Ukraine weiter unter schwerem Beschuss

Russische Streitkräfte haben am Samstag (26. Februar) den dritten Tag in Folge ukrainische Städte, darunter die Hauptstadt Kyjiw, mit Artillerie und Marschflugkörpern beschossen. Die russische Nachrichtenagentur Interfax meldete, russische Truppen hätten die südöstliche Stadt Melitopol eingenommen.

EURACTIV mit Reuters
Situation in Ukraine after beginning of Russian attack
Der Kyjiwer Bürgermeister Vitali Klitschko erklärte, bei den nächtlichen Kämpfen in der Stadt seien 35 Menschen, darunter zwei Kinder, verwundet worden. [SERGEY DOLZHENKO/EPA-EFE]

Russische Streitkräfte haben am Samstag (26. Februar) den dritten Tag in Folge ukrainische Städte, darunter die Hauptstadt Kyjiw, mit Artillerie und Marschflugkörpern beschossen. Die russische Nachrichtenagentur Interfax meldete, russische Truppen hätten die südöstliche Stadt Melitopol eingenommen.

Ukrainische Beamte waren nicht sofort verfügbar, um sich zum Schicksal von Melitopol zu äußern. Der britische Verteidigungsminister James Heappey zweifelte den Bericht an und erklärte, die Stadt mit ihren rund 150.000 Einwohner:innen sei noch immer in ukrainischer Hand.

„Alle russischen Angriffsziele des ersten Tages (…) und sogar Melitopol, das die Russen angeblich eingenommen haben, für das es aber keine Beweise gibt, sind noch in ukrainischer Hand“, sagte er im BBC-Radio.

Westlichen Geheimdienstquellen zufolge sind die russischen Streitkräfte auf einen weitaus stärkeren ukrainischen Widerstand gestoßen als erwartet, was ihren Vormarsch seit Beginn der Invasion am Donnerstag erheblich verlangsamt hat.

Sollte sich der Interfax-Bericht über Melitopol, der sich auf das russische Verteidigungsministerium beruft, bestätigen, wäre dies das erste größere Bevölkerungszentrum, das Russland eingenommen hätte.

Mindestens 198 Ukrainer:innen, darunter drei Kinder, seien bisher bei der russischen Invasion getötet und 1.115 Menschen verwundet worden, zitierte Interfax das ukrainische Gesundheitsministerium. Unklar bleibt, ob es sich dabei nur um zivile Opfer handelt.

Der Kyjiwer Bürgermeister Vitali Klitschko erklärte, bei den nächtlichen Kämpfen in der Stadt seien 35 Menschen, darunter zwei Kinder, verwundet worden.

Laut Klitschko gebe es derzeit keine größere russische Militärpräsenz in Kyjiw, es seien jedoch Saboteure aktiv. Das U-Bahn-System funktioniere nur noch als Schutzraum für die Bewohner:innen der Stadt, und der Zugverkehr sei eingestellt worden, sagte er.

Russland habe seine Taktik geändert, sagte auch der ukrainische Verteidigungsminister nach Angaben der ukrainischen Zeitung Kyiv Independent. Die russischen Truppen hätten den Angriffsversuch mit schweren Geschützen unterbrochen und setzten nun stattdessen auf Sabotage und Angriffe durch Fallschirmjäger, zitierte die Zeitung den Minister.

Im Kyjiwer Stadtzentrum gab es Anzeichen von Panik. Reuters-Reporter sahen ukrainische Soldaten mit Gewehren und eine Gruppe von Frauen, die die Straße entlangrannten. In der Nähe zwangen ukrainische Soldaten einen Mann in Zivilkleidung, sich auf den Bürgersteig zu legen.

Zuvor hatten die Kyjiwer Behörden mitgeteilt, dass eine Rakete in einem Wohnhaus eingeschlagen sei, und ein Zeuge der Nachrichtenagentur Reuters berichtete, dass eine weitere Rakete in der Nähe des Flughafens eingeschlagen sei. Über Verletzte wurde zunächst nichts bekannt.

„Werden unseren Staat verteidigen“

Präsident Wolodymyr Selenskyj zeigte sich in einer Videobotschaft vor seinem Kyjiwer Amtssitz kämpferisch.

„Wir werden die Waffen nicht niederlegen, wir werden unseren Staat verteidigen“, sagte er.

Sowohl Selenskyj als auch der Kreml hatten zuvor Bereitschaft signalisiert, über einen Waffenstillstand und Friedensgespräche zu sprechen. Die zaghaften diplomatischen Kontakte haben jedoch bisher keine Ergebnisse gebracht.

Die Ukraine hat ihr Botschaftspersonal in Moskau nach Lettland evakuiert, wie das Außenministerium des baltischen Staates am Samstag mitteilte.

Zehntausende von Ukrainer:innen kamen an den westlichen Grenzen des Landes zu Polen, Ungarn, der Slowakei und Rumänien an. In Medyka in Südpolen berichteten Augenzeugen, dass die Flüchtenden eine 30 Kilometer lange Schlange an der Grenze bildeten.

Ein Berater des ukrainischen Innenministeriums, Anton Heraschtschenko, berichtete, bisher seien mindestens 40 zivile Infrastruktur-Standorte getroffen worden. Moskau gibt derweil an, darauf zu achten, dass keine zivilen Gebiete getroffen werden.

Der Bürgermeister von Tschernihiw, etwa 150 km nordöstlich von Kyjiw, wandte sich an die Bürger:innen: „Wir müssen uns auf Straßenkämpfe vorbereiten. Diejenigen von Ihnen, die wissen und verstehen, wovon ich spreche: Bereiten Sie die Benzinbomben vor.“

Auch in der nordöstlichen Stadt Sumy waren am Samstagmorgen Kämpfe im Gange, wie die Stadtverwaltung mitteilte. Sie forderte die Einwohner:innen auf, zu Hause zu bleiben.

Der russische Präsident Wladimir Putin erklärte, er müsse die ernsthafte Bedrohung seines Landes durch den kleineren Nachbarn beseitigen. Er berief sich außerdem auf die angebliche Notwendigkeit, die ukrainische Führung zu „entnazifizieren“, die er des Völkermords an den russischsprachigen Menschen in der Ostukraine beschuldigte.

Kyjiw und seine westlichen Verbündeten weisen die Anschuldigungen als haltlose Propaganda zurück.

In einer im Fernsehen übertragenen Sitzung mit dem russischen Sicherheitsrat am Freitag appellierte Putin an das ukrainische Militär, die „Neonazi“-Führung zu stürzen.

„Nehmen Sie die Macht in Ihre eigenen Hände“, sagte er.

Sanktionen und Militärgüter

Die westlichen Länder haben eine Reihe von Sanktionen gegen Russland verhängt, darunter ein Stopp für Technologieexporte und das Einfrieren der Geschäfte russischer Banken im Western.

Moskau wolle auf die Beschlagnahme von Geldern russischer Bürger:innen und Unternehmen im Ausland mit der Beschlagnahme von Geldern von Ausländer:innen in Russland reagieren, zitierte die Nachrichtenagentur RIA am Samstag den stellvertretenden Vorsitzenden des russischen Sicherheitsrates, Dmitri Medwedew.

Frankreich werde der Ukraine militärische Verteidigungsausrüstung zur Verfügung stellen, sagte ein Armeesprecher am Samstag. Die tschechische Regierung erklärte, sie werde Waffen und Munition an die Ukraine schicken.

Bei den Vereinten Nationen legte Russland am Freitag sein Veto gegen einen Resolutionsentwurf des Sicherheitsrats ein, in dem die Invasion bedauert wurde, während China sich der Stimme enthielt, was die westlichen Länder als Beweis für die Isolierung Russlands werteten. Die Vereinigten Arabischen Emirate und Indien enthielten sich ebenfalls der Stimme, während die übrigen 11 Mitglieder dafür stimmten.

Das Weiße Haus bat den Kongress um 6,4 Milliarden Dollar an Sicherheits- und humanitärer Hilfe für die Krise, wie Beamte mitteilten, und Biden wies das US-Außenministerium an, 350 Millionen Dollar an Militärhilfe bereitzustellen.

Unklarheit über Opferzahlen

Das russische Verteidigungsministerium teilte mit, dass seine Streitkräfte in der Nacht mit luft- und schiffsgestützten Marschflugkörpern militärische Ziele in der Ukraine angegriffen hätten, so Interfax.

Demnach hätten die russischen Truppen Hunderte von Zielen der militärischen Infrastruktur getroffen und mehrere Flugzeuge sowie Dutzende von Panzern, gepanzerten Fahrzeugen und Artilleriefahrzeugen zerstört.

Das ukrainische Luftwaffenkommando erklärte zuvor, eines seiner Kampfflugzeuge habe ein russisches Transportflugzeug abgeschossen. Reuters konnte diese Behauptung nicht unabhängig überprüfen.

Die Ukraine gab an, mehr als 1.000 russische Soldaten seien getötet worden. Russland gab keine Opferzahlen bekannt. Zelenskiy sagte am späten Donnerstag, dass 137 Soldaten und Zivilisten getötet und Hunderte verwundet worden seien.

Die Ukrainer:innen stimmten beim Zerfall der Sowjetunion mit überwältigender Mehrheit für die Unabhängigkeit, und Kyjiw hofft, der NATO und der EU beitreten zu können – Bestrebungen, die Moskau erzürnen.

Putin behauptet, die Ukraine, ein demokratisches Land mit 44 Millionen Einwohnern, sei ein unrechtmäßiger Staat, der aus Russland herausgelöst wurde, eine Ansicht, die die Ukrainer:innen als Leugnung ihrer mehr als tausendjährigen Geschichte betrachten.

Die Invasion löste am Freitag eine Reihe von Änderungen bei den Kreditratings aus: S&P senkte das Rating Russlands auf „Ramsch“-Status. Moody’s überprüfte derzeit eine ähnliche Herabstufung, und S&P und Fitch stuften die Ukraine wegen der Sorge um Zahlungsausfälle herab.