Umweg per DDR-Interflug
Regelmäßiger und direkter Flugverkehr zwischen den beiden deutschen Staaten – undenkbar! Doch im Spätsommer 1989, drei Monate vor dem Fall der Mauer, ist es Wirklichkeit. Als Korrespondent einer österreichischen Zeitung fliege ich erstmals mit der ostdeutschen "Interflug" von der Bundesrepublik in die DDR. Und alle - die Lufthansa-Damen, der Taxifahrer, die Passagiere - alle finden das aufregend. Nur die Interflug-Stewardessen nicht, sie waren angewidert und peinlich berührt.
Regelmäßiger und direkter Flugverkehr zwischen den beiden deutschen Staaten – undenkbar! Doch im Spätsommer 1989, drei Monate vor dem Fall der Mauer, ist es Wirklichkeit. Als Korrespondent einer österreichischen Zeitung fliege ich erstmals mit der ostdeutschen „Interflug“ von der Bundesrepublik in die DDR. Und alle – die Lufthansa-Damen, der Taxifahrer, die Passagiere – alle finden das aufregend. Nur die Interflug-Stewardessen nicht, sie waren angewidert und peinlich berührt.
Den Fluglinien beider deutscher Staaten war es verboten, die militärische Kontrollzone an der gemeinsamen Grenze zu überfliegen. Die Nutzung der Flugkorridore nach Berlin war sowohl der Lufthansa als auch der Interflug untersagt. Also mussten die Maschinen, wenn sie ins Nachbarland wollten, einen großen Umweg fliegen, um die deutsch-deutsche Grenze zu meiden.
Wenn die Interflug von Düsseldorf oder die Lufthansa von Frankfurt aus nach Leipzig flogen, mussten sie die Route über die Tschechoslowakei wählen. Der Direktflug Düsseldorf-Leipzig ging also über Prag. Das verlängerte die Flugzeit um mehr als das Doppelte. Die Kerosinverschwendung gehörte zum Ausfluss der deutsch-deutschen Beziehungen wie andere Merkwürdigkeiten auch.
Abenteuer am Airport
Das Abenteuer beginnt bereits am Lufthansa-Schalter in Bonn. Mit der Interflug von Düsseldorf nach drüben? Der Computer reagiert auf das Stichwort Interflug störrisch. Die Bonner Frau am Bildschirm ist ratlos, erzählt, dass ihre Mutter "drüben" in Potsdam lebt, und lässt beim Kollegen aus Berlin rückfragen. Manuell bearbeiten, kommt als Anweisung zurück. Alle Mitarbeiterinnen des Bonner Lufthansa-Büros schauen ihr über die Schulter, jede gibt andere Tipps. "Wissen Sie, Sie sind unser Jungfernflug nach Leipzig", entschuldigt sich die Schalterdame und zieht die Lufthansa-Jacke aus.
Auch für den Taxifahrer ist es eine Jungfernfahrt, als er den Düsseldorfer Flughafen ansteuert. Mit der Interflug ist in seinen 25 Berufsjahren noch kein Fahrgast geflogen. Misstrauisch fragt er: "Sind Sie etwa aus der DDR?" Zugleich interessiert er sich für die Preise. Denn seine 83-jährige Tante aus Leipzig fliege so gern. Die umgerechnet knapp 400 Euro Normaltarif (während der Leipziger Messezeit) schrecken ihn ab, den Sondertarif von umgerechnet 210 Euro findet er in Ordnung.
Vor der Abflughalle zeigt neben den Lufthansa-Hinweisen sogar ein "Interflug"-Schild den Weg zum Schalter der DDR-Fluglinie. Aber da ist nichts. Außer dem Bord-Journal ist nichts zu sehen. Schon gar kein Hinweis, wohin man sich vor dem Abflug zu wenden habe. Man fragt sich durch, das Check-in erledigt schließlich die Lufthansa.
Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" und "Die Welt" – ausgerechnet die Springer-Zeitung, die erst kurz zuvor von „DDR“ auf DDR umgestiegen ist – liegen beim Einstieg in die TU-134 auf. "Berliner Zeitung", "Leipziger Volkszeitung" und "Junge Welt", das Blatt der FDJ, findet man erst im Inneren an der Kabinenwand.
Klassenlose Gesellschaft
Die 19 Passagiere, die Freitag mittag beim Flug IF 623 auf engen Sitzen aufs Abheben warten, sind eine klassenlose Gesellschaft. Interflug kennt keine Klassen, außer die von Nichtrauchern und Rauchern. Ein "Pilsner spezial" tröstet über die mehr als einstündige Startverzögerung hinweg. Der Luftraum sei überfüllt, heißt es entschuldigend.
Um für die Leipzig-Flüge überhaupt die Genehmigung zu erhalten, musste sich die DDR-Linie verpflichten, von der Messestadt aus keinen Anschlussverkehr nach Berlin-Schönefeld anzubieten. Der Flugverkehr nach Berlin-Tegel und damit die einzige von der DDR und der Sowjetunion nicht zu kontrollierende Verbindung nach Westberlin sollte nicht beeinträchtigt werden.
Für den damaligen Lufthansa-Chef Heinz Ruhnau war der Leipzig-Verkehr "ein kleiner pragmatischer Schritt zu einem innerdeutschen Luftverkehrsabkommen". Und damit auch ein Schritt zu einer Berlin-Genehmigung. Den deutsch-deutschen Linienverkehr nach Berlin verboten nämlich auch 44 Jahre nach Kriegsende immer noch die Alliierten.
Einem Berlin-Verkehr hätten die Alliierten zustimmen müssen, die die Oberhoheit über die Luftkorridore nach Berlin innehatten. Bisherige Vorstöße der Lufthansa waren vor allem an den Amerikanern gescheitert, weniger an den Briten und Franzosen. Immerhin haben die Linien der Alliierten ein hervorragendes Geschäft verloren. Briten, Franzosen und Amerikaner hatten praktisch ein Monopol bei den Flügen von und nach Berlin.
Für DDR-Bürger tabu
Die Lufthansa hatte ihren Betrieb zwischen Frankfurt und Schkeuditz bei Leipzig mit einer nagelneuen Boeing 737-300 aufgenommen. Der Umweg über die CSSR verlängerte den Luftweg von 310 auf 700 Kilometer. Doch immerhin: Im Luftraum bekam die Grenze erste Risse – auch wenn DDR-Bürger noch lange nicht mitfliegen durften.
Die neue deutsch-deutsche Verbindung war auch für das Flugpersonal eine Herausforderung, "aber eine peinliche". Über der Sächsischen Schweiz, kurz vor der Landung, beklagt sich eine Stewardess über die "vielen provokanten Fluggäste" aus Westdeutschland, die in arrogantem Tonfall beispielsweise den strengen Geruch der Desinfektionsmittel in den Interflug-Maschinen bemängeln. "Da stehen wir wirklich Auge in Auge mit Leuten aus dem anderen System", sagt sie.
Ewald König, Chefredakteur von EURACTIV.de, war zu Zeiten der Wende Deutschland-Korrespondent der österreichischen Zeitung DIE PRESSE. Für die Leser von EURACTIV schildert er in einer Serie, was er vor zwanzig Jahren erlebt hat.
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