Ukraine will kriegsgebeutelte Tierhaltung fit für EU-Markt machen
Trotz schwerer akuter Probleme im ukrainischen Tierhaltungssektor infolge des russischen Angriffskriegs will die Regierung die Branche darauf vorbereiten, deutlich stärker auf den europäischen Markt zu exportieren.
Trotz schwerer akuter Probleme im ukrainischen Tierhaltungssektor infolge des russischen Angriffskriegs will die Regierung die Branche darauf vorbereiten, deutlich stärker auf den europäischen Markt zu exportieren.
Obwohl viele Ställe und andere Anlagen im Land zerstört seien und Höfe sich in besetzten oder umkämpften Gebieten befänden, arbeite man daran, den Weg freizumachen für mehr Exporte tierischer Erzeugnisse in EU-Länder, erklärten Vertreter:innen des ukrainischen Agrarministeriums bei einer Veranstaltung im Rahmen der Tierhaltungsmesse EuroTier am Mittwoch (16. November) in Hannover.
Man werde den Sektor “weiterentwickeln und die Integration in die Europäische Union sicherstellen”, betonte der stellvertretende Agrarminister Taras Vysotskyi.
Die EU hatte der Ukraine im Juni dieses Jahres den Status eines Beitrittskandidaten verliehen.
Bis zum tatsächlichen Start von Beitrittsgesprächen liegt allerdings noch ein komplexer Prozess vor Kyjiw, der sich nach Ansicht von Beobachter:innen noch Jahre hinziehen dürfte und bei dem die Ukraine bestimmte Bedingungen erfüllen muss. Dabei geht es unter anderem um die Harmonisierung der nationalen Gesetzgebung mit derer der EU.
Man arbeite “intensiv” an der Anpassung nationaler Gesetze im Bereich der Tierhaltung an EU-Recht, um sicherzustellen, dass ukrainische Erzeugnisse den Anforderungen für die Einfuhr in den europäischen Binnenmarkt gerecht werden, betonte Olena Dadus aus der Abteilung Tierproduktion des ukrainischen Ministeriums während der Veranstaltung.
Kyjiw erhoffe sich davon die Erschließung neuer Absatzmärkte in der EU, fügte sie hinzu.
Zollfreie Einfuhr in die EU?
Um die ukrainische Wirtschaft angesichts des Krieges zu unterstützen, hatte die EU außerdem im Mai entschieden, alle Zölle und Kontingente für ukrainische Exporte in EU-Länder, einschließlich landwirtschaftlicher Erzeugnisse und Lebensmittel, vorerst für ein Jahr auszusetzen.
Aus Sicht von Andrey Dykun, Präsident des Branchenverbands Ukrainian Agri Council, sollte die Zollbefreiung jedoch noch wesentlich länger gelten.
Die Aussetzung der Zölle sei ein “sehr wichtiger” Schritt, könne aber seitens der ukrainischen Erzeuger:innen wegen des Krieges aktuell kaum genutzt werden, betonte Dykun. Er hoffe, dass die Maßnahme mindestens zehn Jahre lang beibehalten werde.
Ob Tierhalter:innen in der EU mit der zusätzlichen Konkurrenz durch zollfreie Einfuhren aus der Ukraine begeistert wären, ist allerdings fraglich.
Bereits jetzt stünden Erzeuger:innen in EU-Ländern der Aussicht oft skeptisch gegenüber, dass die Ukraine ihre Exporte ausbauen und so den Wettbewerb in der EU verstärken könnte, erklärte Dadus.
Die Exporte aus der Ukraine würden sich jedoch mengenmäßig ohnehin in einer Größenordnung bewegen, die sie nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung zum innereuropäischen Angebot positioniere, mit der auf zusätzliche Nachfrage reagiert werden könne, argumentierte sie.
Dies müsse den europäischen Partnern klar kommuniziert werden.
Vorerst jedoch stellt der russische Angriffskrieg Tierhalter:innen in der Ukraine weiter vor große Herausforderungen.
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Über ein Fünftel des gesamten ukrainischen Bestandes und Rindern und Schweinen befindet sich nach Angaben des Ministeriums in aktiv umkämpften oder von Russland besetzten Gebieten, viele Anlagen sind zerstört worden.
In der Geflügelbranche führten weitreichende Schäden an Höfen rund um Kherson und Donetsk im Osten des Landes laut Dadua zuletzt zu massiven Preissteigerungen bei Produkten wie Eiern.
“Ich glaube nicht, dass jemand in Europa so etwas schon mal erlebt hat: tausende Hühner, die um den Hühnerstall herumlaufen und nach Futter suchen”, sagte der Landwirt Viktor Scheremata vom ukrainischen Verband kleiner Agrarproduzenten während der Veranstaltung. “Die Ukraine hat genau das erlebt – hoffentlich zum letzten Mal.”
Zudem ist die Tierhaltung, die zum Betrieb der Ställe auf eine ständige Versorgung mit Wärme, Licht und Strom angewiesen ist, von den aktuellen Angriffen Russlands auf die ukrainische Energieinfrastruktur besonders betroffen.
“Laut Prognose stehen uns zehn Grad minus bevor, Frost. Das erschwert die Tätigkeit der Tierhaltungsunternehmen, insbesondere der Geflügelhöfe”, warnte Scheremata.
Sowohl die Vertreter:innen des Ministeriums als auch Dykun vom Ukrainian Agri Council riefen deshalb die europäischen Partnerländer auf, Generatoren zur Verfügung zu stellen, die Netzausfälle überbrücken könnten.
Kleine Lichtblicke gibt es aber doch: So sei man bereits jetzt wieder dazu in der Lage, im Inland wenigstens den Minimalbedarf an Fleisch aus ukrainischer Produktion zu decken, erklärte Dadus.
Aus Sicht des deutschen Experten für internationale Fleischmärkte Josef Efken vom Thünen-Institut könnte die Ukraine in einer Hinsicht sogar von den russischen Angriffen profitieren: Das gute Image und die Sympathie, die das Land seit der Invasion international aufgebaut habe, könne für die Tierhaltung beim Eintritt auf internationale Exportmärkte einen Startvorteil bieten, erklärte er.