Trotz Kritik im Europawahlkampf: Green Deal in Osteuropa noch nicht tot

Während des Europawahlkampfes haben viele politische Parteien in Bulgarien und anderen osteuropäischen Staaten den europäischen Green Deal kritisiert. Doch als sich mehrere hundert Interessenvertreter zu einem Green Transition Forum in Sofia versammelten, war ihre Botschaft eine andere.

EURACTIV Bulgaria
Radev Green Transition Forum (1)
Die dreitägige Konferenz "Green Transition Forum 4.0: Neue Perspektiven für Mittel- und Osteuropa (MOE)" wurde am Dienstag (26. Juni) in Anwesenheit des bulgarischen Präsidenten Rumen Radev eröffnet [Georgi Gotev]

Während des Europawahlkampfes haben viele politische Parteien in Bulgarien und anderen osteuropäischen Staaten den europäischen Green Deal kritisiert. Doch als sich mehrere hundert Interessenvertreter zu einem Green Transition Forum in Sofia versammelten, war ihre Botschaft eine andere.

Die dreitägige Konferenz „Green Transition Forum 4.0: Neue Perspektiven für Mittel- und Osteuropa (MOE)“ wurde am Dienstag (26. Juni) in Anwesenheit des bulgarischen Präsidenten Rumen Radev eröffnet. Der Politiker stellte den Erfolg der von der scheidenden Europäischen Kommission eingeführten Klimapolitik infrage.

Radev sagte: „Früher waren es [vor dem Green Deal] wütende Umweltschützer, die auf den Straßen schrien; heute sind es wütende Landwirte.“

Die überwiegende Mehrheit der Unternehmensvertreter und anderer Interessengruppen stellte die Zukunft des Green Deal jedoch nicht infrage. Sie konzentrierten sich auf die Möglichkeiten, aus dem Wandel zu einer klimafreundlichen Wirtschaft maximalen Nutzen zu ziehen.

‚Der Wandel kommt‘

Auf die Frage, ob die neuen EU-Institutionen aufgrund der Kritik während des Europawahlkampfes ihren Kurs in Bezug auf den Green Deal ändern sollten, antwortete Kurt Vanderberghe, Generaldirektor der Generaldirektion Klimapolitik der EU-Kommission:

„Statt den Kurs zu ändern oder das Tempo zu drosseln, müssen wir eine echte Industriepolitik einführen, die dazu beiträgt, den Dekarbonisierungspfad erfolgreich zu beschreiten.“

Vanderberghe räumte ein, dass mehr Anstrengungen nötig seien, um sicherzustellen, dass Menschen, die von einem Sektor in einen anderen wechseln, umgeschult und weitergebildet werden.

„In Bulgarien setzen wir viele Mittel ein, um Menschen aus dem Kohlebergbau bei der Umstellung auf die Herstellung sauberer Technologien und von sauberem Wasserstoff zu unterstützen, was Bulgarien zu einem Zentrum für saubere Energie in der gesamten Region machen würde“, sagte er.

Vanderberghe erläuterte, dass aufgrund der unterschiedlichen Gegebenheiten nicht von allen Mitgliedstaaten die gleichen Anstrengungen in gleichem Tempo verlangt würden. Er sagte, von Bulgarien werde weniger erwartet als von anderen Staaten – eine Emissionsreduzierung um zehn Prozent bis 2030, verglichen mit 50 Prozent für Deutschland.

Er erklärte auch, dass viele EU-Finanzmittel mobilisiert würden, um Bulgarien und andere Staaten bei der Erreichung ihrer CO2-Reduktionsziele zu unterstützen.

In Polen hätten diese Möglichkeiten dazu geführt, dass das Land zum größten Hersteller von Elektrobussen geworden sei. Ungarn habe durch sie massive Investitionen in die Produktion von Batterien und Elektrofahrzeugen anziehen können.

„In Bulgarien sehe ich ein großes Potenzial für Investitionen in erneuerbare Energien“, sagte er. Er nannte Solarenergie und Offshore-Windkraft im Schwarzen Meer sowie das Potenzial für die Produktion von grünem Wasserstoff, einschließlich Anlagen auf stillgelegten Kohlebergwerken.

Charlina Vicheva, Leiterin der Generaldirektion Maritime Angelegenheiten und Fischerei der Kommission, wies darauf hin, dass Bulgarien über ein großes Potenzial für die Entwicklung von Offshore-Windparks im Schwarzen Meer verfüge. Sie räumte jedoch ein, dass „der Fokus [im Moment] sehr weit davon entfernt ist.“

Die öffentliche Meinung in Bulgarien steht Windparks an der bulgarischen Schwarzmeerküste ablehnend gegenüber.

Projekt zur CO2-Abscheidung

Die Podiumsdiskussionen zeigten, dass einige Unternehmen bereits EU-Mittel für ihre Projekte nutzen. Ein Beispiel dafür ist ein CO2-Abscheidungsprojekt namens „Anrav“ in einem Zementwerk in der Nähe von Varna. Dieses Projekt zielt darauf ab, mindestens 70 Prozent des CO2 aus dem Produktionsprozess abzuscheiden.

„Die in diesem Projekt verwendete Technologie ist ein Pilotprojekt für die ganze Welt auf industrieller Ebene“, erklärte Konstantin Bozhinov vom Projektpartner „Heidelberg Materials Devnya.“

Die rumänische Erfahrung

Der rumänische Energieminister Sebastian-Ioan Burduja sah eine langfristige Perspektive für die Region in den Bereichen Atomkraft und Energiespeicherbatterien. Außerdem sah er „wunderbare Möglichkeiten“ für eine enge Zusammenarbeit mit Bulgarien, um eine regionale Führungsposition in der Stromerzeugung zu erreichen.

Der Geschäftsführer von Electrohold Bulgaria, Karel Kral, wies jedoch darauf hin, dass die Stromverteilungs- und -übertragungsnetze modernisiert werden müssten, um solch ehrgeizige Projekte zu verwirklichen. Er sagte, Europa strebe eine Elektrifizierung an, die weitgehend auf erneuerbaren Energien basiere, aber die Netze seien für diese Herausforderung nicht bereit.

„Der Gewinner wird nicht derjenige sein, der weiß, wie man Energie produziert, sondern derjenige, der weiß, wie man sie speichert und wieder ins Netz einspeist, wenn sie gebraucht wird“, erklärte Kral.

‚Bulgarien kann ein Modell für Europa sein‘

Valentin Nikolov, Geschäftsführer des Atomkraftwerks Kozloduy, sagte, die Atomkraft sei die langfristige Perspektive für eine grüne Politik.

„Bulgarien kann ein Modell für ganz Europa werden, wenn es um den Betrieb von Reaktoren des Typs AR 1000 geht“, sagte er. Dabei bezog er sich auf einen von Westinghouse Electric Company entwickelten und verkauften Reaktor.

Während der Diskussion wurde jedoch Kritik an der mangelnden Transparenz des Entscheidungsprozesses für den Bau eines neuen Atomreaktors des Typs AR 1000 in Kozloduy geäußert. Zudem wurde befürchtet, dass der endgültige Preis astronomisch hoch und im Vergleich zu Wind- und Solarenergie nicht wettbewerbsfähig sein könnte.

[Bearbeitet von Donagh Cagney/Zoran Radosavljevic/Kjeld Neubert]