Ukraine: zwischen Medienfreiheit und nationalen Sicherheitsinteressen
Angesichts mehrerer mutmaßlicher Angriffe auf zivile und militärische Ziele, die auf die Veröffentlichung von Daten über diese Ziele folgten, werden die Forderungen nach Einhaltung der journalistischen Ethik bei der Berichterstattung aus der Ukraine immer lauter.
Angesichts mehrerer mutmaßlicher Angriffe auf zivile und militärische Ziele, die auf die Veröffentlichung von Daten über diese Orte durch Journalisten folgten, werden die Forderungen nach Einhaltung der journalistischen Ethik bei der Berichterstattung aus der Ukraine immer lauter.
Da die Ukraine aufgrund der Preisgabe von sicherheitsrelevanten Informationen durch Journalisten vermehrt versucht, die Berichterstattung über strategisch wichtige Kriegsschauplätze in Zaun zu halten, hat sich auch Reporter ohne Grenzen (RSF) in die Debatte eingeschalten.
Dieser fordert die ukrainischen Behörden auf, die Zugangsbeschränkungen zu bestimmten Gebieten des Landes aufzuheben, nachdem es Berichte über die Inhaftierung einiger Journalist:innen gab.
„Beschränkungen im Zusammenhang mit der nationalen Sicherheit sind legitim, müssen aber verhältnismäßig sein. In Anbetracht der vor Ort beobachteten Eingriffe fordern wir die ukrainische Regierung auf, klare Richtlinien zu den Bedingungen für die Berichterstattung zu erlassen und sicherzustellen, dass diese von allen beteiligten Kräften eingehalten werden“, so die Organisation RSF in einer Erklärung.
In der Ukraine gibt es schätzungsweise 9.000 vor Ort akkreditierte Reporter:innen. Aufgrund der schwierigen Situation von Ort wird von ihnen erwartet, dass sie keine Namen von Einheiten oder deren Standorte preisgeben, keine militärischen Einrichtungen filmen oder dass sie mehrere Stunden warten, bevor sie über Raketenangriffe oder Bombardierungen berichten.
Ende Juni rief Präsident Wolodymyr Selenskyj Journalist:innen dazu auf, bei der Berichterstattung aus dem Land verantwortungsvoll vorzugehen, und wies auf „enorme Risiken“ hin. Er sagte, die russischen Streitkräfte könnten die von den Medien veröffentlichten Informationen nutzen, um Angriffe zu planen.
TF1 unter Beschuss
Am 20. Juni beschuldigten zwei polnische Journalist:innen den französischen Sender TF1, die Position der ukrainischen Armee im Donbass verraten zu haben, was einen Todesfall zur Folge hatte.
Am 17. Juni strahlte TF1 einen Bericht mit dem Titel „Donbas: Drohnen gegen russische Panzer“ aus, der in der Woche zuvor von einer ukrainischen Luftaufklärungseinheit gedreht worden war.
Französische Journalisten filmten ukrainische Vorposten und russische Panzer mitten in den Rapsfeldern des Donbas sowie einen Gefechtsstand der ukrainischen Drohneneinheit, in dem eine beschriftete topografische Karte gefilmt wurde und scharf auf dem Bildschirm zu sehen ist.
„Wir haben bereits zwei Panzer zerstört, hier und hier. Meine Stellungen sind hier, Sie waren vorhin hier. Und von hier aus starten normalerweise meine Drohnen“, erklärt einer der Soldaten dem Kamerateam und zeigt mit seinem Bleistift auf die Karte.
Zu Beginn des Berichts wird dem französischen Publikum auch „Kek“ vorgestellt, der die Aufklärungsdrohnen im Feld flog. Er wurde am 18. Juni unter schwerem Bombardement getötet, 24 Stunden nachdem die Bilder gesendet wurden.
„Er starb unter russischem Beschuss, nachdem französische Journalisten […] ukrainische Stellungen aufgedeckt hatten“, schrieb der polnische Journalist Mateusz Lachowski auf seinem Twitter-Account.
„Die französischen Reporter […] versprachen, dass sie Bilder, die [Keks] Positionen zeigen könnten, unkenntlich machen oder nicht zeigen würden […] Leider haben sie ihr Wort nicht gehalten“, fügte er auf Facebook hinzu.
Ein zweiter Journalist, der zusammen mit Lachowski das französische Filmteam vor Ort traf, bestätigte diese Vorwürfe in einem am selben Tag auf Onet veröffentlichten Kommentar.
„Nach der Ausstrahlung fielen russische Raketen auf die Stellungen der Soldaten. Einer meiner Soldatenfreunde starb, der andere liegt im Krankenhaus“, schrieb Marcin Wyrwał.
Das Faktencheck-Team von Libération, Checknews, konnte den Tod des ukrainischen Soldaten bestätigen und identifizierte ihn als Juri „Kek“ Koptschak.
„Er wurde an der Stelle getötet, an der die französischen Journalisten gefilmt haben“, sagte Mateusz Lachowski gegenüber Checknews.
Zwei verschiedene Versionen
TF1 bestreitet jede Verantwortung und sagte, der Ort, an dem Kek starb, sei 35 km vom Drehort entfernt.
Der stellvertretende Chefredakteur Guillaume Debré wies auch die Vorwürfe der polnischen Journalisten zurück, der Sender habe sensibles Material ohne Unschärfe ausgestrahlt. „Es gab keine Anfrage der ukrainischen Armee, das Material [vor der Ausstrahlung] zu sichten“, sagte er.
Checknews wies jedoch darauf hin, dass dies wahrscheinlich nicht der Fall sei.
Die ukrainische Botschaft in Frankreich, die von Checknews kontaktiert wurde, erinnerte daran, dass es klare Anweisungen gibt, nichts zu filmen, was auf die Lage der militärischen Einrichtungen des Landes hinweisen könnte, einschließlich Landkarten, und forderte eine „kollektive Verantwortung.“
Dies war jedoch nicht der erste Vorfall dieser Art.
Am 15. Juni schlug eine russische Rakete mithilfe von Online-Ermittlern in Kyjiw ein. Eine Panzerfabrik im Osten der Stadt wurde mit Präzisionsraketen getroffen, wobei mindestens drei Zivilisten getötet wurden.
Der Angriff erfolgte, nachdem ein ukrainischer Nachrichtensender einen Bericht darüber ausgestrahlt hatte, wie die Fabrik erbeutete russische Ausrüstung für den Einsatz durch die ukrainische Armee umrüstete. Tage später wurde die Anlage zerstört.
Während diese Risiken die ukrainischen Behörden offenbar dazu veranlasst haben, gegen journalistische Aktivitäten vorzugehen, mahnt RSF zu Zurückhaltung.
„In einem demokratischen Land ist ein Krieg kein Grund, die Arbeit von Journalist:innen zu behindern“, sagte Jeanne Cavelier, Leiterin der RSF-Abteilung Osteuropa und Zentralasien.
RSF wies auf mehrere Berichte von Reporter:innen hin, denen der Zutritt zum Feld verwehrt wurde, die an Kontrollpunkten festgehalten und unter Druck gesetzt wurden, Propaganda zu veröffentlichen.
Veronique de Viguerie, eine französische Fotojournalistin, erzählte RSF, dass sie sich immer unter Druck gesetzt fühlte, ukrainische Soldaten als Opfer und nicht als Angreifer darzustellen.
„Die ukrainischen Behörden sehen ausländische Journalist:innen eher als Vermittler von Beziehungen denn als Träger von Informationen“, sagte eine andere Reporterin, die anonym bleiben möchte. „Ich wurde mehrere Stunden lang von örtlichen Milizen festgehalten und dann vom SBU [Sicherheitsdienst der Ukraine] wegen harmloser Fotos verhört, obwohl meine Akkreditierung in Ordnung war.“
RSF erkannte den sensiblen Charakter der Kriegsberichterstattung an und wies darauf hin, dass die Reporter:innen ihr Leben riskierten. Die ukrainischen Behörden sollen laut RSF unnötige Hindernisse für die Medien beseitigen.
[Bearbeitet von Luca Bertuzzi/Nathalie Weatherald]