Tunesien: Deutsche am Rande der Revolution
"So was ist doch kein Urlaub", klagen deutsche Touristen über die Revolution in Tunesien. Die Journalistin Silvia Meixner vermisst indes die Freude am Sturz eines Diktators.
„So was ist doch kein Urlaub“, klagen deutsche Touristen über die Revolution in Tunesien. Die Journalistin Silvia Meixner vermisst indes die Freude am Sturz eines Diktators.
Zur Autorin
Silvia Meixner ist Journalistin und Herausgeberin von www.good-stories.de. Meixner wurde in Wien geboren und lebt seit 20 Jahren in Deutschland. Nach beruflichen Stationen als Redakteurin unter anderem bei Die Welt, Bunte und Bild-Zeitung arbeitet sie seit vier Jahren als Autorin und freie Journalistin mit den Schwerpunkten Reportage, Reisen, Wirtschaft, Diplomatie, Stil.
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Im Radio höre ich Interviews mit Reisenden, die holterdipolter Tunesien verlassen mussten. Sie beklagen, dass die Geschäfte geschlossen waren und sie in ihren Hotels quasi eingesperrt wurden. Ein kluger Schachzug der Reiseveranstalter – und selbst schuld, wenn man sich daran hält. Statt Shopping hätte man in Tunesien in den vergangenen Tagen ganz wunderbar etwas für seine politische Bildung tun können. Diesmal nicht vom Sofa aus, sondern mittendrin (mit Sicherheitsabstand, versteht sich). "So was ist doch kein Urlaub!", beklagte eine Frau im Radio. Diese Tunesier aber auch! Kämpfen um ihre Freiheit, während andere zum Ferien-Sparpreis nur in der Sonne liegen oder Kamele streicheln wollen.
Auf der einen Seite kämpfen Menschen um eine bessere Zukunft – auf der anderen um eine Liege am Pool. Viele Heimkehrer beklagen, dass sie gern noch länger geblieben wären. Wozu eigentlich? Um in einem abgeriegelten Hotel zu urlauben, während draußen die Revolution tobt? Endlich einmal keine langen Schlangen am All Inclusive-Buffet. Und außerdem: Gebucht ist gebucht.
Seltsame Vorstellung. Niemand erwähnt, dass er sich mit den Tunesiern freut, die sich ihres Diktators, leider nicht friedlich, entledigt haben. Einerseits sind die Hasen-Reisenden natürlich heilfroh, ihre Zuckerpopöchen ins Trockene gerettet haben, aber kaum sind sie in Berlin gelandet, jammern sie öffentlich darüber, dass sie jetzt noch zwei Stunden (!) nach Leipzig reisen müssen.
Gut, dass sich in den Tagen des Mauerfalls traditionell kaum Touristen in der DDR aufgehalten haben. Wer weiß, was den Italienern, Spaniern, Kanadiern und Portugiesen alles eingefallen wäre…
Mein Held ist jener Pilot, der sich weigerte, tunesische Politgrößen auf der Flucht auszufliegen. Er hat "Nein" gesagt. Einfach so. Natürlich ist Diktator Ben Ali mittlerweile längst in Sicherheit. Es findet sich immer jemand, der ehemaligen Diktatoren gern zu Diensten ist. Ben Alis Porträts werden in Tunesien gerade mit Entschlossenheit abgehängt, er hat sich nach Saudi-Arabien gerettet. Schöne Wüsten dort. Idealer Hinschick-Ort für einen Diktator.