Ukrainische Lebensmittelproduktion kämpft um Unterstützung
Letzte Woche fand die Konferenz zum Wiederaufbau der Ukraine statt. Die Frage, wie der ukrainische Agrar- und Lebensmittelsektor inmitten des russischen Krieges unterstützt werden kann, blieb dennoch unbeantwortet, so der Präsident des Ukrainian Agribusiness Club (UCAB).
Letzte Woche fand die Konferenz zum Wiederaufbau der Ukraine statt. Die Frage, wie der ukrainische Agrar- und Lebensmittelsektor inmitten des russischen Krieges unterstützt werden kann, blieb dennoch unbeantwortet, so der Präsident des Ukrainian Agribusiness Club (UCAB).
Die Situation des ukrainischen Agrar- und Lebensmittelsektors werde „vielversprechender,“ erklärte der Präsident des Ukrainian Agribusiness Club, Alex Lissitsa, in einem Interview mit Euractiv. Dennoch müsse das Land ein effektiveres Geschäftsökosystem schaffen und den Personalmangel lösen, um die Lebensmittelproduktion zu gewährleisten.
Zu den Mitgliedern des Clubs gehören neben ukrainischen Unternehmen auch internationale Firmen, darunter große Unternehmen wie Danone, Pepsico und Bayer.
Internationale Führungspersönlichkeiten – wie EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj und Bundeskanzler Olaf Scholz – sowie Wirtschaftsvertreter trafen sich am 11. und 12. Juni in Berlin. Dort erörterten sie, wie Kyjiw beim Wiederaufbau unterstützt werden kann.
Die Landwirtschaft war zwar ein Thema, doch Lissitsa sagte, die Frage, wie man während des Krieges private Investitionen in die Landwirtschaft anziehen könne, sei „nicht beantwortet“ worden.
Die ukrainische Agrar- und Lebensmittelindustrie sieht sich seit Beginn der russischen Invasion im Jahr 2022 mit zahlreichen Herausforderungen konfrontiert. Dazu gehören die Zerstörung von landwirtschaftlichen Betrieben und landwirtschaftlichen Geräten, die Erhöhung der Produktionskosten, der Mangel an Arbeitskräften und die Kontaminierung durch Landminen.
Einer Studie der Kyjiwer School of Economics und der Weltbank zufolge belaufen sich die Schäden und Verluste in der ukrainischen Landwirtschaft seit Beginn des Krieges auf rund 75 Milliarden Euro.
Der Gesamtbedarf für den Wiederaufbau in den nächsten zehn Jahren wird auf 52 Milliarden Euro geschätzt.
Lissitsa sagte, dass die Unternehmen der Agrar- und Lebensmittelindustrie Schwierigkeiten hätten, die notwendigen Garantien für den Zugang zu Finanzinstrumenten zu geben.
„Die meisten landwirtschaftlichen Unternehmen in der Ukraine haben ihre Vermögenswerte verloren – oder [sie] sind nichts mehr wert.“
Ihm zufolge erschweren die derzeitigen Anforderungen für Kredite und andere Finanzinstrumente die Finanzierung kleiner und mittlerer Unternehmen noch weiter.
Arbeitskräftemangel
Einem kürzlich erschienenen Bericht der humanitären Hilfsorganisation Mercy Corps zufolge ist der Mangel an Arbeitskräften neben der unzuverlässigen Stromversorgung eines der Hauptprobleme für kleine landwirtschaftliche Betriebe in der Ukraine.
Lissitsa wies auf ein „riesiges Defizit“ an Arbeitskräften hin, vor allem in ländlichen Gebieten. Er erklärte, dass es für Arbeiter in kleineren Betrieben schwieriger sei, von der Entsendung an die Front befreit zu werden.
Letztes Jahr führte die Ukraine ein Gesetz ein, das Arbeitnehmer in „kritischen Industrien“, zu denen auch die Landwirtschaft zählt, von der Mobilisierung befreit. Allerdings galt die Befreiung nicht für alle in der Landwirtschaft Beschäftigten.
Ursprünglich waren nur Betriebe mit mehr als 1.000 Hektar und mindestens 50 Beschäftigten befreit. Später wurde das Gesetz dahingehend geändert, dass auch Betriebe mit einer Fläche zwischen 500 und 1.000 Hektar und mindestens 20 Beschäftigten freigestellt wurden.
Fokus auf Exporte
Trotz der bevorstehenden Herausforderungen, so Lissitsa, werde der ukrainische Agrar- und Lebensmittelsektor dank der Normalisierung der Exportwege immer attraktiver.
Der einseitige Austritt Russlands aus dem von den Vereinten Nationen ausgehandelten Abkommen zur Sicherung der Handelswege für Lebensmittel im Schwarzen Meer erschütterte im vergangenen Jahr die Exporte Kyjiws.
Die erneuerte Kontrolle der Ukraine über das Schwarze Meer und neue Versicherungsmodelle haben es der Ukraine jedoch ermöglicht, den Schiffsverkehr wieder aufzunehmen.
Anfang dieses Jahres übertrafen die ukrainischen Exporte durch den Schwarzmeerkorridor die Werte, die unter der UN-Initiative erreicht wurden, so der Forschungsdienst des EU-Parlaments.
„Wir haben [jetzt] die Möglichkeit, über den Hafen von Odessa – den größten am Schwarzen Meer – zu exportieren, [was] bedeutet, dass die Logistikkosten nicht so hoch sind wie im letzten Jahr“, erklärte Lissitsa.
Auch die Landwege durch die EU-Mitgliedstaaten bieten heute ein positiveres Bild. Die Proteste an der ukrainischen Grenze zu Polen wegen der Handelsliberalisierungen wurden im April beendet.
Die ukrainischen Agrar- und Lebensmittelunternehmen bleiben jedoch vorsichtig.
Lissitsa sagte, dass die Ladungen zwar jetzt die polnische Grenze „ohne Probleme“ passieren könnten. Die Unternehmen sähen dies jedoch nicht als selbstverständlich an und würden lieber andere Exportrouten wählen.
Seiner Meinung nach seien Staaten wie Ungarn und Rumänien auf lange Sicht „berechenbarer.“
[Bearbeitet von Angelo Di Mambro/Zoran Radosavljevic/Kjeld Neubert]