Turbulentes Kampfjet-Projekt: Frankreich und Deutschland brauchen einander

Der Streit um das nächste europäische Kampfflugzeug FCAS hat in den vergangenen Monaten die Beziehungen zwischen Berlin und Paris spürbar belastet – und Zweifel am Fortgang des Milliardenprojekts geweckt.

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[Felix Zahn/Photothek via Getty Images]

Der Streit um das nächste europäische Kampfflugzeug FCAS (Future Combat Air System) hat in den vergangenen Monaten die Beziehungen zwischen Berlin und Paris spürbar belastet – und Zweifel am Fortgang des Milliardenprojekts geweckt.

Doch trotz aller Differenzen: Weder Paris noch Berlin hätten Vorteile von einem Ausstieg aus dem mehrstelligen Milliardenprogramm. Ein Abbruch würde nicht nur die Option eines rein europäischen, sechsten Generation Kampfjets zunichtemachen, sondern auch die Bereitschaft für weitere EU-weite Rüstungskooperationen dämpfen.

„Deutschland und Frankreich stehen an einem Scheideweg: Wenn sie jetzt mehr investieren, machen sie das Projekt unumkehrbar“, sagte Bertrand de Cordoue, Luftfahrt-Experte am Jacques-Delors-Institut, gegenüber Euractiv.

Das Vorhaben sieht einen Tarnkappen-Kampfjet vor, flankiert von autonomen Drohnen und eingebettet in ein hochmodernes digitales Gefechtsnetzwerk. Ende dieses Jahres steht der nächste große Meilenstein an: Der Übergang von der Planungsphase zum Bau eines Prototyps – Herzstück des Projekts. Für die beteiligten Industriepartner ist dies zugleich eine der letzten Gelegenheiten, die Vertragskonditionen neu zu verhandeln.

Jedoch hat das Projekt zu Meinungsverschiedenheiten geführt, von Führungsfragen bis hin zu industrieller Arbeitsteilung. Im Mittelpunkt: das gespannte Verhältnis zwischen Dassault Aviation und Airbus Defence – von Paris und Berlin politisch in eine Partnerschaft gezwungen.

Zank um Führungsrolle

Dassault-Chef Éric Trappier pocht offen auf eine Führungsrolle. Im Juni erklärte er, sein Unternehmen könne FCAS „auch alleine“ stemmen.

Der Chef der Airbus-Luftfahrtsparte Jean-Brice Dumont konterte beim Pariser Luftfahrtsalon: „Wir sind Konkurrenten, die heiraten müssen.“

Branchenkenner betonen, dass beide Unternehmen de facto kooperieren müssen – auch wenn sie es lieber nicht täten.

Von Anfang an war das Bestreben, ein integriertes Luftkampfsystem aufzubauen, politisch motiviert. Der französische Präsident Emmanuel Macron und die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel starteten das Projekt im Jahr 2017, Spanien schloss sich zwei Jahre später an.

Im Juli bekräftigten Macron und Bundeskanzler Friedrich Merz ihre Unterstützung. Die Verteidigungsminister sollen bis Ende August einen Fahrplan vorlegen, um die Differenzen zu überwinden und das 100-Milliarden-Euro-Projekt voranzubringen.

Frankreichs begrenzter Spielraum

Frankreich blickt auf eine schwierige Historie gemeinsamer Flugzeugprojekte: Sowohl aus dem Tornado- als auch dem Eurofighter-Konsortium stieg Paris frühzeitig aus.

Aber die schwierige Lage der französischen Finanzen und starke Haushaltszwänge schränken die Möglichkeiten von Paris nun ein. Frankreich „hat nicht viel Spielraum, um mit Alleingängen zu drohen“, sagte De Cordoue.

Stuart Dee, Verteidigungsökonom bei RAND Europe, erklärte gegenüber Euractiv, dass die Kosten für die Neuentwicklung eines Kampfflugzeugs der sechsten Generation die Finanzen fast jedes einzelnen Landes stark belasten würden.

„Nur eine sehr kleine Anzahl von Nationen weltweit kann ein Programm dieser Größenordnung eigenständig finanzieren, daher die ursprüngliche Begründung für die gemeinsame Entwicklung durch Partner“, so Dee.

Politische Risiken für Merz und Macron

Für Macron, dessen zweite Amtszeit in zwei Jahren endet, ist FCAS politisches Vermächtnis. Ein Scheitern würde seine Rolle als Treiber europäischer Souveränität in Sicherheitsfragen beschädigen.

„Macrons Ziel ist es, das Projekt vor seinem Abgang unumkehrbar zu machen“, so de Cordoue.

Auch Merz hat sich seit Amtsantritt im Mai als Verfechter stärkerer europäischer Verteidigungskooperation profiliert. Ein Scheitern von FCAS träfe seine Ambitionen, Deutschland zur militärischen Führungsmacht Europas zu machen.

Zudem sieht sich Merz in der Verantwortung, die unter seinem Vorgänger Olaf Scholz abgekühlten deutsch-französischen Beziehungen wiederzubeleben – auch wenn diese Annäherung zuletzt ins Stocken geraten ist.

Alternativen?

Sollte FCAS tatsächlich scheitern, könnten die Länder versuchen, sich dem anderen Vorzeigeprojekt Europas für Kampfflugzeuge der sechsten Generation anzuschließen, dem Global Combat Air Programme (GCAP) mit seinem Tempest-Jet.

Dieses Projekt – eine gemeinsame Initiative des Vereinigten Königreichs, Italiens und Japans – ist jedoch fortgeschritten und soll bis 2035 abgeschlossen sein. Jeder Neuzugang zum Programm hätte weniger Einfluss auf das Projekt und würde wahrscheinlich Schwierigkeiten haben, eine bedeutende Beteiligung für inländische Rüstungsunternehmen zu sichern.

Justin Bronk, Luftwaffenexperte beim britischen Verteidigungs-Thinktank RUSI, sagte, die GCAP-Länder hätten die Aufteilung der Verträge, Arbeiten und anderer Elemente des Programms weitgehend abgeschlossen, sodass es derzeit sehr schwierig sei, große Industrieunternehmen aus Deutschland oder anderen Ländern hinzuzuziehen.

Dee stimmte dem zu und fügte hinzu, dass ein solcher Schritt „die beträchtlichen Investitionen und Interessen nicht-europäischer Akteure wie Japan berücksichtigen müsste“.

Am Ende entscheidet die Politik

Damit bleibt an FCAS festzuhalten für Berlin, Paris und Madrid die realistischste Option, denn am Ende liegen die endgültigen Entscheidungen wie es weiter geht bei der Politik und nicht bei Unternehmensführern.

„Wer bezahlt, der bestimmt. Und am Ende bezahlt der Staat und nicht die Industrie“, sagte der SPD-Bundestagsabgeordnete Christoph Schmid, Berichterstatter für die Luftwaffe, gegenüber Euractiv. „Deswegen glaube ich schon, dass es noch einen Hebel gibt, die Industrie zur Zusammenarbeit zu bringen.“

Auch in Paris gelte das, so de Cordoue: „Die Regierung kann Dassault zum Weitermachen bewegen – wie schon zu Beginn.“

Unterm Strich gilt: Die Konzerne murren zwar, sind aber von Regierungsaufträgen abhängig – und fahren besser damit, den politischen Willen mitzutragen, statt ihn zu blockieren.

Korrektur: Der Titel wurde angepasst, um näher an der Originalversion zu sein.

(bts, cp, jl)