Türkei-Strategie: Weder Nabucco noch South Stream
Die beiden Erdgaspipeline-Rivalen South Stream und Nabucco umwerben die Türkei. Die aufstrebende Regionalmacht kann allerdings kein Interesse haben, sich festzulegen, meint der Energieexperte Roland Götz. Die Rolle der EU-Kommission im Pipeline-Poker wertet er als sehr problematisch.
Die beiden Erdgaspipeline-Rivalen South Stream und Nabucco umwerben die Türkei. Die aufstrebende Regionalmacht kann allerdings kein Interesse haben, sich festzulegen, meint der Energieexperte Roland Götz. Die Rolle der EU-Kommission im Pipeline-Poker wertet er als sehr problematisch.
Der beschleunigte Atomausstieg in Deutschland könnte zu steigendem Bedarf an Erdgasimporten in Deutschland und der EU führen, sagte der Energieexperte Roland Götz gestern vor Auslandsjournalisten in Berlin.
Trotz steigender Energieeffizienz, neuer Transportformen (Flüssigerdgas LNG) oder zusätzlicher Energiequellen (Schiefergas) werde die EU in 20 Jahren mehr Erdgas importieren müssen als heute, prognostiziert Götz.
Abhängigkeiten
Russland und die EU sind dabei durch gegenseitige Abhängigkeiten besonders eng miteinander verbunden. Die EU bezieht etwa ein Viertel seiner Erdgasimporte aus Russland. Dieses liefert etwa drei Viertel seiner Erdgasexporte (160 Milliarden m³ pro Jahr) in die EU.
Umgehungsstraßen
Russland will seine Rolle auf dem europäischen Energiemarkt ausbauen, zugleich seine Abhängigkeit von Transitländern wie die Ukraine oder Weißrussland abbauen. Dafür setzt Russland auf zwei "Umgehungsstraßen": Die neue Nordleitung – Nord Stream – wird bereits Ende des Jahres russisches Erdgas durch die Ostsee nach Deutschland transportieren. Im südlichen Gaskorridor ist South Stream geplant, das russisches Gas durch das Schwarze Meer nach Bulgarien oder Rumänien pumpen könnte.
Die EU setzt allerdings auch auf eine "Süd-Umgehung", um die Abhängigkeit von russischen Gasimporten zu verringern. Die EU will sich neue Gasquellen in Aserbaidschan, Turkmenistan und langfristig auch im Irak und im Iran sichern. Das EU-Projekt Nabucco, das Gas aus Zentralasien durch das Kaspische Meer in die EU leiten soll, gilt damit als Rivalin für die russische South Stream. Beide Gasleitungen können zudem nur realisiert werden, wenn die Türkei ihren Segen gibt.
Strategie der Türkei
Offiziell unterstützt die Türkei beide Projekte, doch als "zunehmend selbstbewusste Regionalmacht" habe die Türkei ein wirtschaftliches und strategisches Interesse, die Gasgeschäfte selber abzuwickeln und sich als Drehscheibe zu etablieren. "Die Türkei will diese Position ausnutzen. Sie hat wenig Interesse daran, eine Entscheidung herbeizuführen. Das könnte auch ein Grund sein, weshalb es faktisch weder bei der einen noch der anderen Pipeline vorangeht", sagte Götz.
Als Transitland hätte die Türkei nur wenige wirtschaftliche Vorteile. "Wenn die Türkei aber das Gas in Zentralasien oder im Iran direkt einkauft und dann nach Europa weiterverkauft, wäre die Gewinnmarge um ein Vielfaches höher", erklärte Götz. Die Türkei müsste dazu lediglich ihr bestehendes Erdgastransportnetz ausbauen.
Jahr der Entscheidung
EU-Energiekommissar Günther Oettinger hat angekündigt, dass in diesem Jahr die Investitionsentscheidung fällt. EURACTIV.de berichtete. Allerdings hatte das Nabucco-Konsortium ein solches Versprechen bereits 2010 abgegeben und nicht eingehalten, gab Götz zu bedenken.
Heilige Nabucco-Kuh
Der Energieexperte kritisierte, dass Oettinger sich so sehr auf Nabucco festgelegt habe, "als ob Nabucco eine heilige Kuh" wäre. Falls das EU-Projekt scheitere, würde das eine große Enttäuschung provozieren.
Die EU-Kommission versuche am Beispiel Nabucco zwei idealtypische Ansätze durchzuexerzieren. Erstens: die Entflechtung von Energieförderung und Energietransport, und zweitens: der Zugang Dritter zur Pipeline.
EU-Kommission mit Bürokratie-Strategie
Bei Pipelineprojekten bilden normalerweise Gaslieferanten und Gasabnehmer ein Konsortium und bauen die Leitung. Nabucco soll dagegen nach dem Willen der EU-Kommission das erste reine Pipleline-Konsortium sein. Außerdem sollen die an Nabucco beteiligten Konzerne und Länder maximal 50 Prozent des transportierten Erdgases für die Eigennutzung verwenden dürfen. Der Rest soll von Käufern abgenommen werden, die nicht am Konsortium beteiligt sind.
"Dieses neue Konzept funktioniert bisher nicht", stellte Götz fest. "Die EU-Kommission ist ein Beamtenapparat. Es ist nicht ihre Aufgabe, sich auf ein bestimmtes Pipeline-Projekt festzulegen. Ich halte diesen Ansatz für sehr problematisch", so Götz.
mka
Links
Dokumente
EU-Kommission: Commission and Azerbaijan sign strategic gas deal (13. Januar 2011)
EU-Kommission: Joint Declaration on the Southern Gas Corridor (13. Januar 2011)
EU-Kommission: Statement by President Barroso following his meeting with Ilham Aliyev, President of Azerbaijan (13. Januar 2011)
Mehr zum Thema auf EURACTIV.de
Oettinger zu Nabucco: "Jahr der Entscheidung" (28. März 2011)
Oettinger: CDU braucht jetzt Energiekonsens (28. März 2011)
South Stream: Tauziehen zwischen Türkei und Russland (18. März 2011)
Erdgas für Nabucco aus Aserbaidschan (14. Januar 2011)
South Stream – ein pan-europäisches Projekt? (8. Oktober 2010)
Putin: "Nabucco hat wenig Erfolgschancen" (7. September 2010)
Ukraine will Russland von South Stream abbringen (6. August 2010)
Oettinger: Marktanteil Russlands steigt erheblich (30. Juli 2010)
South Stream punktet im Wettlauf mit Nabucco (19. Juli 2010)
Kasachstan kritisiert Untätigkeit der Europäer bei Nabucco (19. Juli 2010)
Gazprom will Nabucco-Konsortium sprengen (12. Juli 2010)
Slowenien steigt bei South Stream ein (16. November 2009)
Wettlauf um Energieversorgung (13. Juli 2009)
Gazprom wirft EU-Kommission Untätigkeit vor (20. Mai 2009)