Unser täglich Kot: Menschliche Exkremente als Lösung für Düngemittelkrise?

Die Europäische Union müsse alle Möglichkeiten ausloten, um den Einsatz von Düngemitteln effizienter zu machen - und dabei unter anderem menschliche Exkremente nutzen, so ein führender Stickstoffexperte gegenüber EURACTIV.

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Düngemittel stehen im Mittelpunkt des Interesses nach Russlands Einmarsch in der Ukraine, der den energieintensiven Sektor doppelt getroffen hat: Zum einen sind die Energiepreise in die Höhe geschnellt, zum anderen haben die gegen Belarus verhängten Sanktionen zu einer Verknappung von Kali, einem wichtigen Düngemittel, geführt. [<a href="https://www.shutterstock.com/image-photo/goult-normandy-france-april-23-2018-1123809881" target="_blank" rel="noopener">[SHUTTERSTOCK]</a>]

Die Europäische Union müsse alle Möglichkeiten ausloten, um den Einsatz von Düngemitteln effizienter zu machen – und dabei unter anderem menschliche Exkremente nutzen, so ein führender Stickstoffexperte gegenüber EURACTIV.

Die Versorgung mit Düngemitteln steht seit Russlands Einmarsch in der Ukraine im Fokus, denn dieser hat den energieintensiven Sektor doppelt hart getroffen: Zum einen sind die Energiepreise in die Höhe geschnellt, zum anderen haben die gegen Belarus verhängten Sanktionen zu einer Verknappung von Kali, einem wichtigen Düngemittel, geführt.

Infolge dieser Störung hat die Europäische Kommission vor Kurzem eine Mitteilung über Düngemittel mit einer Reihe von Maßnahmen vorgelegt, die die Krise abfedern sollen

Nach Ansicht von Wim de Vries, Professor für Umweltsystemanalyse an der Universität Wageningen, gibt es jedoch einen Weg, der in den Plänen noch nicht berücksichtigt wurde.

„Wir müssen uns die Ausscheidungen von Tieren und den Kompost von Pflanzen ansehen – aber auch menschliche Exkremente“, sagte der Professor. Dabei hätten menschliche Abfälle den zusätzlichen Vorteil, dass sie mehrere wichtige Mikronährstoffe wie Zink und Kupfer enthalten.

Menschliche Ausscheidungen werden in vielen Regionen der Welt als Düngemittel verwendet. Derzeit ist dies jedoch nur in manchen EU-Ländern erlaubt, was de Vries als eine verpasste Chance im Kampf gegen die Düngemittelkrise sieht.

Der Professor räumte zwar ein, dass technologische oder gesundheitliche Bedenken nach wie vor ein Hindernis für das Recycling menschlicher Ausscheidungen auf diese Weise darstellen, doch sollten seiner Meinung nach Anstrengungen unternommen werden, um diese zu überwinden.

„Die EU-Länder sollten sich wirklich darum bemühen, Wege zu finden, wie Abwässer auf Felder aufgebracht werden können“, sagte er und betonte, dass diese Option von der Kommission ernsthaft in Betracht gezogen werden sollte.

Kritik „übermäßig vereinfacht“

Die Düngemittelkrise und die anschließenden Versuche, sie zu überwinden, haben bei Umweltschutzgruppen die Befürchtung geweckt, dass kurzfristigen Maßnahmen Vorrang vor längerfristigen, systemischen Änderungen eingeräumt wird.

Für de Vries ist diese Analyse jedoch zu simpel.

„Ich sehe, dass [die Mitteilung] eine Verbindung zwischen einer dringenden Krise und einer langfristigen Vision herstellt“, sagte er gegenüber EURACTIV und fügte hinzu, dass der Schwerpunkt der Mitteilung zwar eindeutig auf der Ernährungsunsicherheit liege, dies aber angesichts der aktuellen Lebensmittelkrise verständlich sei.

Daher könne er nicht zustimmen, dass sich die Mitteilung auf kurzfristige Maßnahmen konzentriere, die die Stickstoffverschmutzung verschlimmern würden, wie von Umweltschutzgruppen behauptet werde, so de Vries.

Er fügte hinzu, dass er in der Betonung des Recyclings von Nährstoffen in der Mitteilung klare Verbindungen zum bevorstehenden Integrierten Aktionsplan für das Nährstoffmanagement (INMAP) sieht.

Der INMAP zielt darauf ab, die Ziele des EU Green Deal zu erreichen, die Nährstoffverluste bis 2030 in Europa um mindestens 50 Prozent und den Düngemitteleinsatz um mindestens 20 Prozent zu reduzieren, und wird den Aktionsplan zur Bekämpfung der Umweltverschmutzung ergänzen.

Für de Vries ist das bevorstehende INAMP eine entscheidende Gelegenheit, einen ganzheitlichen Ansatz für Nährstoffflüsse und -verluste zu wählen.

Der Professor verglich die Nährstoffverluste mit einem undichten Rohr mit vielen Löchern und erklärte, dass es „nicht sinnvoll sei, den Finger nur auf eines dieser Löcher zu legen.“

„Wenn man den Eintrag nicht reduziert, kommt es aus einem anderen Loch wieder heraus“, warnte er.

Mehrgleisiger Angriff

Der Professor betonte, dass neben der Erkundung aller verfügbaren Möglichkeiten zur alternativen Beschaffung von Nährstoffen der Schwerpunkt auf der Steigerung der Effizienz von Düngemitteln liegen müsse.

Dies umfasse sowohl die Maximierung des Potenzials der Düngemittel selbst als auch Züchtungsprogramme zur Verbesserung der Fähigkeit der Pflanzen, Düngemittel aufzunehmen.

Eine Möglichkeit, dies zu erreichen, besteht aus Sicht des Experten in der Behandlung und Umwandlung von tierischem Dünger durch ein Verfahren, das als REcovered Nitrogen from manURE (RENURE) bekannt ist und von den EU-Mitgliedstaaten gefördert wird.

Für die Landwirt:innen in der EU sollten die Vorschriften gelockert werden, um die Verwendung von mehr rückgewonnenen Nährstoffen aus Gülle zu ermöglichen, forderte er.

Umweltschützer:innen warnen dagegen, dass es keine Sonderregelung geben sollte, da die Eigenschaften des behandelten Düngers und herkömmlicher Gülle „weitgehend gleich“ seien.

„Ich würde darauf achten, dass die Nährstoffextraktion aus Gülle (…) nicht zu einer „Greenwashing“-Übung wird und Anreize bietet, diese Praxis fortzusetzen“, sagte Sara Johansson, eine leitende politische Mitarbeiterin des Europäischen Umweltbüros (EEB), gegenüber EURACTIV.

Darüber hinaus äußerte das EEB Bedenken, dass die Förderung der Rückgewinnung von Nährstoffen aus Gülle den Transport von Nährstoffen aus viehreichen in vieharme Regionen ermöglichen würde.

Auf diese Bedenken angesprochen, warf de Vries, der sich seit 40 Jahren mit dem Thema beschäftigt, den Kritiker:innen „Realitätsferne“ vor.

„Das Problem ist immer, wie gering der Abstand ist, wenn wir von einem Kreislauf sprechen“, sagte er.

De Vries wies darauf hin, dass auf nationaler Ebene die Viehdichte an Orten wie den Niederlanden zwar zu hoch sein könnte, dieses Problem aber durch einen regionalen Ansatz gelöst werde, bei dem die Niederlande zusammen mit den Nachbarländern Belgien und Frankreich betrachtet werden.

[Bearbeitet von Gerardo Fortuna/Zoran Radosavljevic]