Tiermedizin: Özdemir will stärker gegen Antibiotikaresistenzen vorgehen
Agrarminister Cem Özdemir treibt im Bundestag einen Gesetzentwurf voran, mit dem angesichts der zunehmenden Gefahr resistenter Keime der Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung strenger kontrolliert werden soll. Verbände warnen jedoch, die Bemühungen dürften nicht auf Kosten der Tiergesundheit gehen.
Agrarminister Cem Özdemir will den Einsatz von Antibiotika strenger kontrollieren, Verbände warnen jedoch, die Bemühungen dürften nicht auf Kosten der Tiergesundheit gehen.
Mehr als 1,2 Millionen Menschen starben laut einer Anfang des Jahres veröffentlichten Studie im Jahr 2019 weltweit an Infektionen mit antibiotikaresistenten Keimen.
Die EU hat das Problem kürzlich zu einer der drei wichtigsten Gesundheitsbedrohungen in Europa erklärt.
Hintergrund ist der in den letzten Jahren und Jahrzehnten weit verbreitete Einsatz von Antibiotika – sowohl beim Menschen als auch in der Tiermedizin – der dazu geführt hat, dass einige Bakterien eine antimikrobielle Resistenz (AMR) entwickelt haben, dass also Antibiotika bei Infektionen immer häufiger unwirksam sind.
Ein Vorschlag des Bundesagrarministeriums für Änderungen am Tierarzneimittelgesetz sieht nun vor, den Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung engmaschiger zu kontrollieren.
“Antibiotikaresistenzen sind eines der größten Gesundheitsprobleme unserer Zeit – manche sprechen gar von der stillen Pandemie”, betonte Özdemir während einer Debatte zu dem Gesetzentwurf Ende letzter Woche im Bundestag.
Um auch in Zukunft über wirkungsvolle Medikamente für Mensch und Tier zu verfügen, müsse der Einsatz von Antibiotika weiter abgesenkt werden, fügte er hinzu.
Konkret sieht der Gesetzentwurf unter anderem vor, mehr Tiere als bisher in die Regelungen zur Minimierung von Antibiotika einzubeziehen sowie die Vollzugsgewalt der Behörden vor Ort zu stärken.
Außerdem sollen künftig umfassende Daten über den Einsatz von Antibiotika bei Nutztieren an die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) übermittelt werden. Damit würde Deutschland Verpflichtungen aus der Tierarzneimittelverordnung der EU umsetzen.
Tiergesundheit-Balanceakt
Doch der Kampf gegen Antibiotikaresistenzen gleicht einer Gratwanderung.
Einerseits gilt die Tierhaltung als eine der wichtigsten Stellschrauben, um den Einsatz von Antibiotika zu minimieren. Andererseits warnen Verbände, dass die Nutzung der Medikamente dort, wo sie für die Gesundheit der Tiere unumgänglich ist, weiter möglich sein müsse.
Bei jeglichen Maßnahmen zur Antibiotikareduzierung dürfe “die Wahrung der Tiergesundheit nicht vernachlässigt werden”, warnte der Deutsche Bauernverband in einer am Dienstag (19. Oktober) veröffentlichten Stellungnahme im Rahmen einer öffentlichen Anhörung des Agrarausschusses im Bundestag zu dem Gesetzentwurf.
Auch sei “eine pauschale Reduktion der Einsatzmenge” von Antibiotika “nicht gleichzusetzen” mit der Vermeidung von Resistenzen, so der Verband weiter.
Bei allen Bestrebungen nach Reduktion “gebietet es geradezu der Tierschutz, dass kranke Tiere weiter behandelt werden können”, betonte auch Özdemir im Bundestag.
Dies sei aber in der Regel nicht nur eine Frage der Tiergesundheit, sondern auch der Tierhaltung, betonte der Grünen-Minister. Zu viele Antibiotika im Stall seien “immer auch ein Zeichen dafür, dass Tiere offensichtlich falsch gehalten werden”.
EU-Ambitionen umsetzen
In ihrer Farm-to-Fork-Strategie, Herzstück ihrer Lebensmittel-Politik, hat die EU-Kommission das Ziel gesetzt, den Verkauf von Antibiotika für Nutztiere in der EU bis 2030 zu halbieren.
Hierzu trage der deutsche Vorstoß bei, so das Ministerium.
Umweltschützer:innen hatten vor einigen Monaten gewarnt, dass die bisherigen Maßnahmen der EU und der Mitgliedstaaten nicht ausreichend seien, um dieses Ziel zu erreichen.
Besonders in der Diskussion auf EU-Ebene ist eine von der EU-Kommission vorgelegte Liste besonders kritischer Antibiotika, die ausschließlich für die menschliche Anwendung vorbehalten werden und nicht in der Tiermedizin eingesetzt werden sollen.
Sowohl Interessenvertreter:innen als auch EU-Abgeordnete haben scharf kritisiert, für die die Weltgesundheitsorganisation (WHO) eine Reservierung für den menschlichen Gebrauch empfiehlt.
EU erklärt Antibiotikaresistenz zur obersten Priorität
Die Europäische Gesundheitsunion hat am Dienstag (12. Juli) Antibiotikaresistenzen als eine der drei wichtigsten Gesundheitsbedrohungen…
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Streitpunkt Colistin
Besonders im Fokus steht dabei das Mittel Colistin, das zur Behandlung von Infektionen wie Lungenentzündungen verwendet wird, jedoch nicht auf der Liste auftaucht. Stattdessen empfiehlt die Kommission, anderweitig darauf hinzuarbeiten, den Einsatz des Medikaments zu reduzieren.
Mit dem neuen Gesetz will das Bundeslandwirtschaftsministerium auch in Deutschland darauf hinwirken, die Anwendung sogenannter Reserveantibiotika, also kritisch wichtiger Wirkstoffe wie Colistin, zu reduzieren.
“Antibiotika mit kritischer Bedeutung müssen wirksam bleiben”, betonte Özdemir
Feste Vorgaben für die Reduktion gibt es nicht, jedoch müssen Reserveantibiotika bei den gemeldeten Daten zum Antibiotikaeinsatz besonders stark gewichtet werden.
Dies sorge dafür, dass solche Wirkstoffe “so selten wie möglich eingesetzt werden”, so der Minister.
Mathias Pletz, Direktor des Instituts für Infektionsmedizin und Krankenhaushygiene des Universitätsklinikums Jena, begrüßte im Rahmen der Anhörung im Bundestag, dass der Gesetzentwurf darauf abziele, den “massenweisen Einsatz” unter anderem von Colistin weiter zu reduzieren.