Trotz Probleme: Deutscher Handel mit Russland boomt

Osteuropa ist tragende Säule der boomenden deutschen Exportwirtschaft. Besonders boomt der Handel mit Russland. Defizite sind Modernisierungstempo, Bürokratie und Korruption. Das Abkommen über Seltene Erden, das morgen in Berlin mit Kasachstans Präsident Nasarbajew unterzeichnet wird, gilt als Signal gegen Rohstoffengpässe der deutschen Wirtschaft.

Eckhard Cordes, Vorsitzender des Ost-Ausschusses der deutschen Wirtschaft, fordert Berlin auf, zwischen Brüssel und Moskau zu vermitteln. Foto: dpa
Eckhard Cordes, Vorsitzender des Ost-Ausschusses der deutschen Wirtschaft, fordert Berlin auf, zwischen Brüssel und Moskau zu vermitteln. Foto: dpa

Osteuropa ist tragende Säule der boomenden deutschen Exportwirtschaft. Besonders boomt der Handel mit Russland. Defizite sind Modernisierungstempo, Bürokratie und Korruption. Das Abkommen über Seltene Erden, das morgen in Berlin mit Kasachstans Präsident Nasarbajew unterzeichnet wird, gilt als Signal gegen Rohstoffengpässe der deutschen Wirtschaft.

Osteuropa ist eine tragende Säule der boomenden deutschen Exportwirtschaft: Im abgelaufenen Jahr legte der deutsche Export in die Region um rund 20 Prozent zu, teilten der Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft und die Deutsch-Russische Auslandshandelskammer (AHK) in einer gemeinsamen Pressekonferenz in Berlin mit. Auch 2012 sei trotz schwächerer Weltkonjunktur ein zweistelliger Zuwachs möglich.

Besonders positiv entwickelte sich 2011 der deutsche Handel mit Russland: Die deutschen Exporte stiegen um rund 30 Prozent, die Importe nahmen um 26 Prozent zu. Insgesamt markierte das bilaterale Handelsvolumen mit deutlich über 70 Milliarden Euro einen neuen Rekord.

Impulse durch russischen WTO-Beitritt

Ost-Ausschuss und AHK stellten in Berlin eine aktuelle Geschäftsklima-Umfrage unter deutschen Unternehmen in Russland vor. Demnach gehen 71 Prozent der befragten deutschen Unternehmen 2012 von einer positiven Entwicklung der russischen Wirtschaft aus. "Allein durch den WTO-Beitritt Russlands rechnen wir mit zusätzlichen Impulsen für die deutsche Wirtschaft in Höhe von jährlich zwei Milliarden Euro", sagte der Ost-Ausschuss-Vorsitzende Eckhard Cordes in Berlin.

Michael Harms, Vorstandsvorsitzender der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer, betonte, dass die deutschen Unternehmen außerordentlich erfolgreich am russischen Markt agierten: "Der beste Beweis ist die Rekordhandelsbilanz 2011. Die Steigerung macht auch deutlich, wie stark die russische Wirtschaft in die Modernisierung investiert, denn vor allem private russische Unternehmen kaufen deutsche Maschinen und Anlagen."

Hohe Erwartungen, großes Vertrauen

"Trotz teilweise verbesserungswürdiger Rahmenbedingungen gibt es hohe Erwartungen an das Marktpotenzial", sagte Harms. "Dafür spricht die 2011 wieder deutlich gestiegene Zahl deutscher Unternehmen in Russland, die jetzt bei? über 6.300 liegt."

Wie groß das Vertrauen der deutschen Unternehmen in die zukünftige Entwicklung Russlands sei, zeigten auch die hohen Investitionen in Produktionsstätten, die sich erst langfristig amortisieren: 49 Prozent der durch Ost-Ausschuss und AHK befragten Unternehmen planen in den nächsten zwölf Monaten Investitionen in Russland. 64 Prozent wollen ihr Personal in Russland aufstocken und über 880 Millionen Euro investieren.

Unzufrieden mit Modernisierungsprozess

Unzufrieden sind die Unternehmen allerdings mit dem Verlauf der Modernisierung in Russland: Nur 41 Prozent haben hier im vergangenen Jahr Fortschritte beobachtet. Den größten Reformbedarf sehen die Firmen bei den Themen Bürokratieabbau, gefolgt vom Thema Korruption. Dann folgen Zoll- und Visa-Fragen.

35 Prozent der Unternehmen sind der Ansicht, dass die russische Bürokratie die Modernisierungsbemühungen bremse. 28 Prozent sagen, dass ein schlüssiges Modernisierungskonzept fehle. Weitere 24 Prozent bemängeln das Fehlen eines politischen Wettbewerbs im Land.

Politische Proteste als Katalysator

Gefragt nach einer möglichen dritten Amtszeit von Wladimir Putin als Präsident, antworteten 30 Prozent der Unternehmen, dass dies positiv für die Entwicklung der Wirtschaft sei, 25 Prozent befürchten negative Auswirkungen, während 45 Prozent dadurch keine wesentlichen Änderungen des Geschäftsklimas erwarten.

"Die Protestbewegung, die es seit den Dumawahlen gibt, trägt dazu bei, dass es in Russland nun einen echten Wettstreit der Ideen gibt", sagte Cordes. Dies könne den Modernisierungsprozess beschleunigen. "Wichtig ist, dass die Demonstrationen friedlich bleiben und die Präsidentschaftswahl im März frei und fair verläuft."

Initiative gegen Korruption im russischen Geschäftsalltag

Vorgestellt wurde in Berlin auch die Compliance-Initiative, die die AHK zusammen mit russischen und internationalen Partnern vor zwei Jahren gestartet hatte. "Mittlerweile haben sich dieser Initiative gegen Korruption im russischen Geschäftsalltag mehr als 100 Unternehmen angeschlossen und damit ein deutliches Zeichen für fairen und sauberen Wettbewerb gesetzt", sagte Harms.

Transparentere Vorgaben wünschen sich die Unternehmen beim Thema Lokalisierung und bei staatlichen Ausschreibungen in Russland. Hier werden weiterhin hohe Markteintrittshürden und eine Benachteiligung ausländischer Unternehmen beobachtet.

Drohender Massenrückzug westlicher Banken aus Südosteuropa

Mit konjunkturellen Sorgen blickt der Ost-Ausschuss auf die Entwicklung in Südosteuropa: Westliche Banken, die in der Region stark vertreten sind, seien durch die Europäische Bankenaufsicht gezwungen, ihre Risiken zu verringern. "Kapital wird abgezogen, was in Ländern wie Rumänien oder Kroatien zu einer Kreditklemme führen kann und die konjunkturellen Risiken verschärft", sagte Cordes. "Auf jeden Fall muss ein Massenrückzug westlicher Banken aus Südosteuropa verhindert oder kompensiert werden."

Kasachstan-Abkommen mit Signalwirkung

Als wichtiges Signal bezeichnete Cordes die für den morgigen Mittwoch geplante Unterzeichnung eines Partnerschaftsabkommens zwischen Deutschland und Kasachstan zur Zusammenarbeit im Rohstoff-, Industrie- und Technologiebereich, an dessen Vorbereitung der Ost-Ausschuss beteiligt war. Die Unterzeichnung findet im Rahmen des Berlin-Besuchs des kasachischen Präsidenten Nursultan Nasarbajew statt. "Wir brauchen solche Abkommen, um die deutsche Wirtschaft vor Rohstoff-Engpässen zu schützen", so Cordes.

Kasachstan ist ein wichtiges Förderland von Seltenen Erden und Metallen und bereits heute der drittwichtigste Öllieferant Deutschlands. Der bilaterale Handel nahm 2011 um 20 Prozent zu.

Abkommen mit der Ukraine weiter auf Eis

Dies gilt auch für den deutschen Handel mit der Ukraine. Erst am vergangenen Freitag trafen Mitgliedsunternehmen des Ost-Ausschusses am Rande der Münchner Sicherheitskonferenz mit dem ukrainischen Staatspräsidenten Viktor Janukowitsch zusammen. Dabei ging es auch um das Freihandels- und Assoziierungsabkommen zwischen der Ukraine und der EU, das fertig ausgehandelt ist, aber aus politischen Gründen bislang nicht unterzeichnet wurde.

"Jeder Tag, den das Abkommen in der Schublade liegen bleibt, kostet die Wirtschaft Geld – die ukrainische ebenso wie die europäische", sagte Cordes. "Wir erwarten daher, dass beide Seiten alles dafür tun, die bestehenden politischen Probleme zu lösen."

Hintergrund zur Umfrage

Der Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft und die Deutsch-Russische Auslandshandelskammer haben im Dezember 2011 zum neunten Mal eine Umfrage unter ihren Mitgliedsunternehmen durchgeführt, auch um einen Eindruck von den Auswirkungen der veränderten politischen Situation auf das Wirtschaftsklima in Russland zu erhalten. Schwerpunkte waren die aktuellen Investitionsbedingungen vor Ort, die Modernisierungsbemühungen der russischen Regierung sowie die Erwartungen der Unternehmen für die Zukunft. Auch der bevorstehende WTO-Beitritt Russlands war ein Schwerpunkt in der Umfrage. Insgesamt 100 Unternehmen haben sich zu den Fragen geäußert. Mit über 22 Prozent stammen die meisten beteiligten Unternehmen aus dem Maschinen- und Anlagenbau, gefolgt von Bau und Bauwirtschaft sowie Energiewirtschaft und anderen.

Rund 50 Prozent der befragten Unternehmen gaben an, ihren Hauptsitz in Moskau (34 Prozent) oder St. Petersburg (15 Prozent) zu haben. Die befragten Unternehmen stehen für über 55.000 Beschäftigte in Russland und rund 2,5 Millionen Beschäftigte weltweit. Dabei setzen die Unternehmen über 13,8 Milliarden Euro in der Russischen Föderation und über 470 Milliarden Euro in der Welt um. Die letzte vergleichbare Umfrage war im November 2010 durchgeführt worden. 

Hintergrund zum Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft

Seit genau 60 Jahren vertritt der Ost-Ausschuss die Interessen der deutschen Wirtschaft im östlichen Europa. Aktuell werden 21 Länder betreut: Russland, Belarus, die Ukraine, Moldau, Albanien, die beiden EU- Länder Rumänien und Bulgarien, die EU-Beitrittskandidaten Kroatien, Mazedonien und Montenegro sowie Serbien, Bosnien-Herzegowina, Kosovo und die Länder des Südkaukasus und Zentralasiens.

Ziele sind Intensivierung der Wirtschaftsbeziehungen mit den betreuten Ländern, Verbesserung der Handels- und Investitionsbedingungen für deutsche Unternehmen, Unterstützung marktwirtschaftlicher Strukturen und des europäischen Einigungsprozesses, Weiterbildung und Vernetzung junger Fachleute sowie Förderung der Osteuropa- und Zentralasienexpertise in Deutschland.

Red.

Links

Geschäftsklimaindex 2011 zum Download 

Berichte auf EURACTIV.de über die Präsentation 2010: 

Ost-Ausschuss: Besorgt über Chinas marktaggressive Methoden (13. Oktober 2010)

Ost-Ausschuss: MOE-Banken müssen sich selbst finanzieren (14. Oktober 2010)

Ost-Ausschuss: Im Energiekonzept fehlt das Erdgas (15. Oktober 2010)