Ungarn und Freizügigkeit: "Kein Feiertag, sondern Nachteile"
Der 1. Mai als Start der Freizügigkeit für mittel- und osteuropäische Arbeitskräfte sei für Ungarn kein Grund zum Feiern. Nicht Deutschland, sondern Ungarn habe Nachteile zu befürchten. Welche, das verrät der ungarische Botschafter in Berlin, Josef Czukor.
Der 1. Mai als Start der Freizügigkeit für mittel- und osteuropäische Arbeitskräfte sei für Ungarn kein Grund zum Feiern. Nicht Deutschland, sondern Ungarn habe Nachteile zu befürchten. Welche, das verrät der ungarische Botschafter in Berlin, Josef Czukor.
"Schlechte Nachricht für die deutsche Wirtschaft", vermeldet der ungarische Botschafter in Berlin, Josef Czukor, in einem Gespräch mit Journalisten. "Der 1. Mai bringt keine Einwanderungswelle. Denn die geschätzten Zahlen sind falsch. Die Leute sprechen ja nicht deutsch. Deutsch ist ziemlich schwierig."
Alle qualifizierten ungarischen Arbeitskräfte seien ohnehin längst hier. "Nicht weil sie Lohndumping machen wollen, sondern weil die Deutschen manche Arbeiten nicht mehr machen wollen – oder nicht qualifiziert sind."
Deutsche Investoren müssten zudem aufpassen, dass ihre guten ungarischen Ingenieure in Ungarn bleiben und nicht in die Konzernzentralen abwandern.
Ärztemangel zu erwarten
Eines wird sich aus ungarischer Sicht dramatisch ändern: Die Ärzte werden weggehen. Bisher seien viele ungarische Ärzte nach Norwegen gegangen, obwohl Norwegen gar kein EU-Mitglied sei. "Es ist ungerecht, dass das arme Ungarn das Gesundheitssystem des reichen Norwegen aufrecht erhält." Norwegen tue zu wenig für die eigene medizinische Ausbildung.
Wenn ungarische Ärzte in den Westen wandern und hier den Ärztemangel entschärfen, werden nach Czukors Einschätzung im Gegenzug – wie bei der "Reise nach Jerusalem" (auch "Sesseltanz" genannt) – rumänische und ukrainische Mediziner nach Ungarn ziehen.
Abwanderung von Pflegepersonal
Massiv werde Pflegepersonal werde Ungarn verlassen. "Das ist unser eigener Nachteil!", so Czukor. In Ungarn erfolge die Pflegeausbildung an den Hochschulen und sei fast eine medizinische Ausbildung. "Da gibt es keine Ruckzuck-Ausbildung von drei Monaten."
Wettbewerb um Ausbildung
Einen Effekt habe er beobachtet, wenn er die durchschnittliche Studienzeit in Deutschland von 2001 mit heute vergleiche: "Die jungen Deutschen haben verstanden, dass gut ausgebildete Polen und Ungarn kommen, die ihre Ausbildung nicht mit 30, sondern mit 24 Jahren beenden."
Die Freizügigkeit werde daher zum Wettbewerb um gute Ausbildung führen, aber nicht zu Lohndumping. Damit widerspricht der Diplomat der Befürchtung vieler Kritiker, billige Arbeitskräfte aus den neuen EU-Staaten würden die deutschen und österreichischen Arbeitsmärkte überschwemmen, unter Einheimischen die Arbeitslosigkeit in Westeuropa erhöhen, eine Lohndumpingspirale in Gang setzen und die Sozialstandards untergraben.
Hoffnung auf Rückkehr
"Wer gehen will, kann natürlich gehen – vielleicht für ein paar Jahre. Wir hoffen, sie kommen dann zurück."
"Für uns ist das kein Feiertag", resümiert Czukor zum Ende der siebenjährigen Übergangsfrist und zum 1. Mai als Stichtag der Freizügigkeit. "Man hätte diesen Stichtag schon vor drei, vier Jahren gebraucht." Das derzeitige Jammern in Deutschland wegen des Fachkräftemangels und die Einwanderungsdebatte zeigten, dass die siebenjährige Übergangsfrist nur Populismus gewesen sei.
Die Freizügigkeit gilt für die Staaten, die 2004 beigetreten sind. Bulgaren und Rumänen müssen noch bis 2014 warten, bis auch für sie die Einschränkungen wegfallen und sie in Deutschland und Österreich arbeiten dürfen.
Ewald König
Links
FES-Analyse: Arbeitnehmerfreizügigkeit in der EU
Der Fall Irland. Gerard Hughes (Mai 2011)
IW Köln: Schäfer: Migrations- und Arbeitsmarktwirkung der Arbeitnehmerfreizügigkeit (26. April 2011)
EU-Kommission: Freizügigkeit: Arbeitnehmer aus den 8 Mitgliedstaaten, die 2004 der EU beitraten, endlich vollberechtigt. Pressemitteilung (28. April 2011)
EU-Kommission: Beschäftigung, Soziales und Integration
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