Verstaatlichung von EDF wohl "unvermeidlich"
Die Verstaatlichung des französischen Energieriesen EDF war laut Professor Jean-Michel Gauthier aufgrund der "enormen regulatorischen und wirtschaftlichen Zwänge" sowie des neuen ehrgeizigen französischen Atomprogramms "unvermeidlich."
Die Verstaatlichung des französischen Energieriesen EDF ist laut Professor Jean-Michel Gauthier aufgrund der „enormen regulatorischen und wirtschaftlichen Zwänge“ sowie des neuen ehrgeizigen französischen Atomprogramms „unvermeidlich“.
Die am 6. Juli verkündete Entscheidung der Regierung, Electricité de France zu verstaatlichen, löste im französischen Parlament gemischte Reaktionen aus.
Nach Ansicht von Jean-Michel Gauthier, Direktor am Lehrstuhl für Energie und Finanzen an der HEC Paris, war die Entscheidung jedoch aufgrund der regulatorischen Zwänge, denen das Unternehmen ausgesetzt ist, „unvermeidlich.“
Nach französischem Recht muss EDF einen Teil seines Atomstroms zu einem festgelegten Preis (42 €/MWh) an die Konkurrenz verkaufen und ihn wie jeder andere Anbieter auf dem Markt zurückkaufen.
Aufgrund der Pandemie und des Krieges in der Ukraine liegt der Marktpreis nach Angaben des französischen Stromübertragungsnetzbetreibers RTE derzeit jedoch bei über 200 Euro pro Megawattstunde.
Das bedeutet, dass EDF mit Verlust verkauft, um die Konkurrenz zu versorgen, was von den Gewerkschaften und Beobachter:innen als „Ausplünderung“ des französischen Unternehmens kritisiert wird.
Darüber hinaus hat der Staat EDF aufgefordert, 8 Milliarden Euro für den sogenannten „Tarifschutz“ aufzuwenden, um die Gaspreise in Krisenzeiten zu senken.
Die Börsenkapitalisierung von EDF ist in den letzten Jahren von 150 Milliarden Euro im Jahr 2007 auf heute weniger als 40 Milliarden Euro eingebrochen.
Eine Verschuldung von schätzungsweise mehr als 43 Milliarden Euro, die durch Verzögerungen beim Bau der neuen Reaktoren der vierten Generation verursacht wurde, belastet das Unternehmen zusätzlich.
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Nukleare Pläne
Doch laut Professor Gauthier seien die Schulden des Unternehmens „überhaupt nicht das Thema.“ Sie sei sogar „irrelevant im Hinblick auf die großen Themen der Energie- und Industriepolitik in Frankreich“, erklärte er gegenüber EURACTIV.
Nach Ansicht von Gauthier liegen die größten Herausforderungen in dem umfangreichen Atomprogramm des Unternehmens. Erstens wird EDF bis 2030 mehr als 50 Milliarden Euro ausgeben müssen, um die Lebensdauer der bestehenden Kernkraftwerke zu verlängern.
Wie von Präsident Emmanuel Macron im Februar angekündigt, muss der französische Energieriese außerdem Maßnahmen zum Bau von sechs neuen Reaktoren der vierten Generation vom Typ EPR ergreifen. Jüngsten Schätzungen zufolge wird dies 50-60 Milliarden Euro kosten.
Die vollständige Übernahme durch den Staat bietet EDF eine Schuldengarantie sowie niedrigere Zinssätze für die Aufnahme weiterer Kredite, erklärte Gauthier.
Besorgniserregender sei die Anzahl der Kernpunkte, die der Staat in den letzten Jahren aus seiner Industriepolitik für die Kernenergie gestrichen habe.
„Die wichtigsten Fragen sind: Wie geht es weiter mit dem EPR 2, den Reaktoren der dritten Generation, dem ASTRID-Projekt und den kleinen modularen Reaktoren (SMR)“, sagte er.
Der Professor stellte auch infrage, ob der Staat in der Lage ist, seine versprochenen Energieziele zu erreichen.
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Erneuerbare Energien bei all dem?
Diese milliardenschweren Projekte befassen sich jedoch nur mit der Kernenergie, nicht aber mit der Fähigkeit der EDF, erneuerbare Energien einzusetzen – eine weitere wichtige Priorität der Regierung.
„Angesichts der Blase, die sich um die grüne Finanzierung gebildet hat, gibt es heute keinen Grund für den Staat, Solar- oder Windkraftkapazitäten zu unterhalten“, erklärt Gauthier.
„Wir können uns also vorstellen, dass der Staat das Portfolio von EDF Renewables, einer hundertprozentigen Tochtergesellschaft von EDF, auf den Markt bringt“, fügte er hinzu. Dieses Projekt könnte bei seiner Genehmigung die Spaltung zwischen Staat und Gewerkschaften wieder verstärken.
Vorerst sei es notwendig, „eine einzige EDF zu erhalten“, sagte der Vorstandsvorsitzende des Unternehmens, Jean-Bernard Lévy, am Montag (11. Juli) gegenüber dem Sender BFM TV.
Eine EDF ohne erneuerbare Energien wäre eine düstere „Utopie“, sagte er weiter.
Wenn es um energiepolitische Entscheidungen gehe, müsse der Staat der „einzige Lotse“ an Bord und „alleiniger Entscheidungsträger“ sein, schloss Gauthier.
[Bearbeitet von Frédéric Simon, Daniel Eck/Alice Taylor]