Ukrainisches Getreide trifft über EU-"Solidaritätskorridore" kaum in bedürftigen Ländern ein

Während die "Solidaritätskorridore" der EU dazu beigetragen haben, die ukrainischen Getreideexporte zu steigern, bleibe der Großteil des Weizens in den benachbarten EU-Ländern hängen und erreiche kaum die Drittländer, die ihn benötigen, so die Europäische Kommission.

EURACTIV.com
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Die "Solidaritätskorridore" - eine Reihe von Maßnahmen zur Erleichterung von Getreideexporten aus der Ukraine in Drittländer über die EU - laufen nun schon seit zwei Monaten. [<a href="https://www.shutterstock.com/it/image-photo/freight-train-passes-by-wheat-field-1784959970" target="_blank" rel="noopener">[SHUTTERSTOCK/ATTRACTIONART]</a>]

Während die „Solidaritätskorridore“ der EU dazu beigetragen haben, die ukrainischen Getreideexporte zu steigern, bleibe der Großteil des Weizens in den benachbarten EU-Ländern hängen und erreiche kaum die Drittländer, die ihn benötigen, so die Europäische Kommission.

Während einer gemeinsamen Sitzung der Landwirtschafts- und Verkehrsausschüsse des Europäischen Parlaments erklärte die Kommission am Montag (11. Juli), trotz der gestiegenen Exporte aufgrund der Initiative der EU habe sich die gesamte Struktur der Exporte verändert und der Weizen aus der Ukraine erreiche kaum noch die vorgesehenen Zielländer.

Die Initiative der Solidaritätskorridore – eine Reihe von Maßnahmen zur Erleichterung von Getreideexporten aus der Ukraine in Drittländer über die EU – läuft nun seit zwei Monaten.

Ziel ist die Unterstützung der Ukraine bei der Ausfuhr von Getreide in Drittländer – insbesondere in Afrika und im Nahen Osten -, die in hohem Maße von ukrainischem Weizen abhängig sind.

Zu den eingeleiteten Maßnahmen gehörten erleichterte bürokratische Verfahren für Transporte mit ukrainischem Getreide sowie die Steigerung der Exporte über alle verfügbaren Mittel und Routen, um die Blockade der Schwarzmeerhäfen zu umgehen.

Dies habe in der Tat dazu beigetragen, dass die Ausfuhren im Juni auf 2,47 Millionen Tonnen Getreide gestiegen sind, gegenüber 1,7 Millionen im Mai. Die Struktur der Ausfuhren und die Art und Weise, wie sie stattfinden, führe jedoch zu einem „Marktversagen“, wie der konservative Abgeordnete und Vorsitzende des Agrarausschusses Norbert Lins feststellte.

Lins, der vor kurzem die ukrainisch-polnische Grenze besucht hatte, um zu sehen, wie die „Solidaritätsspuren“ funktionieren, fügte hinzu, lediglich 138.000 Tonnen Weizen hätten die Grenzen zu Rumänien und Polen passiert.

Die beiden Grenzen seien aktuell der Schlüssel für die Exporte aus der Ukraine, aber kaum etwas erreiche den endgültigen Bestimmungsort – Drittländer, in denen die Nahrungsmittelkrise besonders schlimm ist.

Aktuell hat Mais in der Exportstruktur Vorrang vor Weizen, da der Großteil des Weizens in der Ukraine in Silos, in Häfen oder in besetzten Gebieten festsitzt.

„Unter diesen Umständen konzentrieren sich die Händler:innen und Landwirt:innen in der Ukraine auf das, was sie bewegen können. Und das ist Mais“, erklärte Michael Scannell, stellvertretender Generaldirektor der Generaldirektion Landwirtschaft der Kommission.

Er fügte hinzu, dass es jedoch nicht nur um die Verfügbarkeit von Weizen gehe, sondern auch um seine Bezahlbarkeit. „Die beiden Grundnahrungsmittel sind sehr eng miteinander verbunden. Aber im Großen und Ganzen kann man Weizen auf dem Markt kaufen. Die Frage ist nun, wie viel man bereit ist, dafür zu bezahlen“, sagte er.

Getreide verbleibt auf lokalen EU-Märkten

Ein weiteres Problem, das der Vertreter der Kommission ansprach, ist die Tatsache, dass ukrainisches Getreide nach seiner Ankunft in Europa auf Märkten festsitze, auf denen es zuvor traditionell nicht verkauft wurde, was sich auf die Landwirt:innen vor Ort auswirke.

Zu den traditionellen Abnehmern von ukrainischem Mais gehörten beispielsweise Italien, Portugal, Spanien und in geringerem Maße auch die Niederlande. Dieses Erzeugnis wird größtenteils für die Viehzucht verwendet, da diese Länder ein strukturelles Defizit an Futtermitteln aufwiesen.

Nun wird dieser Mais in wesentlich geringeren Mengen in Nachbarländer geliefert, in denen er früher nicht gehandelt wurde. Scannell erläuterte, dass dies natürlich Auswirkungen auf die lokalen Märkte habe, wenn auch nicht unbedingt in Bezug auf die Preise.

Viele Getreidesorten, die jetzt die Ukraine verlassen, würden in relativ geringem Umfang verkauft, sodass sie für große Händler:innen uninteressant seien und auf die lokalen Märkte gelangen, wo sie zu niedrigeren Preisen gehandelt würden, erklärte er. Dies habe dann einen unverhältnismäßigen Einfluss auf die Preise hat.

Nichtsdestotrotz betonte die Kommission die Bedeutung der „Solidaritätskorridore“, um die Spannungen auf den globalen Märkten abzubauen und der Ukraine zu helfen, diese schwierige Zeit zu überstehen, damit ihre Landwirt:innen weiterhin produzieren und ihre eigene Bevölkerung ernährt wird.

Maja Bakran Marcich, stellvertretende Generaldirektorin der Generaldirektion Verkehr der Kommission, wies auch auf digitale Lösungen hin, wie die vom Enterprise Europe Network unterstützte EU-Ukraine Business Matchmaking Plattform, die kleinen und mittleren Unternehmen Unterstützung bietet und aus dem Horizon 2020 Programm der EU kofinanziert wird.

Die Plattform ermöglicht es Unternehmen, sich zu registrieren und ihre Nachfragen oder Angebote für Transportdienstleistungen zu veröffentlichen. Anschließend können sie in Kontakt treten und Verträge unterzeichnen. Mehr als 580 Unternehmen sind inzwischen auf der Plattform aktiv.

[Bearbeitet von Gerardo Fortuna/Nathalie Weatherald]