Ukraine: Energieversorgung bisher stabil, doch Schäden drohen

Das ukrainische Energiesystem funktioniert trotz des russischen Einmarschs im Land auch weiterhin. Doch jede verirrte Rakete, die die Energieinfrastruktur oder ein Kernkraftwerk beschädigt, könnte einen schweren Schlag bedeuten.

EURACTIV.com
epaselect epa09779164 A shop owner uses an torch light due to outage of electricity after shelling, as a local man does shopping in a small shop in the Vibrovka village not far from the pro-Russian militants controlled city of Luhansk, Ukraine, 23 February 2022. Russia on 21 February 2022 recognized the eastern Ukrainian self-proclaimed breakaway regions as independent states and ordered the deployment of peacekeeping troops to the Donbas, triggering an expected series of economic sanctions announcements by Western countries.  EPA-EFE/ZURAB KURTSIKIDZE
Obwohl die russischen Streitkräfte derzeit nicht auf kritische Energieinfrastrukturen abzielten, könne nicht garantiert werden, dass eine verirrte Rakete nicht etwa einen Transformator oder ein Kernkraftwerk beschädigen würde. [<a href="https://webgate.epa.eu/webgate" target="_blank" rel="noopener">Zurab Kurtsikidze / EPA-EFE</a>]

Das ukrainische Energiesystem funktioniert trotz des russischen Einmarschs im Land auch weiterhin. Doch jede verirrte Rakete, die die Energieinfrastruktur oder ein Kernkraftwerk beschädigt, könnte einen schweren Schlag bedeuten, warnte ein ukrainisches Energieunternehmen am Samstag (26. Februar).

Das Energiesystem des Landes sei so weit unter Kontrolle, wie es unter den gegebenen Umständen möglich sei. Es gebe zwar einige lokale Störungen, aber noch keine größeren Auswirkungen, erklärten Vertreter des ukrainischen Energieunternehmens DTEK auf einer Pressekonferenz.

Sie warnten jedoch, dass sich die Lage stündlich ändere. Obwohl die russischen Streitkräfte derzeit nicht auf kritische Energieinfrastrukturen abzielten, könne nicht garantiert werden, dass eine verirrte Rakete nicht etwa einen Transformator oder ein Kernkraftwerk beschädigen würde.

Nach Angaben des ukrainischen Ministeriums für Infrastruktur hat es bereits risikoreiche Situationen gegeben. Die ukrainische Luftabwehr schoss eine Rakete ab, die auf den Damm des Kyjiwer Stausees zuflog und deren Zerstörung einen Unfall im Kernkraftwerk Saporischschja hätte verursachen können, so die Regierung.

„Wenn ein großes Element des Energiesystems beschädigt oder zerstört wird, (…) wenn es unerwartet vom Netz genommen wird, kann es sein, dass das Personal des Systembetreibers nicht in der Lage ist, die notwendigen Änderungen am Anschlussschema rechtzeitig vorzunehmen, und das kann dazu führen, dass das System automatisch abgeschaltet wird, um eine größere Katastrophe zu verhindern“, sagte Maxim Timchenko, CEO von DTEK.

„In Anbetracht der [mangelnden] Genauigkeit der russischen Raketen, die sie von ihrem Territorium aus abfeuern, kann das passieren, weil sie einfach unerwartet oder unbeabsichtigt dieses große Stück Infrastruktur treffen könnten“, fügte er hinzu.

Sorge über Atomkraft

Die Ukraine ist in hohem Maße von Kernenergie abhängig: 15 Reaktoren liefern etwa die Hälfte ihres Stroms.

Es besteht jedoch die Gefahr, dass russische Streitkräfte diese absichtlich oder unabsichtlich beschädigen oder lebenswichtige Infrastrukturen angreifen könnten, was eine erhebliche Unterbrechung der Stromversorgung zur Folge hätte, so Timchenko.

Derzeit befinden sich alle ukrainischen Kernkraftwerke – mit Ausnahme des inzwischen stillgelegten Tschernobyl – in ukrainischer Hand und werden vom Militär verteidigt.

Sorgen bereiten jedoch ein Wärmekraftwerk und ein Kernkraftwerk – die größten ihrer Art im Land – rund um die Stadt Enerhodar im Süden der Ukraine, von denen russische Truppen stand Samstag Abend 25 km entfernt waren.

„Unsere Streitkräfte verstärken ihre Positionen um die Kernkraftwerke, aber niemand kann mit Sicherheit sagen, ob sie sie unter Kontrolle halten können“, sagte Timchenko.

Die Bedrohung durch verirrte russische Raketen bringt das undenkbare Risiko mit sich: Schäden an einem Kernkraftwerk, die Sicherheitsbedenken hervorrufen und Erinnerungen an die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl in der Ukraine im Jahr 1986 heraufbeschwören könnten.

„Ich möchte nicht in den Nachrichten lesen, dass jemand von einem hohen Risiko einer Nuklearexplosion spricht, aber meine erste Aussage ist, dass Russland nach unseren Erfahrungen der letzten Tage keine kritische Infrastruktur, einschließlich Kernkraftwerken, ins Visier nimmt“, sagte Timchenko.

„Natürlich sind die Angreifer völlig verrückt, ich hoffe aber, dass sie nicht verrückt genug sind, Atomkraftwerke zu beschießen“, fügte er hinzu. Es könne aber auch zu unbeabsichtigten Treffern kommen, wie es bei anderen Infrastrukturobjekten oder Einrichtungen bereits der Fall sei.

In der Tat gibt es bereits Sicherheitsbedenken in Bezug auf Tschernobyl, das derzeit unter russischer Kontrolle ist. Die ukrainische Regierung hat gewarnt, dass die Strahlungswerte aufgrund von militärischem Gerät, das den Mutterboden bewegt, überschritten worden seien.

Die Regierung betonte, dass die Verantwortung für diese Situation bei „den Invasoren“ liege.

„Dies ist eine der ernsthaftesten Bedrohungen für Europa, denn jede Provokation der Invasoren in Tschernobyl während des hybriden Krieges könnte zu einer weiteren planetarischen Umweltkatastrophe führen“, heißt es weiter.

Örtliche Schäden

Seit dem Einmarsch Russlands am Donnerstag ist das ukrainische Energienetz örtlich begrenzt beschädigt worden. Ein Wärmekraftwerk ist außer Betrieb und vom Netz getrennt. Nach Angaben von DTEK wurde es am Samstag von russischen Streitkräften in Besitz genommen.

Außerdem sind 40 Prozent der 1 Gigawatt an erneuerbaren Energien von DTEK wegen eines gebrochenen Steckers offline, der nicht repariert werden kann.

Beides sind jedoch keine schwerwiegenden Beeinträchtigungen für das Energiesystem.

„Wir haben in 50 Prozent der regionalen Unternehmen Schäden an Übertragungsleitungen und Umspannwerken festgestellt, aber wir haben keine größeren Unterbrechungen bei der Stromversorgung unserer Verbraucher:innen in allen Regionen“, so Timchenko.

In einigen Regionen gibt es auch Verluste bei der Gasversorgung. Nach Angaben des ukrainischen Übertragungsnetzbetreibers (ÜNB) ist die Region Luhansk aufgrund von Schäden am Netz von der Gasversorgung abgeschnitten worden.

Ab 7:30 Uhr am Samstagmorgen transportierte der TSO jedoch noch immer Erdgas zu den Verbrauchern und hielt das System am Laufen, wie er mitteilte. Während einige Mitarbeiter zu ihrer Sicherheit nun aus der Ferne arbeiten, sind die Anlagen des Unternehmens in der gesamten Ukraine, einschließlich der militärischen Einsatzgebiete, weiterhin in Betrieb.

Wegen der ständigen Veränderungen treffen sich die ukrainischen Energieunternehmen außerdem alle zwei Stunden mit dem Energieministerium. Am Samstag wurde vereinbart, dass die Energiepreise aufgrund der Unsicherheit und Anfälligkeit des Marktes von einer Regulierungsbehörde festgelegt werden sollen.

Außerdem wurde beschlossen, die Wärmekraftwerke des Landes von Kohle auf Gas umzustellen, da die Versorgungswege für Kohle auf dem Seeweg bereits blockiert sind und auch der Landweg gefährdet ist.

Die Ukraine verfügt über Kohlevorräte für etwa 15-20 Tage und ist daher auf Gas umgestiegen, da die meisten Gasquellen noch funktionieren und sie russisches Gas nutzen kann, das durch das Land geleitet wird.

„Solange wir den Transit von russischem Gas durch unser System haben, glaube ich, dass wir genug Gas für unsere Stromerzeugung haben werden“, sagte Timchenko.

Ukrainisches Netz isoliert

Die Ukraine ist derzeit vom russischen, belarussischen und EU-Stromnetz abgeschnitten, und Timchenko äußerte Zweifel daran, dass das Land wieder an das belarussische und russische Netz angeschlossen werden wird.

Zwar gibt es Grundlaststrom aus Kernenergie, doch die Isolation der Ukraine schränkt die Fähigkeit des Netzes ein, sich an die Nachfrage anzupassen.

„Wir haben genug Kapazität. Wenn unser Kernkraftwerk stabil läuft, haben wir genug Erzeugungskapazität, um im isolierten Modus zu bleiben. Aber wir haben Probleme mit der Flexibilität des Systems und der Stabilität des Systems“, erklärte er.

Die Ukraine wolle nun ihren Strom vollständig in das europäische Netz und das Netz der Übertragungsnetzbetreiber (ENTSO-E) integrieren. Dies könnte innerhalb von Monaten, wenn nicht Wochen geschehen, erklärte Timchenko.

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic]