprecher fungiert. Mario Vogelei, Sohn "eines großen Tieres in diesem Staat", sollte sich nach dem Willen der Eltern für 25 Jahre Armeedienst verpflichten. Das verweigerte er. Folge seiner "politischen Unzuverlässigkeit": Keine Reifeprüfung, kein Schauspielstudium. Selbst die Lehre als "Mechanisator", also landwirtschaftlicher Arbeiter und Mähdrescherfahrer, dauerte bei ihm länger als bei den anderen.
Erstmals Wahlkabinen benutzt
Im Kulturraum des Altenheimes waren schon immer an den Wahltagen Urnen aufgestellt – freilich unter anderen Bedingungen. Eine Wahlkabine gab es auch früher, aber bewusst sehr ungünstig hinter den Tischen aufgestellt. Nur acht Prozent der Wähler machten hier früher von der Kabine Gebrauch. Das war mehr als der sonstige Durchschnitt in DDR-Wahllokalen.
Alle anderen falteten den Stimmzettel einfach vor den Augen des Wahlvorstands. (Daher kam der DDR-Ausdruck "falten gehen" für "wählen gehen".) Herausgekommen war sowieso immer ein Ergebnis über 99 Prozent.
Diesmal jedoch wäre der Stimmzettel ungültig geworden, hätte jemand die Wahlkabine nicht benutzt. Der Rundfunk schärfte dies der Bevölkerung in allen Nachrichtensendern ein.
Keine Tricks mehr mit den Bleistiften
Diesmal unterblieb auch der beliebte SED-Trick, die Kabine mit einem ganz harten Bleistift und einem weichen Tischtuch als Schreibunterlage auszustatten, sodass bei Streichung eines vorgedruckten Kandidatennamens der Zettel zerriss und ungültig wurde.
Ein anderer Trick der Einheitspartei war, die Bleistiftschnur so kurz zu bemessen, dass man den Stimmzettel gar nicht beschreiben konnte.
Mario Voglelei erzählt, wie er früher provozierend mit Kugelschreiber und Lineal die Kabine aufsuchte, um Namen besser durchstreichen zu können, und welche Blicke er dafür auf sich zog.
Diesmal gab es auch keine Blaskapelle oder Pionierchöre vorm und keine Honecker-Porträts im Wahllokal.
Auch die DDR-Fahnen fehlten im Wahllokal, die früher stets aufgepflanzt waren. Im Gegenteil: Hätte diesmal einer das Fähnchen gehisst, wäre er "rote Sau" oder "rote Socke" beschimpft worden. Es war sogar verboten, das DDR-Emblem zu zeigen, damit niemand mehr beeinflusst werden könne.
Höchste Beteiligung aller demokratischen Wahlen
Diesmal gab es auch keine Wahlpflicht. Dennoch war die Beteiligung mit 93,4 Prozent an jenem 18. März 1990 ein Rekord: Es war die höchste Wahlbeteiligung, die bei demokratischen Parlamentswahlen in Deutschland jemals gemessen wurde.
Wer einst nicht auftauchte, wurde rigoros abgeholt. Da musste man am Wahltag sicherheitshalber wirklich wegfahren – durfte sich aber beim nächsten Behördengang nicht wundern, wenn ein Antrag ohne Begründung abgelehnt wurde.
Dass der erste Wahlsonntag nach allen Regeln der Demokratie verlief, beobachteten auch Delegierte des Europarates und des EG-Parlaments. In der Pankower Straße war der Niedersachse Karl Ahrens gleich zu Beginn zur Kontrolle da.
„Wahlbeobachter im interessantesten Lokal der Welt“
Das Mitglied der Parlamentarischen Versammlung des Europarats zeigte sich schwer beeindruckt, wie viele Leute schon um fünf Uhr angestellt gewesen seien. Das könnte er sich in der Bundesrepublik nie vorstellen, sagte er, bevor er mit seinem Privatauto – die Volkskammer konnte für alle Wahlbeobachter nur vier Fahrzeuge stellen – in den Norden der Republik weiterfuhr. Zwanzig Lokale wollte er noch ansehen.
Beim Gehen sagte er noch, hier sei das interessanteste Wahllokal der Welt. Er habe mal sehen wollen, „wie um fünf Uhr morgens gewählt wird. Das habe ich noch nie gesehen“.
Überraschendes Comeback der PDS
Knapp vor dieser Wahl war ich noch in Leipzig. Die Stadt drohte im Rekord-Messetrubel zu ersticken. Man bekam keine Luft mehr. Dazu der Wahlkampf-Endspurt. Sogar in den allerletzten Stunden gab es noch Überraschungen, vor allem die PDS betreffend.
Noch im Januar hatten sich die anderen Parteien auf die SED/PDS eingeschossen. Die Partei verzeichnete eine Massen-Austrittswelle. Im Straßenwahlkampf war die PDS nicht präsent. Die ehemaligen SED-Leute mussten Schmähungen und Drohungen über sich ergehen lassen.
Aber seit einander CDU und SPD direkt bekämpften, und zwar in einem Stil, der die DDR-Bürger abschreckte, erfreute sich ausgerechnet die PDS wieder großen Interesses. Das lag nicht am Programm der belasteten Partei und nicht nur an der Person Gregor Gysis. Die PDS war Nutznießer des konfrontativen Wahlkampfstils der anderen Parteien und deren Fernsteuerung aus dem Westen.
Erst zwei Wochen vor der Wahl (!) wagten sich die PDS-Leute in der Leipziger Fußgängerzone versuchshalber in die Öffentlichkeit. Der Erfolg verblüffte sie. Die Menschen rissen sich um ihr Werbematerial – das einzige, das nicht im Westen erzeugt worden war. Mit einemmal wähnte sich die PDS schon bei 17 Prozent – und lag damit richtig: 16,4 Prozent war letztlich ihr Ergebnis.
Von dieser Nachfrage konnten die Bürgerrechtsgruppierungen, die die Herbstrevolution getragen hatten, nur träumen. Das Bündnis 90 erhielt lediglich 2,9 Prozent. Die Bürgerrechtler hatten den Stimmungswandel völlig verpasst.
Leipziger Gewandhaus als Oase
Im Zentrum der Leipziger Geschäftigkeit flüchteten die niederländische Journalistin Hetty Hessels und ich in eine Oase: Vor 1.900 leeren Stühlen probte das Gewandhaus-Orchester ein letztes Mal für den Abend. Joseph Haydn, Robert Schumann und Cesar Franck standen auf dem Programm des traditionellen Messe-Sonderkonzerts. Kurt Masur, seit zwanzig Jahren Kapellmeister des renommierten Hauses, dirigierte.
Kurt Masur am Dirigentenpult – das durfte gleich als politische Botschaft verstanden werden, wo er sich am sichersten fühlt. Er wollte dirigieren und keinesfalls Staatspräsident der DDR werden, obwohl er dafür im Gespräch und anfangs auch nicht abgeneigt war. Aber vorgestellt hatte er sich das alles ganz anders.
Von Leipzig war die Wende mit Friedensgebeten und Montagsdemonstrationen ausgegangen. Dass es am 9. Oktober 1989 nicht zum Blutbad kam, als 70.000 Menschen auf die Straße gingen, von den Dächern die Maschinengewehre auf sie gerichtet waren, die Wasserwerfer bereitstanden, die Spitäler Blutkonserven vorbereitet hatten, das war großteils Masurs Verdienst mit seinem öffentlichen Aufruf zur Gewaltlosigkeit.
Er selbst nannte das ein Wunder – ein Wunder, dass genau jener Steinwurf unterblieb, der zur Konfrontation genügt hätte.
Das Resümee von Kurt Masur
In der Probenpause konnten Hetty Hessels und ich Kurt Masur für uns haben. Der 1,92 Meter große, stattliche und sympathische Kurt Masur mit seiner imposanten Erscheinung, seiner mutigen Widerständigkeit vom 9. Okober, der Aura des Fast-Staatspräsidenten, dem Weltruf als Dirigenten, der bald darauf Chef der New Yorker Philharmoniker, dann des London Philharmonic Orchestra und des Orchestre National de France werden sollte, dieser Kurt Masur gab uns ein Interview.
Nun muss ich eine kleine Anmerkung einschieben, die der Leser auch überspringen kann.
Es gibt Interviewpartner, die während des Gesprächs wie eine Schlaftablette wirken. Erst bei der Tonbandabschrift entdeckt man die Wucht mancher Zitate.
Und es gibt Interviewpartner, die den Fragesteller während des Gesprächs unglaublich beeindrucken. Hört man aber das Tonband und tippt die Sätze ab, findet sich unter ganz viel Gesagtem nur wenig Zitierenswertes. Kaum jemand konnte mit so viel Begeisterung so wenig sagen wie Kurt Masur.
Einige Äußerungen waren denn doch brauchbar: Er habe sich das alles anders vorgestellt, erzählte er uns. Und deshalb denke er nicht daran, in die Politik zu gehen. Die Bereitschaft, als Staatspräsident der DDR zur Verfügung zu stehen, fehlte ihm "ab dem Moment, da wir keinen eigenen Weg mehr gehen konnten". Für die eigene demokratische Entwicklung habe die DDR keine Zeit gehabt.
"Hier hat das ganze Volk binnen weniger Tage einen Schock erlitten", sagte er, "und wir haben ihn noch nicht überwunden."
Auch er selbst sei seit Mai (1989) "kein normaler Mensch, bis heute nicht. Wir konnten das noch nicht verarbeiten." Da könne man nicht erwarten, dass schon die Vernunft regiere.
Der Schock der Bevölkerung, die plötzliche Erkenntnis, wie sehr sie vierzig kommunistische Jahre lang um ein besseres Leben betrogen worden sei, äußerte sich unmittelbar vor der ersten "richtigen" Wahl in hilfloser Orientierungslosigkeit.
Viele scheuten sich, wieder blindlings hinter einer Partei herzumarschieren. Sie wüssten höchstens, was sie nicht wählen würden. Sie ärgerten sich über den "fremdgesteuerten" Wahlkampf, der eine Gehässigkeit in den Osten gebracht habe, der früher unbekannt gewesen sei, als der gemeinsame Feind – nämlich die Staats- und Parteiführung samt Schnüffelapparat – die Bevölkerung noch geeint hatte.
Invasion von 3.000 Journalisten aus aller Welt
Zurück zum Wahlabend in Berlin. Mehr als 3.000 Journalisten aus aller Welt belagerten Ostberlin, auffallend viele Japaner, sogar Kollegen aus Kenia. Sie alle "verfolgten" das Geschehen und die Akteure im wahrsten Sinn des Wortes. An jeder Ecke wurde geknipst, gefilmt, gedreht und aufgenommen. Der Platz vor dem Palast der Republik glich einem Medien-Jahrmarkt. Die vielen riesengroßen schüsselförmigen Parabolantennen waren die Attraktion für die staunenden Spaziergänger an diesem prächtigen Frühlingssonntag, der die 12,2 Millionen Wahlberechtigten mit der Aufregung der letzten Monate und Wochen versöhnte.
Ein Drittel hatte bis zuletzt nicht gewusst, welcher der 24 Parteien und Listen es die Stimme geben sollte. Dann entschieden sich die DDR-Wähler wie folgt:
40,8 Prozent erhielt die CDU, insgesamt 48,15 Prozent stimmten für die Parteien der von Helmut Kohl formierten Allianz für Deutschland. 21,9 Prozent für die SPD, 16,4 Prozent für die PDS und 5,3 Prozent für die Freien Demokraten. Das Bündnis 90 erhielt lediglich 2,9 Prozent.
Damit war die "BRDigung der DDR" unwiderruflich eingeleitet.
Ewald König, Chefredakteur von EURACTIV.de, war zu Zeiten der Wende Deutschland-Korrespondent der österreichischen Zeitung DIE PRESSE. Für die Leser von EURACTIV schildert er in einer Serie, was er vor zwanzig Jahren erlebt hat.
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Audiodokumente zur Volkskammerwahl aus dem deutschen Rundfunkarchiv