Ungarische Experten von aserbaidschanischem 'Strom-Megadeal' nicht überzeugt

Ungarische Energieexpert:innen sind von den umwelt- und sicherheitspolitischen Versprechen eines neuen, von Brüssel unterstützten Stromkabelprojekts mit Aserbaidschan nicht überzeugt.

EURACTIV.com with Telex
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"Wir werden die längste Unterwasser-Stromübertragungsleitung der Welt bauen, die billige, grüne Energie nach Ungarn bringt", postete Orbán auf Facebook und bezeichnete das Projekt als "Energie-Megadeal".

Ungarische Energieexpert:innen sind von den umwelt- und sicherheitspolitischen Versprechen eines neuen, von Brüssel unterstützten Stromkabelprojekts mit Aserbaidschan nicht überzeugt.

Aserbaidschan erklärte sich am Samstag (17. Dezember) bereit, die Europäische Union über ein Unterwasserkabel, das durch Georgien und Rumänien nach Ungarn führt, mit Strom zu versorgen. Die Vereinbarung wurde in Bukarest unterzeichnet und ist Teil der Bemühungen der EU, nach Moskaus Einmarsch in der Ukraine in Sachen Energieversorgung unabhängiger von Russland zu werden.

„Wir werden die längste Unterwasser-Stromübertragungsleitung der Welt bauen, die billige, grüne Energie nach Ungarn bringt“, schrieb Orbán auf Facebook und bezeichnete das Projekt als „Energie-Megadeal.“

Nach Angaben des ungarischen Außen- und Handelsministers Péter Szijjártó sieht das Abkommen die Schaffung einer 3-Gigawatt-Leistung mit einem 1.195 Kilometer langen Unterwasserabschnitt vor, über den Ökostrom aus in Aserbaidschan erzeugter Windenergie fließen soll, für den Baku derzeit Investoren sucht.

Der Minister sagte, dass die Weltbank eine Machbarkeitsstudie in Höhe von 2,5 Millionen Euro finanzieren werde, die bis Ende 2023 abgeschlossen sein soll, während die Europäische Kommission 2,3 Milliarden Euro für das Projekt bereitgestellt hat, das planmäßig nach weiteren drei bis vier Jahren fertig sein soll.

„Die erneuerbaren Energien sind nicht nur gut für unseren Planeten, sondern sie sind auch heimisch, schaffen gute Arbeitsplätze im eigenen Land [sowie] Unabhängigkeit und Sicherheit in der Energieversorgung“, sagte die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, bei der Unterzeichnung der Absichtserklärung in Bukarest.

Dieses Projekt werde „dazu beitragen, unsere Versorgungssicherheit zu stärken, indem es Strom aus erneuerbaren Quellen über Rumänien und Ungarn in die Europäische Union bringt“, fügte die Kommissionspräsidentin hinzu.

Ungarische Expert:innen stehen dem Projekt jedoch weiterhin skeptisch gegenüber.

Sie befürchten, dass die Stromleitung die Abhängigkeit von Russland durch eine Abhängigkeit von Aserbaidschan ersetzen würde und somit möglicherweise den türkischen Einfluss in einer Region, die anfällig für lokale Konflikte ist, übermäßig vergrößern würde.

Darüber hinaus befürchten Expert:innen, dass die EU ihre Gasimporte aus Aserbaidschan erhöhen und die Einfuhr von Strom ebenfalls zu einer übermäßigen Abhängigkeit statt zu einer Diversifizierung führen könnte.

József Turai, Geschäftsführer von T-Energy Consulting Ltd, erklärte gegenüber Telex, Partnermedium von EURACTIV, er glaube nicht, dass die in Aserbaidschan und Georgien erzeugte Elektrizität trotz der versprochenen Investitionen in die Windkraft wirklich grün sein könne.

Ausgehend von den Zahlen für 2021 machen erneuerbare Energien weniger als fünf Prozent der Stromerzeugung in Aserbaidschan aus.

In Georgien liegt der Anteil der erneuerbaren Energien, vor allem der Wasserkraft, am gesamten Stromerzeugungsmix bei 75 Prozent. Im vergangenen Jahr belief sich die von inländischen Kraftwerken erzeugte Energie jedoch auf 12,6 TWh, während der Verbrauch bei 13,1 TWh lag, was bedeutet, dass Tiflis ein Nettoimporteur von Strom ist.

Um diese Strommenge nach dem Bau des Kabels von Rumänien nach Ungarn zu transportieren, müsste wahrscheinlich eine neue Übertragungsverbindung zwischen zwei EU-Mitgliedstaaten genehmigt und in das ENTSO-E-System, den europäischen Verband für die Zusammenarbeit der Übertragungsnetzbetreiber, integriert werden, so Turai.

Im regional gekoppelten Strommarkt der EU gibt es nämlich keine langfristige Kapazitätsreservierung, sondern nur eine kurzfristige algorithmische Zuweisung, und es wäre nicht möglich, die bereits knappe Übertragungskapazität der bestehenden Übertragungsleitung zwischen Rumänien und Ungarn physisch umzuverteilen.

Nach dem Einmarsch Moskaus in der Ukraine hat die EU ihre Zusammenarbeit mit dem stark regierten Aserbaidschan im Energiebereich zunehmend intensiviert. Skeptiker:innen warnen jedoch, dass dies seinen Preis hat: eine erhöhte Abhängigkeit von einem Land, das in einen militärischen Konflikt verwickelt ist und in der jüngeren Vergangenheit durch Bestechung und Korruption in Europa aufgefallen ist.