Vier-Tage-Woche: Polen nimmt Arbeitszeitverkürzung ins Visier
Noch bevor ihre Amtszeit im Jahr 2027 endet, überlegt die polnische Regierung, die aktuelle Arbeitszeit zu verkürzen. Dies soll entweder durch die Einführung einer Vier-Tage-Woche oder eines Sieben-Stunden-Tages geschehen, berichteten polnische Medien am Freitag (23. August).
Noch bevor ihre Amtszeit im Jahr 2027 endet, überlegt die polnische Regierung, die aktuelle Arbeitszeit zu verkürzen. Dies soll entweder durch die Einführung einer Vier-Tage-Woche oder eines Sieben-Stunden-Tages geschehen, berichteten polnische Medien am Freitag (23. August).
Beide Optionen zur Arbeitszeitverkürzung stehen derzeit zur Auswahl. Bei einer Vier-Tage-Woche, scheint es sehr wahrscheinlich, dass es den Unternehmen überlassen bleibt, ob sie den Freitag oder den Montag frei machen wollen.
„Es wird entschieden, ob es besser ist, die durchschnittliche Wochenarbeitszeit von 40 auf 35 Stunden zu reduzieren oder eine Vier-Tage-Woche einzuführen“, kündigte die Ministerin für Familie, Arbeit und Soziales, Agnieszka Dziemianowicz-Bąk, letzten Monat an.
Kürzere Arbeitswochen haben in Polen mehr Befürworter als Sieben-Stunden-Tage. 70 Prozent der Arbeitgeber bevorzugen eine Vier-Tage-Woche, wie eine Umfrage der Plattform ClickMeeting ergab.
Polen führte 1952 die Fünftagewoche mit freiem Samstag ein.
Die Verkürzung der Arbeitswoche auf vier Tage wäre eine revolutionäre Veränderung und selbst die Regierung von Donald Tusk ist darüber geteilter Meinung.
Dziemianowicz-Bąk ist für die geplanten Änderungen. In einer relativ guten Wirtschaftslage, mit einer relativ niedrigen Arbeitslosenquote und den Erwartungen junger Menschen müsse die Forderung nach einer Arbeitszeitverkürzung ernst genommen werden, damit die Menschen mehr Zeit für ihre Familien, ihre Entwicklung und ihre Erholung haben, erklärte sie Anfang dieses Jahres.
„Wir im Ministerium nehmen das ernst und ich glaube, dass es an der Zeit ist, die Wochenarbeitszeit in den kommenden Jahren zu verkürzen“, so die Ministerin.
„Studien zeigen, dass wir umso gestresster und müder werden, je länger wir arbeiten. Eine weitere Stunde Arbeit bedeutet nicht unbedingt eine weitere Stunde Effizienz“, erklärte sie gegenüber der Nachrichtenagentur Dziennik Gazeta Prawna.
Im Gegensatz zu ihrer Kollegin steht die Ministerin für Staatsfonds und Regionalpolitik, Katarzyna Pełczyńska-Nałęcz, der Idee einer Verkürzung der Arbeitswoche skeptisch gegenüber.
„Wir haben eine demografische Krise. Vor 15 Jahren kamen auf einen Rentner [in Polen] bis zu vier Beschäftigte. Jetzt sind es weniger als drei und bis 2050 werden es nur noch zwei sein“, teilte sie dem Privatsender Polsat News am Freitagabend mit.
Unter diesen Umständen ist eine Vier-Tage-Woche „keine Richtung, die wir einschlagen sollten“, fügte sie hinzu.
Sie wies auf einen Generationenkonflikt zwischen den Generationen X, Y und Z hin. „Die junge Generation betrachtet im Gegensatz zu meiner eigenen Generation [Pełczyńska-Nałęcz wurde 1970 geboren] die Arbeit nicht mehr als den grundlegendsten Teil ihres Lebens, sondern als einen der wichtigsten Lebensbereiche, der jedoch mit dem Familienleben, der Selbstentfaltung, der Leidenschaft und anderen Faszinationen kombiniert werden muss“, erklärte sie.
Es wird erwartet, dass die Arbeiten zur Änderung des Arbeitsgesetzes im Herbst an Fahrt gewinnen und im nächsten Frühjahr abgeschlossen werden könnten. Eine Verkürzung der Arbeitszeit könnte der Regierungskoalition im Wahlkampf für die Präsidentschaftswahlen 2025 helfen, so das Nachrichtenportal infor.pl.
Eurostat-Daten zufolge arbeiten die Polen durchschnittlich 40,5 Stunden pro Woche und damit nach den Griechen am längsten in der EU. Der EU-Durchschnitt liegt bei 37,5 Stunden, und der weltweite Durchschnitt beträgt 34,2 Stunden.
Längerer Urlaub
Eine kürzere Arbeitswoche oder ein kürzerer Arbeitstag wäre für sich genommen schon eine weitreichende Veränderung, aber die Gewerkschaften wollen noch mehr.
Sie wollen, dass der im Arbeitsgesetzbuch vorgesehene bezahlte Jahresurlaub um neun Tage auf 35 Tage erhöht wird.
Die Gewerkschaft „Solidarnosc” (Solidarität), die dem Ministerium für Familie, Arbeit und Soziales den Vorschlag unterbreitet hat, argumentierte, dass sich der Jahresurlaub ebenso wie die Arbeitszeiten seit einem halben Jahrhundert nicht geändert hätten, obwohl sich die Welt und die Erwartungen der Arbeitnehmer dramatisch verändert hätten.
Ein weiteres Argument ist, dass nach dem derzeitigen Arbeitsgesetzbuch die Urlaubsverlängerung nur für ausgewählte Gruppen von Arbeitnehmern gilt. Dazu gehören auch diejenigen, die erhebliche familiäre Verpflichtungen haben.
Die Sozialdemokraten (S&D) hatten den 35-tägigen bezahlten Urlaub bereits vor einigen Jahren vorgeschlagen, aber der Gesetzentwurf wurde im polnischen Parlament erst am Ende der Legislaturperiode 2023 debattiert. Die Partei nahm den Vorschlag erneut in ihr Wahlprogramm für 2023 auf, ist aber bisher nicht darauf zurückgekommen, obwohl sie als Teil der breiten Koalition von Ministerpräsident Donald Tusk (EVP/S&D/Renew) an die Macht kam.
Die Kombination einer Vier-Tage-Woche mit 35 Tagen Urlaub ist jedoch unwahrscheinlich. Wie Infor.pl anmerkt, würde dies bedeuten, dass jeder Arbeitnehmer Anspruch auf zwei Monate Jahresurlaub hätte.
Wahrscheinlicher ist eine 35-Stunden-Woche für alle Arbeitnehmer und ein 35-tägiger Urlaub für die am längsten beschäftigten Arbeitnehmer.
Unternehmen fordern faire Konsultationen
Die größten Vorbehalte gegen dramatische Änderungen der Arbeitswoche kommen von den Unternehmen.
„Die Arbeitgeber lehnen die Art und Weise ab, in der solche revolutionären Ideen derzeit konsultiert werden“, betonte Hanna Mojsiuk, Leiterin der Wirtschaftskammer Nord in Szczecin, wie von Infor.pl zitiert.
Niemand bestreite, dass Änderungen notwendig seien, sagte sie. Gleichzeitig betonte sie die Notwendigkeit eines Dialogs mit den Unternehmern.
„Wir wollen keine Rückkehr zu den nicht so positiven Schemata, an die wir uns gewöhnt haben, wo Änderungen zuerst angekündigt werden und erst dann Konsultationen stattfinden können“, fügte Mojsiuk hinzu.
[Bearbeitet von Kjeld Neubert]